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Leitartikel zu Olympia

Die Sucht nach dem Superlativ

Von Stephan Klemm, 27.02.10, 01:30h, aktualisiert 27.02.10, 08:14h

Olympische Spiele stehen unter dem Druck, immer perfekter sein zu müssen. Es ist ja auch nichts an Vancouver und Whistler auszusetzen. Und doch: Was in der viel zu gefährlichen Bob- und Rodelbahn passiert ist - ein Toter und gefühlt 100 Stürze -, ist eine Katastrophe.

Olympia-Gold
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Maria Riesch posiert in Whistler mit ihrer olympischen Goldmedaille. (Bild: dpa)
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Maria Riesch posiert in Whistler mit ihrer olympischen Goldmedaille. (Bild: dpa)
Ganz sicher wird es viel Lob geben für den Verlauf der Olympischen Spiele von Vancouver. In dieser Hinsicht bleibt sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) gewiss auch diesmal treu. Die Bilanz dürfte dann so aussehen wie immer: Alles perfekt, alles besser als jemals zuvor. Das ist übliche Praxis. Aus ihr soll sich immer auch ablesen lassen, wie toll doch die Wahl des Veranstaltungsortes war.

Es ist ja auch nichts an Vancouver und Whistler auszusetzen, beide Orte waren stimmungsvolle Gastgeber in allen Wettbewerben, auch wenn für Kanadier eigentlich nur Eishockey zählt. Die Kulisse war malerisch, die Begeisterung in der Stadt groß, das einheimische Eishockey-Team ist ja auch bis zuletzt dabei. Es gab großartige Bilder, einen gelungenen Wechsel der Spiele zwischen Hallensport in der warmen Stadt und Ski-Wettbewerben in der verschneiten Wildnis, und somit viele gute Gründe, Vancouver und Kanada für all das zu mögen. Das ist ein großer Unterschied etwa zu den glanzlosen, gleichwohl auch im Nachhinein geadelten Wettkämpfen von vor vier Jahren in Turin.

Doch Olympische Spiele unterliegen auch einer permanenten Sucht nach Superlativen. Was in der viel zu gefährlichen Bob- und Rodelbahn passiert ist - ein Toter und gefühlt 100 Stürze -, ist eine Katastrophe. Künftige Ausrichter von Winterspielen müssen nach dieser fatalen Serie dringend dazu übergehen, ihre Lust auf Spektakel zu reduzieren. Die Menschen hätten auch zugeschaut, wenn es sich um einen normalen Eiskanal und übrigens auch eine normale Abfahrtspiste der Frauen gehandelt hätte. Auch im alpinen Bereich gab es viel zu viele Stürze auf einer viel zu anspruchsvollen Strecke, sogar einige der Besten waren betroffen.

Die deutsche Mannschaft hat sportlich das bestätigt, was sie selbst von sich erwartet hat. Deutschland gehört zu den besten Wintersportnationen der Welt, was zeigt, dass die internen Strukturen mit Stützpunkt-Förderungen in den Ost- und Südregionen der Republik funktionieren. Das empfinden die zuständigen Verbände als eine Art Rückenwind für die deutsche Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018 in München. Doch die sportliche Bilanz ist, wenn überhaupt, nur einer von vielen Punkten bei der Vergabe-Entscheidung. Sie wird mit Hinterzimmer-Diplomatie im Juli 2011 getroffen. Dabei dürfte das deutsche Abschneiden von Kanada sekundär sein.

Und dann hat Vancouver auch noch Glück gehabt: Es gab keinen Dopingfall. Vor den Spielen hatte das IOC stolz das größte Kontrollprogramm in der Geschichte von Winterspielen ausgerufen. Dass dabei am Ende nichts heraus kam, darf nicht überraschen: Es liegt nicht im Interesse des IOC, dass Dopingfälle seine auf Sponsorenpflege und -einnahmen bedachte Veranstaltung stören. Das heißt natürlich nicht, dass die vielen wundersamen Leistungen ausschließlich von sauberen Athleten erzielt wurden. Die Testreihen sind unbefriedigend, Betrüger haben einen Vorsprung, weil sie Mittel benutzen, die noch nicht entschlüsselbar sind. Das ist die Schattenseite aller Sportveranstaltungen, das gilt erst recht für das Premium-Produkt Olympische Spiele. Egal wie toll und sauber das IOC sich und seine diesmal nach Vancouver vergebene Veranstaltung auch findet.



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