Erstellt 08.03.10, 21:03h
JENS HOFFMANN: Es bringt sicher nicht in jedem Fall schnelle Hilfe für das Opfer. Es wäre auch unrealistisch, das zu erwarten. Das Gesetz entfaltet aber eine deutliche indirekte Wirkung, eine Signal-Wirkung an alle Beteiligten: Opfer, Täter und nicht zuletzt Polizei und Strafverfolgungsbehörden. Das ist schon viel wert.
Im Jahr 2008, dem ersten vollen Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes, wurden in Deutschland an die 30 000 Stalking-Anzeigen aktenkundig, aber nur 500 Täter verurteilt. Das wirkt nicht sehr effektiv.
HOFFMANN Das Wichtigste ist, dass das Stalking aufhört. Ob der Täter tatsächlich verurteilt wird, ist im Grunde zweitrangig. Wir wissen, dass in mehr als der Hälfte der Fälle die Nachstellungen und Bedrohungen aufhören, wenn die Polizei frühzeitig beherzt eingreift, also etwa dem Täter in der sogenannten Gefährder-Ansprache klar gesagt wird, dass sein Verhalten nicht tolerierbar ist.
Man hört aber von Fällen, in denen nach einer Anzeige das Strafverfahren über Monate nicht in Gang kommt. Das ist doch sicher das falsche Signal an die Täter.
HOFFMANN Ja, das ist wirklich bitter für die Opfer, denn wenn nach der Anzeige nichts passiert, ermutigt das die Täter sogar, weil es sie in ihrem Machtgefühl bestätigt.
Wenn der ehemalige Lebenspartner nach der Trennung zum Stalker wird, scheinen sich viele Frauen schwer zu tun, Hilfe zu suchen. Warum?
HOFFMANN Scham spielt hier eine große Rolle. Die Frauen scheuen sich, sich selbst und vor allem ihrem Umfeld einzugestehen, dass ihnen die Situation entglitten ist. Sie sind auch erschüttert, dass sie sich in ihrem Ex-Mann so getäuscht und die Beziehung offenbar nicht realistisch wahrgenommen haben. Außerdem ist oft gar nicht so klar, wann das Verhalten des Ex-Partners zu Stalking wird. Das ist ein Prozess, ein schrittweises Überschreiten von Grenzen. Die Frauen haben meistens schon weit im Vorfeld immer wieder die Momente verpasst, in denen es wichtig gewesen wäre, sich klar abzugrenzen.
Fühlen sie sich vielleicht anfangs sogar geschmeichelt, wenn der Mann derart intensives Interesse an ihnen zeigt?
HOFFMANN Ja, das spielt in der Entstehung mancher Stalking-Fälle auch eine Rolle. Man kann sich natürlich wichtig fühlen, wenn einer stündlich SMS schickt.
Was treibt die Stalker an?
HOFFMANN Dahinter steckt letzten Endes ein massiv gestörtes Bindungsverhalten. Der typische Ex-Partner-Stalker kommt mit der Zurückweisung durch die ehemalige Partnerin nicht zurecht. Das kränkt ihn zutiefst und bedroht seinen Selbstwert derart, dass er eine enorme Wut gegen die Frau entwickelt. Er fixiert sich völlig auf diese Person, er kann die Bindung nicht lösen. Das Frappierende ist, dass er überzeugt ist, selbst das eigentliche Opfer zu sein, weil er von der Frau verlassen wurde. Die Täter haben an dieser Stelle eine völlige Realitätsverzerrung.
Kennt ein Stalker denn gar kein Mitgefühl mit seinem Opfer?
HOFFMANN Im Bezug auf sein Opfer ist er zu Empathie tatsächlich nicht fähig - im Bezug auf andere Menschen aber durchaus! Es ist übrigens ein Fehler, an sein Mitgefühl zu appellieren, etwa in dem Tenor „Schau mal, was du der armen Frau antust“. Das ist für ihn eine Treffermeldung und ermuntert ihn eher weiterzumachen.
Das Verhalten der Täter erinnert an kleine Kinder, die versuchen, wenn sie keine liebevolle Zuwendung bekommen, wenigstens negative Aufmerksamkeit zu erregen.
HOFFMANN Das stimmt. Stalker haben in aller Regel eine frühkindliche Bindungsstörung und hängen in einer Art Zeitschleife fest. Immer und immer wieder piesacken sie ihre Bindungsperson, um ihr irgendeine emotionale Reaktion zu entlocken. Jede wie auch immer geartete Reaktion ist Futter für sie.
Sehen die Täter, dass sie ein Problem haben?
HOFFMANN Nein, diese Einsicht fehlt den meisten völlig. Deswegen kommen auch nur sehr wenige in therapeutische Behandlung.
Wenn so wenig Einsicht vorhanden ist - wie kann man dann einen Stalker dazu bringen, die Verfolgung einzustellen?
HOFFMANN Dafür müssen Opfer, Polizei und andere Helfer eng zusammenarbeiten. Zunächst ist wichtig, den Stalker möglichst frühzeitig mit klaren Grenzziehungen zu konfrontieren. Polizisten und Therapeuten müssen wissen, dass Konsequenzen, die sie androhen, auch tatsächlich erfolgen müssen. Die Opfer müssen den Täter aushungern, das heißt, möglichst überhaupt nicht mehr auf ihn reagieren. Schließlich sind spürbare Strafen tatsächlich effektiv.
Was sagen Sie zu Angeboten von Freunden oder Angehörigen des Stalking-Opfers, dem nervigen Ex mal die Meinung zu geigen oder ihm mit Prügeln zu drohen?
HOFFMANN Von solchen Gegenwehr-Aktionen rate ich dringend ab, denn die Situation kann dadurch dermaßen eskalieren, dass am Ende einer tot da liegt.
Das Interview führte Susanne Issig
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige
![]() |
Mahjongg Fortuna » 2337 Spieler |
![]() |
Zuma » 1507 Spieler |
![]() |
Bookworm » 1263 Spieler |
![]() |
Bubble Shooter » 1034 Spieler |
![]() |
Bejeweled 2 » 956 Spieler |