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Leitartikel zum Stadtarchiv

Die Stadt des Misstrauens

Von Peter Berger, 02.03.10, 21:05h, aktualisiert 08.03.10, 07:19h

Der Einsturz des Stadtarchivs hat Köln in seinen Grundfesten erschüttert. Die Konsequenzen sind verheerend: Die Bürger haben nach den Enthüllungen über den U-Bahn-Bau das Vertrauen in Politik und Verwaltung vollends verloren.

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Blick auf das zerstörte Stadtarchiv in der Severinsstraße. (Bild: dpa)
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Blick auf das zerstörte Stadtarchiv in der Severinsstraße. (Bild: dpa)
Der Einsturz des Stadtarchivs hat Köln in einer Weise erschüttert, dass alle Folgen dieses Bebens bis heute nicht absehbar sind. Was vor Jahresfrist im Schock über zwei Menschen, die ihr Leben verloren, und unter dem Eindruck von Schutt und Trümmern als vage Ahnung formuliert wurde, stellt sich inzwischen deutlicher dar. Von einer Zäsur war damals die Rede, davon, dass nichts werde mehr so sein wird, wie es vorher war.

Heute wissen wir mehr. Wir können feststellen, dass Köln sein Gedächtnis nicht für immer verloren hat. Es ist zum großen Teil geborgen, lagert in Archiven verstreut über die Republik und wird über Jahrzehnte hinaus gar nicht oder nur eingeschränkt nutzbar sein. Das ist tragisch, aber längst nicht die Katastrophe, die am 3. März 2009 befürchtet worden war.

Was schwerer wiegt ist die Erkenntnis, dass sich der mehr als eine Milliarde teure Bau der Nord-Süd-Stadtbahn als unbeherrschbares Großprojekt erweist. Da werden Eisenbügel gestohlen, Bauprotokolle gefälscht, illegale Brunnen gesetzt und ungenehmigte Grundwassermengen abgepumpt, da versagt die Kontrolle auf allen Ebenen. Angefangen bei der KVB bis hin zu einer staatlichen Instanz, in diesem Fall der Bezirksregierung Düsseldorf, die die hoheitliche Aufgabe der Kontrolle aus Personalmangel an den Bauherrn delegiert. Der möge sich bitte selbst kontrollieren. Dieser Staat, der seine ureigensten Aufgaben nicht wahrnimmt, ja sogar Verordnungen schafft, um sich ihrer zu entledigen, erzeugt Misstrauen.

Genau das erleben wir derzeit in Köln. Die Bürger haben das Vertrauen verloren. In eine Stadtverwaltung, die bei der Aufklärung des Bauskandals hinterher hechelt und in ihrer Not eine Armada von Betonmischern zum Heumarkt schickt, um eine angeblich sichere Baugrube noch sicherer zu machen. In eine Kommunalpolitik, die nicht in der Lage ist, die Konsequenzen aus der Katastrophe zu ziehen. Dass die KVB mit dem Bau der U-Bahn überfordert war, ist bisher ohne Folgen geblieben. Wohl auch, weil Politik und kommunale Unternehmen auch personell so eng miteinander verwoben sind, wie man das vom Eisengeflecht in den U-Bahn-Wänden erwartet hätte. Man hat sogar den Eindruck, dass die Baufirmen und die KVB angesichts des Desasters weiterhin zusammenstehen. Weil sie auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen sind.

Das tiefe Misstrauen der Kölner in Politik und Verwaltung hat Folgen. Es ist kein Zufall, dass Initiative „Mut zu Kultur“ innerhalb weniger Wochen 32 000 Unterschriften für den Erhalt des Schauspielhauses gesammelt hat. Und dass „Köln kann auch anders“ in kurzer Zeit derart viele Unterstützer findet.

Viele Kölner werden das Bürgerbegehren zum Schauspielhaus aus purer Verzweiflung unterzeichnet haben: Bitte nicht noch so ein großes Bauprojekt, das dann wieder aus dem Ruder läuft. Die Politik täte gut daran, diese Initiativen ernst zu nehmen. Nur so lässt sich Glaubwürdigkeit zurückgewinnen.

Der U-Bahn-Skandal scheint zu bestätigen, was angesichts des Jahrestages gesagt und geschrieben wird: Köln, das ist die Hauptstadt des Klüngels und der Korruption, in der Pfusch zum Brauchtum gehört und Schlamperei ein Ordnungsprinzip ist. Genau das trifft in diesem Fall nicht zu. Geschlampt und geklaut wurde auch beim Stadtbahnbau in Düsseldorf, bei der ICE-Trasse Ingolstadt - München und es ist wahrscheinlich, dass bei den Untersuchungen weiterer großer Projekte ähnliche Skandale ans Tageslicht kommen. Das ist keine Entschuldigung, sondern mag ein kleiner Trost für die Kölner Bürger sein, die ihre Stadt lieben und deshalb zurzeit besonders heftig an ihr leiden.



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