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Winnenden

Die dünne Schicht der Normalität

Von Joachim Wille, 11.03.10, 07:21h, aktualisiert 06.05.10, 12:56h

Ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden versuchen die Menschen ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Doch bis dahin ist der weg weit, denn das alte Schulgebäude steht wie ein Symbol für eine unbegreifliche Tat.

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Am Grab der Tochter: Hardy Schober. (Bild: Kraus)
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Am Grab der Tochter: Hardy Schober. (Bild: Kraus)
WINNENDEN - „Die Schule abreißen?" Astrid Hahn antwortet ohne Zögern: „Das war durchaus eine Überlegung." Doch ein paar Wochen nach dem Amok-Schock befragte sie die 600 Schüler und die Lehrer. Das Ergebnis, erzählt die 58-Jährige, war einhellig: „Wir wollen da wieder reingehen." Das alte Gebäude einzureißen, dem Erdboden gleichzumachen - das hieße: der Gewalt, dem Wahn, dem Terror weichen.

Die Rektorin der Albertville-Realschule, eine zierliche, ernst blickende Frau, hat sich mit ihrer „Schulgemeinde“ ein einem Lern-Provisorium eingerichtet. Sie arbeitet in einem Container. Es ist einer von 165, die die Stadt Winnenden auf einen Sportplatz gesetzt hat - einige Meter hinter dem alten Schulgebäude, das seit dem 11. März letzten Jahres verrammelt ist und bis zum übernächsten Herbst umgebaut, renoviert und dann wieder genutzt werden soll. Abgesehen von drei Klassenräumen. Den drei Räumen, in denen Tim K. Amok lief.

Schulleiterin Astrid Hahn sagt: „Wir müssen versuchen, zu einer Normalität zurück zu finden." Doch so weit sind sie längst noch nicht. Acht Mitschülerinnen und ein Mitschüler, die eigentlich jetzt ihren Schulabschluss hätten machen sollen, sind tot. Ebenso zwei Lehrerinnen und eine Referendarin. Hier sitzen Mädchen im Unterricht, deren beste Freundinnen vor ihren Augen erschossen wurden. Und hier arbeiten Lehrer, die ihre Klassen gegen die Wahnsinnstat des 17-jährigen Tim K. nicht schützen konnten. Einige der Jugendlichen konnten lange Zeit gar nicht in die Schule gehen. Andere litten unter großen Konzentrations- oder Schlafstörungen, unter Panikattacken.

Videokameras überwachen die Eingänge. Ein „Raum der Stille" ist eingerichtet, in dem persönliche Gegenstände an das Leben der getöteten Mitschüler erinnert, eine CD, ein Foto, ein Teddy. Auch jetzt noch müssen einige Schüler und Schülerinnen dauerhaft psychologisch betreut werden. „Ein lauter Knall, etwa, wenn plötzlich ein Fenster zuschlägt“, berichtet Astrid Hahn, „und der Schrecken ist wieder da." Gerade jetzt, zum Jahrestag am 11. März, drohen die traumatischen Erinnerungen neu belebt zu werden.

Es ist schon so schwer genug für Angehörigen und Freunde der Opfer, für die Zeugen der Tat. Hinzu kommt, dass Journalisten ein multimediales Deja-Vu produzieren. Seit Mitte Februar steigt ihr Jahrestag-Fieber, und seither sind sie in der schwäbischen Kleinstadt auf dem schmalen Grat zwischen Informationspflicht und Sensationshunger unterwegs. Die Winnendener haben zwiespältige Erfahrungen mit den Reportern und Kamerateams gemacht, die vor einem Jahr ihre Bausparkassen-Idylle zu Hunderten heimsuchten. „Die meisten, die kamen, waren seriös“, sagt Hardy Schober, der Vorsitzende des „Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden". Aber es gab auch die anderen. Die, die Jugendlichen zehn Euro für inszeniertes Trauern zahlten. Der Presserat sprach 13 Rügen aus - wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten und Sensations-Berichterstattung.

Zur Trauerfeier am Jahrestag hat auch Bundespräsident Horst Köhler sein Kommen zugesagt. Rektorin Hahn: „Ich hoffe, man lässt uns wenigstens bis elf Uhr alleine trauern." Um elf beginnt die offizielle Trauerfeier. Auch Anti-Gewalt-Aktivist Schober, der bei dem Amoklauf seine Tochter Jana verlor und daraufhin seinen Job in der Finanzbranche aufgab, hat Befürchtungen wegen des Jahrestags. Er erzählt von der heute 16-jährigen Elena A. Sie war von mehreren Kugeln getroffen worden, sie hat überlebt, während ihre drei Freundinnen aus der Klasse 9c starben. Elena konnte schon wenige Wochen danach mit Fremden darüber sprechen, sie versuchte, den Tod ihrer Freundinnen zu verarbeiten. Doch dann kam der Zusammenbruch. „Das ist fast immer so", sagt Schober. Erst sehe es aus, als habe man sich gefangen, „und dann bricht es umso heftiger hervor." Schober weiß, dass auch er gefährdet ist, in ein „tiefes Loch zu fallen, in einem Wellenberg der Gefühle zu versinken". Er bekämpft seine Trauer, in dem er zehn, zwölf, Stunden am Tag für seine Stiftung rackert. „So eine Tat darf sich nicht wiederholen", sagt er. Sein Aktionsbündnis - nicht nur Selbsthilfegruppe, sondern auch Lobby für ein Verbot von Faustfeuerwaffen in Privathaushalten und von Computer-Killerspielen für Jugendliche - hat inzwischen 150 Förderer.

Wie schwer es ist, die Welt zu bewegen, erfährt Schober jeden Tag. Auf dem Weg vom Büro nachhause kommt er am Vereinsheim der Schützen vorbei. Dort, wo der Amokschütze, angeleitet von seinem Vater das Schießen mit der Großkaliber-Beretta gelernt hat. Einen Kontakt zwischen den Schützen und den Opferfamilien hat es seit dem 11. März 2009 nicht gegeben. Der neue Vorsitzende des Vereins, Thomas Daum, will dazu nicht Stellung nehmen. „Egal, was man sagt, in irgendeine Wunde sticht man immer." Die Mitgliederzahl sei jedoch konstant.

Schober lebt in Weiler zum Stein, da, wo auch Tim K. und seine Familie wohnte. Deren Haus steht zum Verkauf. Tim K.s Eltern und die Schwester sind weggezogen. Wohin, darüber gibt es nur Spekulationen: Stuttgart. Oder doch nur in einen Nachbarort. Mutter und Schwester sollen einen anderen Namen angenommen haben, der Vater nicht, weil er das wegen des anstehenden Prozesses nicht darf. In Weiler zum Stein liegt auch der Friedhof, wo Schobers Tochter mit drei Schulkameradinnen beerdigt ist. Schober ist fast jeden Tag hier, steht an den über und über geschmückten Gräbern.

Schober weiß, dass er Janas Tod nie überwinden wird. Umso wichtiger, sagt er, werde es sein, alle Umstände des Verbrechens zu kennen. Er hofft, dass in dem Prozess gegen Tim K.s Vater alles auf den Tisch kommt. Der Unternehmer ist wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen angeklagt. Er hatte seine Beretta nicht weggeschlossen. Und Tim K., der in psychiatrischer Behandlung war, kannte den Code für den Munitionsschrank. Schober: „Es soll keine Hetzjagd gegen den Vater werden. Aber ich muss wissen, wie es passieren konnte."



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