Von Susanne Issig, 08.03.10, 21:03h, aktualisiert 20.03.11, 17:56h
Mehr als anderthalb Jahre lang gab es kaum einen Moment in ihrem Leben, in dem die heute 24 Jahre alte Nicole Enders sich unbeobachtet fühlen konnte. Ihr gleichaltriger Ex-Freund verfolgte und bedrohte sie. Er rief sie zu jeder erdenklichen Uhrzeit an, schickte phasenweise Dutzende SMS pro Tag. Immer wieder bedrängte er sie so lange, bis sie einwilligte, ihn doch wieder in ihre Wohnung zu lassen. Wenn sie ihn in einem der endlosen Gespräche, die er ihr dort aufzwang, aufforderte, sie endlich in Ruhe zu lassen, konterte er mit Drohungen. „Er sagte, er würde mich umbringen oder meinem Vater etwas antun“, erzählt die junge Frau. Da ihr Ex bereits wegen eines Raubdelikts vorbestraft war, traute sie ihm durchaus zu, dass er gewalttätig werden könnte. „Ich habe in ständiger Angst gelebt“, sagt Enders im Rückblick, „wie ein gehetztes Tier“.
Verheimlichungen und SchweigenLange versuchte sie, vor Familie und Freunden zu verbergen, dass sie ein Stalking-Opfer geworden war. „Ich wollte sie schützen“, erklärt sie. „Ich dachte, er würde auch meine Eltern heimsuchen oder jeden Mann, den er mit mir sieht, zusammenschlagen.“ Immerhin erkundigte sie sich bei zwei Polizisten aus dem Bekanntenkreis, was sie gegen die Nachstellungen tun könnte. „Sie meinten beide, ich könnte zwar Anzeige erstatten, aber das würde vermutlich nicht viel bringen“, erzählt sie. „Also habe ich es gelassen.“
Nicole Enders zog sich immer weiter zurück. Sie ging kaum noch aus, sie traf sich nur noch mit wenigen eingeweihten Freundinnen. „Nur auf der Arbeit hat er mich in Ruhe gelassen“, berichtet sie. „Das war der einzige Ort, wo ich mich halbwegs sicher fühlen konnte.“
„Eines Nachts saß er auf meiner TerrasseEinen solchen „stalkingfreien“ Raum gibt es im Leben von Andrea Schmidt (46, Name geändert) aus Köln nicht mehr. Ihr Ex-Freund, der in einer anderen Stadt lebt, setzte nach der Trennung vor gut anderthalb Jahren zunächst ebenfalls auf die „klassischen“ Nachstellungsmethoden: SMS-, Mail- und Telefonterror und Auflauern an unerwarteten Orten. „Eines Nachts saß er auf meiner Terrasse und sprach mich unvermittelt aus der Dunkelheit an“, schildert sie eine der Schreck-Situationen, die er inszenierte.
Später begann er, ihr gesamtes Umfeld mit verleumderischen Briefen zu überziehen. Ihrem Ex-Mann, ihren ehemaligen Schwiegereltern, vielen ihrer Freunde, schließlich auch mehreren Vorgesetzten schickte der Mann lange, wirre Schreiben, in denen er unter anderem behauptete, sie besuche Swingerclubs, vernachlässige ihre drei Kinder und habe eine größere Summe Geld veruntreut.
Rufmord-Kampagne macht einsam„Es war sehr bitter für mich, dass manche, die ich für meine Freunde hielt, sich nicht trauten, mich darauf anzusprechen, sondern stattdessen mit Dritten darüber redeten“, erzählt die 46-jährige Kölnerin. „Ich wusste nicht mehr, wem ich trauen kann und wem nicht.“ Das einst gute Verhältnis zu ihren Schwiegereltern entglitt in gegenseitige Vorhaltungen und ist heute sehr distanziert. „Er hat es tatsächlich geschafft, mich durch diese Rufmord-Kampagne weitgehend zu isolieren“, so Schmidts bittere Bilanz.
