Von Helmut Frangenberg, 09.03.10, 09:10h, aktualisiert 09.03.10, 09:18h
Dafür gibt es ganz anderen, bislang nicht gekannten Komfort: ein Leben mit offener Haus- und Gartentür macht Kinder und Eltern glücklich, weil es nicht nur viele neue Kontakte beschert, sondern ganz neue Freiheiten mit weniger Stress eröffnet. Die Kinder spielen auf dem autofreien Hof und im neuen Park an der alten, nun gesperrten Herkulesstraße, treffen sich bei Freunden oder auf dem erstrittenen Bolzplatz.
Eine alte Backsteinmauer erinnert an das, was hier mal war: Die GAG-Tochter Grubo hat einen Teil des ehemaligen Schlachthof-Geländes an der Liebigstraße bebaut. „Meine Straße“ ist die Neuehrenfelder „Hans-Wild-Straße“, die als Ersatz für die gesperrte Herkulesstraße angelegt worden ist. „Meine Straße“, benannt nach dem ersten Vorsitzenden des Ehrenfelder Bürgervereins nach dem Krieg, besteht aus einem einzigen großen Wohnblock, gebaut um vier verkehrsfreie Innenhöfe unter einem „leichten fliegenden Dach“, wie es der Kölner Architekt Ulrich Coersmeier ausdrückt.
Ein „Un-Ort“ zwischen A 57, Bahndamm und stinkendem Schlachthof sei das hier gewesen. Nun wohnen auf den 18 000 Quadratmetern rund 450 Menschen in 183 Wohnungen und sechs Reihenhäusern. Die GAG vermietet 140 Wohnungen, deren Bau öffentlich gefördert wurde, die weiteren Wohnungen wie die Häuser wurden an Eigentümer verkauft - eine bunte Mischung ist entstanden, Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten mit unterschiedlicher Herkunft wohnen zusammen in einem innerstädtischen Viertel. Coermeiers Entwurf und die Umsetzung wurde 2004 mit dem deutschen Bauherrenpreis ausgezeichnet.
Geht es nach den Ergebnissen politischer Wahlen, ist das Areal eine grüne Hochburg. Aber das liegt auch daran, dass die meisten hier nicht wählen gehen - weil sie nicht wollen oder weil sie wegen eines ausländischen Passes nicht dürfen. Hier wohnt der aus der Türkei stammende langjährige Ford-Betriebsrat mit dem T-Shirt „Stolz, ne Kölsche ze sinn“ neben dem iranischen Akademiker, der in Deutschland am Fließband steht, weil seine Abschlüsse hier nicht anerkannt werden. Die zum Islam konvertierte Deutsche mit Kopftuch trifft auf die grell geschminkte Tochter der Mutter aus Aserbaidschan, die samstags mit anderen Gymnasiasten in die Disco zieht. Die Kinder von Beamten, Sozialarbeitern oder Journalisten spielen mit Flüchtlingskindern. Nicht alles funktioniert, nicht alles macht Spaß wie das leidige Müllproblem, und längst nicht jeder macht mit bei der gelebten Nachbarschaft. Dem werden dann an Halloween Dutzende Eier an Fenster und Hauswand geworfen. Man bekommt einiges mit, das anderen Familien in bürgerlichen Einfamilienhaus-Ghettos erspart bleibt - wie die Geschichte vom Mann, der schreiend die Möbel der Wohnung seiner Frau zerlegt. Er sucht nach Drogen, die er verkaufen muss, bevor die für den nächsten Tag angekündigten Geldeintreiber auf der Matte stehen. Nachbarn holen das verstörte Kind aus der Wohnung, um ihm diese Szenen zu ersparen.
Oder das Drama um das russisch-stämmige Ehepaar: Als sich die Frau von ihrem Mann trennen will, rammt dieser ihr ein Messer in den Bauch. Sie findet Schutz bei der Marokkanerin einen Stock tiefer. Die hat immer einen Baseballschläger hinter der Tür stehen und hält den Mann in Schach, bis die Polizei kommt. Das sind zwei Gewalteskalationen aus den letzten acht Jahren, die keiner braucht. Aber sie belegen, dass die Nachbarschaft auch in solchen Fällen funktioniert.
Coersmeiers Architektur, die dunkle Ecken und Flure weitgehend vermeidet, durch Glas und Licht Transparenz und Miteinander befördert, ist ein Beleg dafür, dass das beste Mittel gegen den Zerfall einer Stadt in Arm und Reich eine gute Stadtarchitektur ist. Sie schafft Zusammenhalt - nicht nur, wenn bei Welt- oder Europameisterschaften gemeinsam Fußball geguckt wird. Den knappen Halbfinalsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die Türkei beim EM-Turnier 2008 schaute die multikulturelle Nachbarschaft gemeinsam im Innenhof - selbst gemachtes Public Viewing mit Beamer, Gartenstühlen, Baklava und Kölsch.
