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Analyse

Ein Spiel, in dem es keine Sieger gibt

Von Boris Herrmann, 04.03.10, 23:01h

MÜNCHEN - Um 14.55 Uhr, mit fast zweistündiger Verspätung, betritt Manfred Amerell den Saal 270 im Münchner Landgericht I und stellt sich hinter den schmucklosen Holztisch mit dem Tischkärtchen „Kläger“. Er lächelt, kaut Kaugummi, hin und wieder schaut er zu Decke, damit seine Tränen wieder nach innen kullern. Es dauert fünf Minuten bis Richter Peter Lemmers, ein ausgewiesener Mann des geschlichteten Verfahrens, über eine Beschallungsanlage das vortragen kann, was zu diesem Zeitpunkt bereits jeder der rund 200 anwesenden Journalisten und Schaulustigen erwartet. Der ehemalige Schiedsrichterbetreuer Amerell und der Deutsche Fußballbund haben sich hinter den Kulissen geeinigt. Der Fußballbund verpflichtet sich, nach Ausschluss der Öffentlichkeit, die Namen jener drei Schiedsrichter zu nennen, die am vergangenen Sonntag in einer kleinen Journalistenrunde anonym gegen Manfred Amerell ausgesagt haben, ihn der sexuellen Nötigung bezichtigten und damit die Darstellung des Schiedsrichters Michael Kempter erhärtet haben.

Bußgeld droht

Amerell verpflichtet sich seinerseits, diese Namen ausschließlich seiner Ehefrau und „seinen Prozessbevollmächtigten“ zu nennen. Bei Zuwiderhandlung droht ihm ein Bußgeld von 25.000 Euro. Der DFB darf damit weiterhin jene Passage seiner Pressemitteilung vom 16. Februar verbreiten, die einzig und alleine Gegenstand dieser Verhandlung in München war: „Unabhängig haben mehrere Personen in den Anhörungen zu Protokoll gegeben, von Herrn Amerell in der Vergangenheit bedrängt und / oder belästigt worden zu sein.“

Das ist ein kleiner Sieg für Theo Zwanziger und seinen Verband, er geht allerdings auf Kosten einer großen Niederlage. Amerell und sein Anwalt Jürgen Langer ziehen zwar ihre Klage gegen eine Meldung zurück, die ohnehin in der Welt ist. Aber sie haben jetzt das, was sie seit Tagen wollten: die Namen aller Zeugen. Man musste kein Prophet sein, um zu wissen, dass sie damit nun eine Verleumdungsklage anstrengen, dass die Namen im Laufe dieses Folgeprozesses ohnehin an die Öffentlichkeit gelangen und dass sich der DFB noch auf weiteres Ungemach gefasst machen kann. Am Morgen des Münchner Vergleichs hatte die Süddeutsche Zeitung von einem brisanten E-Mail-Verkehr zwischen Kempter und Amerell berichtet, der die Glaubwürdigkeit der Aussagen des jungen Bundesligaschiedsrichters in ihren Grundfesten erschüttert.

Demnach hat es wohl doch ein einvernehmliches Intimverhältnis zwischen beiden Männern gegeben, und zwar just an jenem Wochenende im Herbst 2008, als Kempter seiner Aussage zufolge in einem Hotel von Amerell belästigt worden ist. Das schmutzige Spiel geht nicht trotz, sondern gerade wegen des gestrigen Vergleichs munter weiter. Es ist ein Spiel, in dem es keine Sieger geben wird. Der DFB, allen voran sein schwankender Präsident Theo Zwanziger, muss sich vorhalten lassen, den Familienvater Amerell auf Basis fragwürdiger Zeugenaussagen voreilig und ohne Not öffentlich an den Pranger gestellt zu haben.

Kempter soll wieder pfeifen

Zwanziger liegt gewiss nicht falsch mit der gestern geäußerten Vermutung, dass ihn diese kalkulierte Unvorsicht den Kopf kosten könnte. Und Michael Kempter? Der soll vielleicht bald schon wieder auf dem Platz stehen. Es steht die Vermutung im Raum, dass jene drei anonymen Schiedsrichter, die seine Aussage am Sonntag stützen, engste Vertraute von ihm sind. Wenn das stimmt, wenn sie möglicherweise eine Eidesstattliche Versicherung unterzeichnet haben, die unter dem Druck der zu erwartenden Rufmordklage aus dem Amerell-Lager in sich zusammen fallen, dann werden etwaige Schmähgesänge von den Tribünen noch das geringste Problem sein, dem sich Michael Kempter in den kommenden Wochen konfrontiert sieht.



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