Sie versuchte durchaus, sich zu wehren. Sie erwirkte eine sogenannte „einstweilige Verfügung“ bei Gericht, die es ihrem Ex für mehrere Monate untersagte, sich ihr zu nähern. „Darüber hat er sich einfach hinweggesetzt“, erzählt sie.
Einmal, als er ihr vor einem Schwimmbad aufgelauert hatte, rief sie per Handy die Polizei. Die Beamten erklärten ihr, dass sie nichts tun könnten, solange der Mann die vorgeschriebenen 50 Meter Abstand einhalte und sich ansonsten unauffällig verhalte. „Da wusste ich, dass dieses Näherungsverbot gar nichts bringt.“
Strafanzeige wird fallengelassenWenig später erstattete sie erstmals Strafanzeige gegen den Stalker. Das Verfahren wurde zu ihrem Entsetzen eingestellt, der Fall als „Beziehungstat“ abgetan. „Der Polizist damals hat alles nur sehr knapp aufgenommen“, erklärt sie. „Daraus konnte man gar nicht erkennen, was in meinem Leben los war und ist.“
Ihr Peiniger erstattete im Gegenzug gleich mehrere Anzeigen gegen sie - die sich allesamt als haltlos erwiesen, die Verfahren wurden eingestellt. „Aber es ist Wahnsinn, wie viel Kraft es mich kostet, mich mit all diesen Dingen, die er anzettelt, herumzuschlagen.“
Schon vor geraumer Zeit musste Schmidt sich eingestehen, dass sie ihren Alltag als allein erziehende Mutter mit drei Kindern und einem fordernden Job kaum noch bewältigen konnte. Ihr Leben bestand nur noch aus Angst und Anspannung. Heftige Migräneattacken und schwere Depressionen lähmten sie. Sie begann eine Psychotherapie. „Das baut mich langsam etwas auf“, sagt sie. „Aber solange dieser Psychoterror nicht aufhört, kann ich nicht aufatmen.“
Im Sommer 2009 erstattete sie erneut Strafanzeige. Diesmal traf sie auf eine Kriminalbeamtin, die ihre Geschichte gewissenhaft aufnahm. „Das war in Ordnung. Aber es ist schon mehr als ein halbes Jahr her und es wurde nicht einmal Anklage erhoben“, berichtet sie enttäuscht.
Immerhin schien die zweite Anzeige den Stalker doch etwas abzuschrecken. Eine Zeitlang hatte die 46-Jährige Ruhe. Doch vor kurzem startete der Mann eine neue Offensive: Er bedroht sie wieder telefonisch und per Mail und streut böse Hetz-Mails in ihrem Freundeskreis. „Wenn meine Kinder nicht wären und der Job, würde ich versuchen abzutauchen“, sagt Schmidt. „Aber in meiner Lebenssituation weiß ich nicht, wie ich das anstellen soll.“
Flucht ins AuslandNicole Enders hat es so tatsächlich geschafft, ihren Stalker abzuschütteln. Sie kündigte von einen Tag auf den anderen ihren Job. Um ihre Spur zu verwischen, erzählte sie, sie werde ins Ausland gehen. In panischer Angst, ihr Verfolger könnte jeden Moment auftauchen, räumte sie ihre Wohnung aus und floh zu einer Tante ins Rheinland. Noch auf der Fahrt zerknickte sie ihre Handy-Karte und warf sie weg.
Ihr Stalker bombardierte ihre Eltern und ihre Freundinnen über Wochen mit Anrufen, um herauszufinden, wo sie war. „Zum Glück haben die wenigen, die Bescheid wussten, absolut dicht gehalten“, erzählt sie. Irgendwann gab er auf.
Heute lebt Nicole Enders wirklich im Ausland mit ihrem neuen Freund, den sie in ihrem rheinischen Asyl kennen lernte. „Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, dass ich diesen Albtraum hinter mir lassen konnte“, sagt sie.
Die Kleinstadt in Rheinland-Pfalz, in der sie aufgewachsen war, hat sie seit ihrem hastigen Wegzug im vorigen Sommer nicht mehr besucht. Das Risiko, dort ihrem ehemaligen Stalker über den Weg zu laufen, ist ihr zu groß.
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