Erstellt 28.02.10, 22:01h, aktualisiert 19.03.10, 16:22h
Patti Smith, wie vermeidet man es als alternder Rockstar zur Peinlichkeit zu werden?
PATTI SMITH: Ich weiß es nicht. Es hängt wohl davon ab, was Sie unter „Peinlichkeit“ verstehen. Wenn Sie damit meinen, dass ich mein Publikum nicht mehr begeistern kann, dann hoffe ich, dass es mich das wissen lässt und nicht mehr zu meinen Konzerten kommt. Andererseits versuche ich ja nicht, die anarchistische Performerin zu sein, die ich mit 20, 30 war. Das habe ich gemacht, das interessiert mich nicht mehr. Aber ich glaube, dass ich immer noch über dieselbe Intensität wie damals verfüge. Und im Gegensatz zu anderen Künstlern habe ich mein Meisterwerk nicht bereits in jungen Jahren vollbracht, so dass ich mich jetzt nur noch wiederholen kann. Im Gegenteil: Das Beste liegt noch vor mir.
Wie haben Sie es geschafft, anders als viele ihrer Freunde nicht dem traurigen Klischee „Sex, Drugs and Rock'n'Roll“ zum Opfer zu fallen und sich zu ruinieren?
PATTI SMITH: Ich hatte stets einen Job zu versehen. Seit meinem 16. Lebensjahr musste ich mir meinen Lebensunterhalt selber verdienen. Ich konnte es mir nie leisten, am Morgen nicht zur Arbeit zu erscheinen, bloß weil ich eine wilde Nacht hinter mir hatte. Auch nicht, als ich nach York kam. Hinzu kommt, dass ich von Natur aus kränklich bin. Mein Körper verträgt keinen Missbrauch. Ich fand zwar immer, Jeanne Moreau sehe toll aus, wie sie da so rauchte, aber wenn ich es selber versuchte, wurde mir schlecht. Dasselbe gilt für Alkohol und Drogen. Ich hatte keinen Spaß damit, sie machten mich nur krank. Außerdem sah ich, welchen Schaden dieser leichtsinnige Lebensstil unter meinen Freunden anrichtete. 70 Prozent der Menschen, mit denen ich einst um Andy Warhols runden Tisch saß, sind tot. Ich bin eine Überlebende.
Betrachten Sie den Tod als Feind?
PATTI SMITH: Ich habe kein Problem mit dem Tod. Der Tod ist unschuldig. Auch stirbt jeder von uns ein bisschen anders. Die einen schweben noch eine Weile hier in der Gegend herum, andere schießen los wie Rake ten, weit weg in die Ferne. Das Leben ist wie eine Bank. Wir verfügen über ein Konto mit unseren intellektuellen, emotionalen, positiven und sonstigen Energien, und je nach Kontostand werden wir nach dem Tod an die uns gemäßen Orte verfrachtet. Nein, mit dem Tod habe ich kein Problem. Ein Problem habe ich mit den Krankheiten, die einem geliebte Menschen zu früh wegnehmen. Mit Unfällen und Katastrophen. Gegen sie wehre ich mich mit aller Kraft, mit meinem Leben.
Jemand, den Sie überlebt haben, ist der Fotograf Robert Mapplethorpe. Mit ihm verbrachten Sie Ihre ersten Jahre in New York. Inwieweit haben Sie sich gegenseitig beeinflusst?
PATTI SMITH: Robert wäre auch ohne mich zu dem Robert Mappelthorpe geworden, den wir heute kennen. Er war von seinem Talent stets überzeugt. Obwohl ich ihn dazu gedrängt habe, mit dem Fotografieren anzufangen. Ich leistete ihm Gesellschaft an dem einsamen Ort, den er sich als Künstler ausgesucht hatte, und sorgte für eine gewisse Stabilität in seinem Leben, auch in finanzieller Hinsicht. Was er für mich tat, war mehr. Er glaubte an mich und hielt mich für seiner ebenbürtig. Dabei war er zweifellos der begabtere von uns beiden. Ich wollte zwar Künstlerin werden, aber ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich die nötigen Fähigkeiten dafür besaß. Robert ließ mich keine Sekunde daran zweifeln. Er zwang mich, meine Träume zu verwirklichen.
