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Interview mit Irak-Experten

„Das Beispiel Irak strahlt aus“

Von Tobias Kaufmann, 05.03.10, 20:08h, aktualisiert 07.03.10, 20:49h

Der Irakexperte Thomas von der Osten-Sacken sieht den Irak auf dem Weg in die Stabilität. Die Demokratie werde an Euphrat und Tigris immer stärker, dies wirke zugleich auf Nachbarn wie Iran. Sorgenkind bleibe jedoch die Wirtschaft - und die Sicherheitslage, wenn die USA abziehen.

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Thomas von der Osten-Sacken ist Geschäftsführer der Entwicklungshilfeorganisation Wadi e.V, die seit 1993 im Nordirak tätig ist. 2005 war er Wahlbeobachter bei der Parlamentswahl. BILD: AV
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Thomas von der Osten-Sacken ist Geschäftsführer der Entwicklungshilfeorganisation Wadi e.V, die seit 1993 im Nordirak tätig ist. 2005 war er Wahlbeobachter bei der Parlamentswahl. BILD: AV
Herr von der Osten-Sacken, der Irak wählt zum zweiten Mal seit 2005 ein Parlament. Was wird hat sich seitdem geändert?

THOMAS VON DER OSTEN-SACKEN: Die Parteienlandschaft hat sich ausdifferenziert. Die Blöcke, die sich 2005 noch vor allem ethnisch-religiös definierten, sind abgelöst worden von Parteien, die ein wirklich politisches Programm haben. Deshalb erleben wir im Irak einen richtigen, offenen Wahlkampf.

Heißt das, dass die Iraker sich inzwischen als Nation begreifen und auch das neue System anerkennen?

V.D.OSTEN-SACKEN: Ja. Im Laufe der schweren, blutigen Jahre haben sich alle den neuen Spielregeln angepasst. Der Parlamentarismus hat sich durchgesetzt, und die zahlreichen politischen Konflikte werden heute nur noch in den verfassungsgemäßen Institutionen ausgefochten. Die Freude am Parlamentarismus wächst, es entsteht wirkliche Opposition. Anders als 2005 boykottieren die Sunniten die Wahl nicht massenhaft. Die Iraker stehen in ihrer übergroßen Mehrheit hinter der Verfassung und dem politischen System, wobei sie zugleich von ihren Parteien und Politikern nichts halten. Man könnte also sagen: Wie bei uns.

Klingt fast, als sei der Irak sieben Jahre nach Saddam tatsächlich auf dem Weg zum Musterstaat.

V.D. OSTEN-SACKEN: Die Amerikaner haben im Irak sicher einiges falsch gemacht. Aber die Entscheidung, auf einer parlamentarisch geprägten Verfassung zu bestehen, erweist sich heute als richtig. Anders als in Afghanistan, wo man auf ein Präsidialsystem gesetzt hat. Das verspricht zwar schneller Stabilität, aber dann sitzt man da mit dem starken Mann - und muss wohl oder übel an ihm festhalten. Im Irak dagegen können Politiker kommen und gehen, das System an sich bleibt stabil. Deshalb strahlt das irakische Beispiel aus, vor allem in den Iran. Ein Staat mit schiitischer Mehrheit, in dem das religiöse Establishment politisch nichts zu sagen hat, inspiriert auch die Opposition in Teheran.

Trotzdem ist der Irak von Blüte weit entfernt. Was ist das größte Problem?

V.D. OSTEN-SACKEN: Die Wirtschaft. Wie die anderen arabischen Staaten auch leidet das Land an einer demographischen Verzerrung: 70 Prozent der Iraker sind jünger als 23. Zugleich lebt das Land zu 99 Prozent von seinen Öleinnahmen - das heißt, es gibt schon wieder eine ganze Generation, die keine berufliche Perspektive hat. Der Irak muss es schaffen, eine moderne Ökonomie aufzubauen.

Welche Bedeutung hat der Terror noch?

V.D. OSTEN-SACKEN: Den Terroristen gelingen, auch mit Hilfer alter Saddam-Seilschaften, zwar immer wieder große Anschläge, aber das Land destabilisieren können sie nicht mehr. Die Nagelprobe steht allerdings noch bevor: Dann nämlich, wenn im Herbst die US-Kampftruppen abgezogen sind.

Das Gespräch führte Tobias Kaufmann


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