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Medizin

Ausbeutung in der Ausbildung

Von Beatrice Faust, 08.03.10, 20:27h

Viele Medizin-Studenten machen ihr Praktisches Jahr im Ausland, weil sie in Deutschland dafür nicht bezahlt werden. Nicht mal die Kantine ist umsonst. Der Marburger Bund kritisiert die Ausnutzung der angehenden Ärzte scharf.

Marburger Bund
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Auch der Marburger Bund hat die Ausnutzung der angehenden Ärzte im Praktischen Jahr mit verschiedenen Protestaktionen thematisiert und kritisiert - wie hier bei einer Kampagne im vergangenen Jahr. (Archivbild: Franz Schwarz)
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Auch der Marburger Bund hat die Ausnutzung der angehenden Ärzte im Praktischen Jahr mit verschiedenen Protestaktionen thematisiert und kritisiert - wie hier bei einer Kampagne im vergangenen Jahr. (Archivbild: Franz Schwarz)
Paul Weber (Name geändert) fühlt sich ausgenutzt. Ein ganzes Jahr hat der 26-Jährige der Universitätsklinik Köln kostenlos seine Arbeitskraft zur Verfügung gestellt. Der Medizinstudent hatte kaum eine andere Wahl, denn in den meisten Kliniken Deutschlands ist das Praktische Jahr (PJ) komplett unentlohnt. Nach diesem Jahr ärgert sich Weber darüber, dass er hier geblieben ist und sich hat ausbeuten lassen.

Er ist hier geblieben, um in einem Krankenhaus zu arbeiten, wo er oft zum Blutabnehmer und Hakenhalter abgestuft wurde - der aber gerne über seine 40-Stunden-Woche hinaus bleiben sollte, um den überforderten Ärzten zu helfen. Weber ist sauer über die Art, wie man mit ihm umgegangen ist und bereut es, sein Jahr nicht im Ausland verbracht zu haben, wo seine Arbeit entlohnt worden wäre, wie zum Beispiel in der Schweiz.

Dort hat Benjamin Klein (Name geändert) einen Teil seines Praktischen Jahres (PJ), vor dem ärztlichen Staatsexamen absolviert. Auch der 27-Jährige möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen - zu groß ist die Angst, dass er wegen der Kritik am deutschen System in der mündlichen Prüfung von seinen Professoren benachteiligt wird. Klein berichtet von erheblichen Unterschieden zwischen Deutschland und der Schweiz: „In der Schweiz lernt ein Assistenzarzt sehr viel von seinen Oberärzten. Selbst für mich als Unterassistenten nahmen sich die Oberärzte viel Zeit. Das habe ich in Deutschland nicht erlebt.“ In der Schweiz erhält Klein umgerechnet 600 Euro monatlich, was seine Lebenshaltungskosten gut abdeckt. In Köln hat sein Kommilitone Weber nicht einmal das Kantinenessen bezahlt bekommen.

Die Auswanderung junger deutscher Ärzte, auch während ihres Praktischen Jahres, hat weit reichende Folgen für die Gesundheitsversorgung in Deutschland. Schon jetzt herrscht ein Ärztemangel in Deutschland. Deshalb fordert Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe einen erleichterten Zugang zum Medizinstudium: „Die Politik muss neue Auswahlkriterien entwickeln und die Studienbedingungen verbessern. Wir brauchen einfach mehr junge Leute, die bereit sind, sich den Patienten zu widmen.“ Die Folgen des Ärztemangels seien vor allem in ländlichen Regionen spürbar, doch auch in den Krankenhäusern blieben viele Stellen unbesetzt. Außerdem wanderten immer mehr Ärzte ins Ausland ab.

So wie Benjamin Klein dies getan hat. Für ihn war der entscheidende Faktor das unbezahlte Praktische Jahr. Dennoch scheint die Politik beim PJ keinen Anhaltspunkt für große Veränderung zu sehen. Das Gesundheitsministerium lässt dazu verlauten, dass das praktische Jahr „ein Bestandteil des Medizinstudiums ist“, die Absolventen weiter als Studierende immatrikuliert bleiben und „kein Beschäftigungsverhältnis begründet wird“. Damit bestehe auch keine Rechtsgrundlage für eine Vergütung. Außerdem sei die Abwanderung kein Problem, da genug Ärzte aus Osteuropa nachrücken, um die Lücken zu füllen.

Thomas Kopetsch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sieht das anders. Er hat eine Studie zur Altersstruktur- und Arztzahlenentwicklung verfasst, die feststellt, dass sich der ärztliche Nachwuchs in Deutschland rar macht. Die Gesamtzahl der Medizinstudenten sinke demnach kontinuierlich, obwohl die Zahl der Studienanfänger konstant bleibe. Dies bedeute, dass die Zahl derer, die abbrechen, ihr Studienfach wechseln oder ins Ausland gehen, ständig steigt.

Zur Zeit befinden sich etwa 15 000 Ärzte im Ausland, die meisten davon (4 129) in Großbritannien, gefolgt von der Schweiz und den USA. Es ist schwer zu sagen, ob diese Tendenz auf das Studium, das unbezahlte PJ, die schlechte Bezahlung von Assistenzärzten oder die Arbeitsbedingungen zurückzuführen sind. Fakt ist jedoch, dass neben einem 8-Stunden-Tag im PJ ein Nebenjob zur Lebenshaltung kaum realisierbar ist.

Im Unterschied zu den Medizinern haben die Pharmazie-Studenten im PJ ein tarifvertraglich geregeltes Monatsgehalt von 593 Euro in den ersten sechs Monaten und anschließend 826 Euro. „Das Praktische Jahr ist eine Ausnutzung, der PJler eine kostenlose Arbeitskraft“, findet Professor Klaus Lehmann, Studiendekan an der Medizinischen Fakultät der Kölner Uni. Dennoch hält er eine Vergütung für falsch, auch wenn er die Klagen versteht. Das PJ sei unbezahlt, um die Studenten zu schützen, da sie sich sonst in eine Schuld gegenüber den Lehrenden begeben. „Und die Uni-Klinik kann sich eine Bezahlung nicht leisten, auch nicht des Mittagessens.“

Ein Fehlen der PJler würde den Krankenhäusern allerdings „sehr weh tun, weil dies das Jahr ist, in dem Nachwuchs rekrutiert wird“, sagt Lehmann. Und genau um diese Rekrutierung wird es in den nächsten Jahren gehen müssen. Bundesärztekammer Präsident Hoppe fordert die Länder daher auf, wieder mehr Mittel in die Hochschulmedizin zu investieren. „Wir dürfen hier nicht an der falschen Stelle sparen und müssen die Abwärtsspirale bei der Finanzierung der Ärzteausbildung aufhalten“, appelliert er.

PJler Paul Weber ist sich sicher, dass er mit viel mehr Freude gearbeitet hätte, wenn die Arbeitsbedingungen besser gewesen wären. Jetzt überlegt auch er, auszuwandern, „damit Deutschland sieht, was es verliert.“ Und das wird es: 2017 steht der größte Ersatzbedarf an Ärzten im deutschen Gesundheitssystem an, was ein enormes Loch in die Ärztelandschaft reißen wird.



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