Ihr Ziel ist es, Poesie mit Rock'n'Roll zu vereinen. Wie nahe sind sich diese Disziplinen?
PATTI SMITH: Reine Poesie ist ihr ganz eigenes Ding. Wenn ich Gedichte schreibe, denke ich nicht daran, ob sie den Leuten gefallen werden. Dann fühle ich mich allein den Göttern der Dichtung verpflichtet. Wenn ich dagegen Songtexte schreibe, will ich damit ein Publikum erreichen. Dass die Texte lyrische Qualitäten haben, ist wichtig, aber sie müssen zugänglich sein. Letztlich ist die Art der Interpretation entscheidend. Für mich liegt die Essenz des Rock'n'Roll in der Darstellung, in jenem magischen Moment, in dem die Band mit dem Publikum zusammenfindet.
Viele Ihrer Vorbilder sind Europäer, darunter der französische Dichter Arthur Rimbaud. Fühlen Sie sich dennoch als amerikanische Künstlerin?
PATTI SMITH: Ich bin am amerikanischsten, wenn ich auf der Bühne stehe. Wenn ich Rock'n'Roll spiele, spüre ich die Freiheit, die jugendliche Respektlosigkeit dieser Musik, die Amerika hervorgebracht hat. Was mein übriges Werk angeht, meine Zeichnungen, Fotografien und Gedichte, fühle ich mich eher wie jemand aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts. Und vielleicht ein bisschen arabisch. Doch meine Ungeschliffenheit und meine Zähigkeit sind definitiv amerikanisch.
Sind Sie eine Nostalgikerin?
PATTI SMITH: Dieses Stadium habe ich längst hinter mir. Ich vermisse so viel - nicht nur Menschen, die ich geliebt habe, und unschuldigere Zeiten, sondern auch Häuser, die ich nie gesehen und Szenen, die ich nie erlebt habe. Als ich klein war, besaßen wir einige Reiseführer, die vor dem Zweiten Weltkrieg gedruckt worden waren. Ich zeigte meinem Vater Bilder von Dresden und Tokio und sagte: Da will ich hin, das will ich sehen. Als mein Vater mir antwortete, das gäbe es alles nicht mehr, war ich unendlich traurig. Ich vermisse also sehr viel mehr als bloß eine Zeit, in der es noch keine Handys und Computer und Kreditkarten gab.
Welche Erinnerung nähmen Sie auf eine einsame Insel mit?
PATTI SMITH: (Pause) Sie haben keine Ahnung, wie viele Erinnerungen im meinem Kopf gerade um diese Ehre kämpfen. Wenn ich wirklich nur eine Erinnerung mitnehmen dürfte - vielleicht die: Ich war etwa zehn Jahre alt und mit meinem Hund im Wald spazieren. Mein Hund und ich schauten einander an, und es war, als würde sich uns plötzlich die ganze Welt eröffnen - abstrakt, rein, wunderschön.
Das Gespräch führte Sacha Verna
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Wolfsburg-Freiburg 3:2 - Doppelpack von Jiracek rettet Wolfsburger PflichtsiegFörderung gedeckelt - Billig-Solar soll Vorrang bekommen

EXPRESS
Berlinerin gewinnt Finale - Ivy Quainoo ist „The Voice of Germany“Sanktionen aufgehoben - FC begnadigt die Wilde Horde

Spiegel Online
Kampf gegen Staatspleite: Krisen-Premier Papademos paukt Sparpaket durchCastingshow-Finale: Ivy ist "The Voice of Germany"