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Erkältung

Niesen stärkt das Immunsystem

Von Justine Kocur, 04.03.10, 22:00h, aktualisiert 05.03.10, 09:29h

Eine Erkältung ist lästig, in den meisten Fällen aber harmlos. Für den Aufbau der körpereigenen Abwehr ist sie zum langfristigen Schutz sogar lebenswichtig. Das „immunologische Gedächtnis” bildet sich mit jedem Mal mehr heraus.

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Eine Erkältung ist für die körpereigene Abwehr lebenswichtig. (Bild: Thinkstock)
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Eine Erkältung ist für die körpereigene Abwehr lebenswichtig. (Bild: Thinkstock)
Schnupfen, Husten, Halsschmerzen und Abgeschlagenheit: Eine Erkältung ist lästig, meist aber harmlos - und für das Immunsystem besonders wichtig. „Sie trainiert die Abwehr und schützt den Körper langfristig“, sagt Prof. Werner Solbach, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie und Hygiene am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck, und Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Mediziner unterscheiden zwischen dem angeborenen und dem erworbenen Immunsystem. Das Angeborene bringt jeder Mensch bei der Geburt mit. „Es beinhaltet alle Bestandteile wie Zellen und Flüssigkeiten, die wir für das Leben brauchen“, berichtet Solbach. Besonders wichtig sind die Fresszellen und die von der Mutter übertragenen, sozusagen mitgelieferten, Antikörper.

Sobald ein Neugeborenes das Licht der Welt erblickt, wird seine Abwehr gefordert: „Da Bakterien überall lauern, kommen die Haut oder der Darm des Babys sofort mit ihnen in Kontakt“, sagt der Mediziner. In den meisten Fällen ist das jedoch harmlos. Die Fresszellen und Antikörper werden aber schon bei den Kleinsten vor allem dann aktiv, wenn Keime beispielsweise über Wunden oder die Nahrung den Körper erreichen. Dann muss das Immunsystem Arbeit leisten, um die Erreger in Schach zu halten. Je häufiger das geschieht, desto mehr bildet sich ein „immunologisches Gedächtnis“ heraus, das für unser Leben von enormer Bedeutung ist.

Solbach: „Das immunologische Gedächtnis wird von Geburt an beansprucht. Um das erworbene Immunsystem zu entwickeln und eigene Antikörper gegen möglichst viele Erreger zu bilden, muss es regelmäßig angeregt werden.“ Entscheidend sind dafür die ersten fünf Lebensjahre. „Deshalb sollte ein Kind in dieser Zeit häufig mit verschiedenen Keimen in Kontakt kommen“, sagt Solbach. So kommt die Abwehr auch zu einem späteren Zeitpunkt leichter mit einem Erreger zurecht, wenn es ihn bereits kennt. Der Mediziner nennt diesen Prozess auch gerne „Immunjogging“. Eine Erkältung ist also schon bei Kindern nicht per se schlecht, sondern eher eine Art Training für das Immunsystem.

Was für Kinder gut ist, kann für Erwachsene nicht schlecht sein. Dieser Satz gilt auch für das immunologische Training eines erwachsenen Menschen. Laut Solbach sollten auch diese im Laufe ihres Lebens immer wieder mit Erregern in Kontakt kommen, um das Immunsystem und sein Gedächtnis auf Trab zu halten. Dabei sind die wichtigsten Zellen der körpereigenen Abwehr die sogenannten T- und B-Lymphozyten, die gemeinsam gegen Erreger angehen und entsprechende Antikörper bilden.

Insgesamt gibt es mehr als 500 Viren, von denen rund 100 im Alltag von Bedeutung sind. Bei dieser Anzahl ist das Immunsystem jeden Tag aufs Neue gefordert und kann sich nicht gegen jeden Erreger erfolgreich wehren. Deshalb bekommen Erwachsene pro Jahr mindestens ein bis zweimal einen Infekt, Kinder in den ersten fünf Lebensjahren sogar bis zu zehnmal im Jahr. Solbach nennt den Grund: „Sie sind in ihrem Leben noch nicht mit so vielen Erregern in Kontakt gekommen wie Erwachsene.“ Die kindliche Abwehr muss also mehr trainiert werden als die erwachsene.

Zwischen dem 10. und 60. Lebensjahr ist das Immunsystem am funktionstüchtigsten. Danach lässt es laut Solbach nach, ist nicht mehr so flexibel und anpassungsfähig wie noch in jüngeren Jahren - ein Grund, warum ältere Menschen häufiger einen grippalen Infekt entwickeln.

Wer sich erkältet, hat nicht unbedingt ein schwaches Immunsystem. Vielmehr ist es der bisher fehlende Kontakt mit diesem einen Erreger, der für die jetzige Erkältung verantwortlich ist. Erkennt der Körper den Keim wieder, weil er vielleicht bereits vor Jahren mit ihm konfrontiert wurde, wird die Erkrankung milder verlaufen als bei Menschen, deren Organismus den Erreger noch nicht kennt.

Zeigen sich erste Symptome wie Hals- und Kopfschmerzen oder Abgeschlagenheit, arbeitet der Körper bereits fleißig auf Hochtouren. „Meist dauert es zwei bis sieben Tage, bis die Abwehr die unbekannten Eindringlinge erkennt und die Verteidigungslinien aufbaut. Kennt der Organismus das Virus, setzt die Abwehr schon früher ein“, sagt Solbach. An der alten Weisheit, eine Erkältung komme sieben Tage, bleibe sieben Tage und gehe sieben Tage sei tatsächlich etwas Wahres dran.

Wen es erwischt hat, der kann im Grunde nur abwarten und al lenfalls die Symptome mit Hausmitteln wie warmen Bädern, Inhalationen oder einem heißen Lindenblüten-, Thymian- oder Holundertee, beziehungsweise entsprechenden Erkältungsmitteln, etwas lindern. Gegen die Viren sind sie allerdings machtlos. „Die beste Strategie ist immer noch die Vorsorge“, weiß Solbach (siehe Kasten). Ansonsten hilft dem Körper viel Flüssigkeit, um die Viren mit dem Urin auszuspülen und allen voran Schlaf. „Durch die Erreger werden Botenstoffe freigesetzt, die uns müde machen“, erklärt Solbach. Aus diesem Grund fühlen wir uns bei einem grippalen Infekt müde und schwach und wollen nur ins Bett. Anhand der Symptome meldet der Körper also genau, was er zur erfolgreichen Bekämpfung der Erreger braucht: Ruhe und Schlaf.

Die Gefahr sich anzustecken, ist in den ersten zwei Tagen vor Ausbruch der Erkältung und in den ersten zwei bis drei Tagen danach am größten. Wer anfangs zum Beispiel über Halsschmerzen klagt, sollte in dieser Zeit lieber zu Hause bleiben - aus Rücksicht auf seine Mitmenschen. Nach fünf bis sieben Tagen „hat das Immunsystem gewonnen und die Erkältung ist vorbei“.

Doch warum hält sich ein Schnupfen meist viel länger, obwohl wir uns körperlich wieder fit fühlen? Der Mediziner nennt das den „Kollateralschaden, dessen Heilungszeit länger dauert". Beim Bekämpfen der Viren muss das Immunsystem die infizierten Zellen zerstören. Dabei kann es passieren, dass auch benachbarte gesunde Zellen in Mitleidenschaft gezogen werden. Bis sich diese erneuert haben, vergehen einige Tage.



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