Von Christian Satorius, 05.03.10, 21:04h
Schon als Alexander von Humboldt im Jahre 1804 die ersten Exemplare mit nach Europa bringt, gelten sie im Pariser Naturkundemuseum schnell als Kuriositäten. Selbst der Name des kleinen Amphibiums klingt in unseren Ohren ungewöhnlich: übersetzt bedeutet Axolotl so viel wie „Wassermonster“ oder auch „Wasserhund“ und das nicht ohne Grund. Das Wort setzt sich in der Sprache der mexikanischen Ureinwohner, dem Nahuatl, zusammen aus „Atl“ für „Wasser“ und „Xolotl“, wobei letzteres „Hund“ bedeutet, aber auch der Name eines Aztekengottes ist. Dieser wird oftmals mit einem monströsen Hundekopf dargestellt wird, nämlich dem des Zwillings Quetzalcoatls. In der aztekischen Mythologie gibt es eine Geschichte, in der die Götter beratschlagen, wer von ihnen geopfert werden soll, um ein neues Zeitalter einzuleiten. Um dieser Opferung zu entgehen, verwandelt sich Xolotl in den Axolotl, diesen ganz besonderen Wasserhund, „Wassermonster“ ist in diesem Fall vielleicht das treffendere Wort. (Es gibt aber auch Linguisten, die in dem Axolotl in erster Linie eine „Wasserpuppe“ sehen, Xolotl ist nämlich ein vielschichtiger Gott, der sich nicht so leicht in Schubladen stecken lässt.)
So oder so: der kleine mexikanische Molch sieht in der Tat ein wenig aus wie ein Monster, denn im Gegensatz zu den bekannteren Lurchen trägt der Axolotl seine Kiemen weit aufgestellt außerhalb des Kopfes, sie wachsen praktisch seitlich aus diesem heraus. Das ist aber nicht die einzige Ungewöhnlichkeit: für Biologen viel interessanter ist, dass die Tiere niemals erwachsen werden. Neotenie bezeichnen Wissenschaftler diese Eigenschaft. Die Lurche verbleiben Zeit ihres Lebens im Larvenstadium und pflanzen sich in diesem auch fort. Das ist in etwa so, also würden Frösche sich nicht zum erwachsenen Frosch umbilden, sondern immer nur Kaulquappe bleiben und sich auch in dieser Form vermehren. Die Axolotlmolche gehen auch keinesfalls an Land, wie man es von Amphibien vielleicht erwarten könnte. Für diese ungewöhnliche Art zu Leben, ist ein angeborener Schilddrüsendefekt (Dysfunktion der Hypophysen-Schilddrüsenachse) verantwortlich, der weiter vererbt wird.
Interessanterweise kann den Tieren die für die vollständige Entwicklung notwendigen Schilddrüsenhormone im Labor verabreicht werden und dann - in diesem künstlich geschaffenen Ausnahmefall - wandeln sich die Lurche zu Erwachsenen und können das Wasser nun auch verlassen und an Land leben.
Als wenn das noch nicht genug wäre, so warten die Querzahnmolche auch noch mit einer weiteren Außergewöhnlichkeit auf: sie besitzen eine besondere Regenerationsfähigkeit, die so ungewöhnlich ist, dass sie die Tiere für die medizinische Forschung interessant macht. Vor allem junge Exemplare können nämlich Gliedmaßen, Organe und sogar Teile des Gehirns nachbilden, sollten sie im Kampf mit Beute machenden Feinden beschädigt oder gar verloren gegangen sein. Die Regenerationsmediziner geben die Hoffnung nicht auf, den Tieren ihren Trick einst abzuschauen. Schließlich würde das auch für die Humanmedizin interessante Alternativen ergeben. Leider geben die Lurche ihre Geheimnisse nicht so leicht Preis.
Und auch was den Ambystoma mexicanum selbst betrifft, so macht ihn diese Fähigkeit nicht zu einem Überlebenswunder. Seine Zukunft sieht nicht so rosig aus, denn die Salamanderverwandten sind im Begriff, ihren angestammten Lebensraum für immer zu verlieren. Weltweit kommen sie nur in einem einzigen See in Mexiko vor, dem Xochimilcosee. Und dieser Lebensraum ist durch Verschmutzungen und Schadstoffe zunehmend unbewohnbar geworden. Die Naturschutzunion IUCN führt den Axolotl deshalb auch als vom Aussterben bedroht in der Roten Liste. Mittlerweile ist die paradoxe Situation eingetreten, dass sich inzwischen mehr Tiere in den Aquarien rund um den Globus finden lassen, als in der Natur. Allerdings könnte vielleicht gerade das die Rettung des kleinen Molchs sein, sollten die mexikanischen Heimatgewässer eines Tages unbewohnbar sein. In der Gefangenschaft lassen sich die Tiere im Aquarium ganz gut halten, wenn es hier auch einige Besonderheiten zu berücksichtigen gibt. (Siehe Kasten).
Möglich, dass die mexikanischen Molche nun nach dem Roman „Axolotl Roadkill“ zu einem Modetier werden, ähnlich wie die Dalmatinerhunde nach Disneys 101-Dalmatiner-Film oder auch die Anemonenfische, die durch den Findet-Nemo-Film bekannt geworden sind. Einige Zoofachhändler registrieren zumindest schon jetzt eine gestiegene Nachfrage.
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