Von Marianne Quoirin, 08.03.10, 23:12h
Kinder sind besonders verwundbare Opfer. Sie können von ihrem Peiniger dazu gebracht werden, ihm zu Willen zu sein und darüber zu schweigen. Kleine Geschenke, Versprechen guter Noten oder Drohungen nach dem ersten Übergriff machen den Geheimpakt zwischen Täter und Opfer perfekt. Die jetzt ans Tageslicht gespülten Fälle aus den 70er und 80er Jahren belegen die wichtigste Erkenntnis, die Anfang der 80er Jahre zur Gründung von Informationsstellen wie „Zartbitter e.V.“ in Köln und zu Selbsthilfegruppen geführt hatte: Kein Täter beendet freiwillig sein verbrecherisches Tun, nur wenn das Opfer redet, hört der Missbrauch auf. Wie schwer es ist, sich zu offenbaren, zeigen täglich Strafprozesse. Polizei und Justiz verfolgen zwar unnachgiebig die Fälle, aber es gab Verfahren, in denen Übereifrige den Missbrauchsvorwurf missbrauchten.
Jungen haben eine besonders hohe Hürde zu überwinden, wenn sie offenbaren, was ihnen angetan wurde. Wie Mädchen leiden sie unter Scham und Depressionen, doch obendrein fühlen sie sich als Versager. Getrimmt auf die Rolle des männlichen Eroberers, zweifeln sie an sich selbst, an ihrer Identität.
Zu allen Zeiten, in allen Kulturen sind Kinder sexuell missbraucht worden. Bis ins 19. Jahrhundert galt auch in Europa Beischlaf mit Jungen unter neun und mit Mädchen unter elf Jahren nicht einmal als Sexualakt. Mädchen wie Jungen wurden an Kinderbordelle verkauft. Selbst Inzest, den der Sittenkodex vieler Gesellschaften verbot, wurde selten bestraft. Sogar ein Papst, Alexander VI (1492 bis 1503) prahlte öffentlich damit, seine Tochter, Lukrezia Borgia, mehrmals geschwängert zu haben.
Wie wenig auch im 20. Jahrhundert, von der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key zum Jahrhundert des Kindes ausgerufen, deren wahre Bedürfnisse ernst genommen wurden, dokumentierte 1982 die Kölner Rechtsmedizinerin Elisabeth Trube-Becker in ihrer Studie „Gewalt gegen Kinder“. Sie zerstörte das Tabu, das vor allem Kinder aus unteren sozialen Schichten von Tätern aus demselben Milieu missbraucht werden. Kinderschänder, so ihre damals revolutionäre Erkenntnis, gibt es in allen Kreisen, in allen Berufsgruppen - insbesondere in denen, die einen Zugang zu Kindern garantieren: Lehrer, Pfarrer, Ärzte, Trainer, Chor- und Jugendgruppenleiter.
Zwar hat es seit Trube-Beckers bahnbrechender Arbeit jede Menge wissenschaftlicher Untersuchungen und Handbücher zur Prävention von sexuellem Missbrauch gegeben. Aber gleichzeitig haben Pädophile für die Legalisierung von Sex mit Kindern geworben. Die Grünen formulierten 1985 gar einen Gesetzesantrag mit der Forderung nach „Emanzipation der kindlichen Sexualität“. Aber dahinter verbarg sich nur der Versuch, den Tätern einen Freibrief zum Ausleben ihrer Macht gegenüber Kindern zu gewähren.
Pädophile haben einen Blick für wehrlose, emotional vernachlässigte Kinder. Für Kinder, die nicht gelernt haben, Nein zu sagen zu unerwünschten Zudringlichkeiten von Onkel und Tante oder erst recht von dem Mann, der für sie eine Autorität ist. Bei Kindern aber, die sexuell aufgeklärt sind und daheim offen über merkwürdige Anmacheversuche reden können, haben die Täter kaum eine Chance.
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