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Leitartikel zu DSDS

Aufklärung wider Willen

Von Tobias Peter, 28.02.10, 22:02h

Bei der Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ geht es nicht allein um Leistung, sondern auch um Vermarktbarkeit: Aussehen und Auftreten gehören zu den Erfolgsfaktoren. Verwunderlich, dass in diesen Zeiten eine solch kapitalistische Sendung so viel Erfolg hat.

Mehrzad Marashi
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Es geht nicht nur ums Können, sondern auch darum, cool rüber zu kommen: Kandidat Mehrzad Marashi. (Bild: dpa)
Mehrzad Marashi
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Es geht nicht nur ums Können, sondern auch darum, cool rüber zu kommen: Kandidat Mehrzad Marashi. (Bild: dpa)
Ich esse gern Kaninchen, aber ich schlachte es nicht.“ Mehr sagt Juror Volker Neumüller nicht über den Auftritt von Marcel Pluschke. Der kann nicht singen, sieht dabei aber niedlich aus. Damit hat er es unter die vermeintlich besten zehn von Tausenden Kandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar“ gebracht - erst am Samstag war Schluss für ihn. Sein Erfolg ist vergleichbar mit dem vieler talentloser Kandidatinnen, denen in der RTL-Show bescheinigt wird, ein „gutes Gesamtpaket“ zu sein und „zwei tolle Argumente“ zu haben.

Wer das, was sich ihm da im Fernsehen bietet, als oberflächlich, vielleicht sogar primitiv kritisiert, hat sicher nicht unrecht. Nur: Gleichzeitig entgeht Kulturpessimisten, dass es sich bei der Sendung, von den Fans kurz DSDS genannt, um eine eindrucksvolle Gesellschaftssatire handelt. Wenn auch ungewollt.

Es gehört zum Gründungsmythos der sozialen Marktwirtschaft, dass sie auf einer Leistungsgesellschaft aufbaut. Da soll der Starke dem Schwachen helfen. Aber zunächst, so das gesellschaftliche Selbstverständnis, soll es darum gehen, wie tüchtig einer ist. Dabei ist offensichtlich, dass Leistung nur ein Erfolgsfaktor ist. Es zählen auch Aussehen, kalkuliertes Auftreten und gute Beziehungen.

Genau das wird nirgends so offen und zugespitzt gezeigt wie in dieser Show. Überspitzung aber ist das Stilmittel der Satire, die dadurch Missstände offen legt. Selbst Bert Brecht hätte kein kapitalismuskritisches Theaterstück schreiben können, das so unmissverständlich zeigt: „Es geht nicht um den Menschen. Es geht auch nicht um das, was er kann. Es geht um Vermarktbarkeit.“

Die Sendung um Dieter Bohlen ist Kapitalismus pur. Umso überraschender ist ihr Erfolg in Zeiten, in denen sich viele nach weniger Markt sehnen. Da liegt der Gedanke nahe, dass es für den einen oder anderen auch einen Reiz ausmacht, endlich einmal er selbst am Drücker zu sein - per Telefonabstimmung.

Entscheider sein, einen Star kreieren: RTL gelingt es, diese Illusion zu verkaufen - obwohl selbst das Sternchen des Gewinners schnell verglüht. Im Alltag bemerken viele Menschen dagegen nicht einmal, wie viel Macht sie haben. Als Konsumenten können sie mit ihrer Entscheidung, wofür sie Geld ausgeben, die Marktwirtschaft sozial gestalten. Eine Sendung, die diesem Gedanken zum Durchbruch verhilft: Das wäre dann auch gewollt aufklärerisches Fernsehen.



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