Zusammenhalt zeigt sich auch, wenn es darum geht, bei der Suche nach neuen Jobs zu helfen, einen günstigen Autokauf zu vermitteln, Blumen in Gemeinschaftsbeete zu pflanzen oder beim Aufhängen neuer Küchenschränke zu helfen. Nicht ganz so einfach wie in diesen Fällen ist die interkulturelle Begegnung bei etwas anspruchsvolleren Angeboten. So trifft sich in zwei Nachbarwohnungen regelmäßig unter dem Titel „Wohnzimmergedanken“ der „Erste Neuehrenfelder Salon für Erbauung, Austausch und Spaß“ mit wechselnden Referenten, um über philosophische und politische Fragen zu diskutieren. Hier bleibt das deutsche Bürgertum trotz breit gestreuter Einladungen dann doch weitgehend unter sich.
In dem Viertel lässt sich auch besichtigen, dass die These vom Zusammenhang zwischen Bildungsferne und politischer Lethargie nicht stimmen muss, wenn Architektur und soziale Mischung der Vereinzelung entgegenwirken. Als auf der Liebigstraße ein Junge auf dem Weg vom Kiosk nach Hause von einem Auto angefahren wird, sammeln Mieterinnen der Sozialwohnungen Unterschriften für einen sicheren Überweg. Die Stadt hat inzwischen reagiert.
Die Nähe befördert Begegnungen, die in anderen Teilen der Stadt undenkbar sind: So erkundigen sich zwei Jungs, die das deutsche Schulsystem auf die Förderschule aussortiert hat - einen von ihnen schon im ersten Schuljahr - wie man denn wohl den Weg von der „Sonderschule“ zum Abitur schaffen könnte. Die Antwort wird für die Befragten zur echten Herausforderung. Da fällt es deutlich leichter, dem ein oder anderen Nachbarskind bei der Suche nach einem Praktikumsplatz zu helfen.
Eine gute Stadtarchitektur ist auch Garant für mehr Kinderschutz: So streunte ein kleines afrikanisches Mädchen durch die Gärten und nahm alles, was nicht niet- und nagelfest war. Sprechen konnte man mit dem Kind nicht, weil es kein einziges Wort Deutsch konnte. Da das Mädchen völlig zu verwahrlosen schien, schalteten Nachbarn das Jugendamt ein. Das ist jetzt knapp zwei Jahre her: Heute spricht das Mädchen akzentfrei deutsch und geht jeden Tag an der Hand der Mutter in den Kindergarten.
Das alles funktioniert, solange der Rahmen stimmt. Dazu gehört, dass die GAG als größter Wohnungseigentümer am Ort ihr Eigentum anständig pflegt und penibel darauf aufpasst, dass die soziale Mischung nicht kippt. Dass es zehn Jahre nach der Einweihung der Siedlung immer noch keinen Mieterrat gibt, ist kein gutes Zeichen. Dass es immer länger dauert, bis Verschmutzungen oder Müll verschwinden, auch nicht. Die Stadt schickt sich zurzeit an, den mit Spenden und Steuergeldern gebauten teuren Bolzplatz für das Viertel wieder kaputt zu machen. Sie findet angeblich keinen anderen Platz für Container, die ein Neuehrenfelder Kindergarten als Ausweichquartier nutzen soll.
Und auch die seit Jahren diskutierte Neugestaltung der Umgebung lässt auf sich warten: Der Schlachthof braucht einen neuen Standort, das Areal des verlassenen ehemaligen Straßenverkehrsamtes soll neu bebaut werden und auch für die andere Seite der Hans-Wild-Straße einschließlich der fremd vermieteten, alten Häuser der Stadtverwaltung am Rand des Schlachthofes ließe sich vieles vorstellen. Die Geschichte von Nachbarschaft und Zusammenhalt kann schnell zu Ende sein, wenn GAG und Stadt nicht pflegen, was sie dort an Vorbildlichem geschaffen haben.
Helmut Frangenberg (43) ist Redakteur in der Lokalredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger. Er hat vor acht Jahren ein Reihenhaus in der Hans-Wild-Straße gekauft und wohnt dort mit seiner Familie seit der Fertigstellung der prämiierten Siedlung in Neuehrenfeld.
Sorry,
16.03.2010 | 13.16 Uhr | Smorgasbord
aber wo genau funktioniert hier in diesem Fall die Integration?? Ich sehe keine Anzeichen dafür.....leider
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