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Ehepaar Stolpe

„Wir jammern lieber jeder für sich“

Erstellt 15.03.10, 21:03h, aktualisiert 16.03.10, 09:17h

Der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe und seine Frau Ingrid sind beide an Krebs erkrankt. Im Interview mit ksta.de sprechen sie über ihr gemeinsames Leben mit der schweren Krankheit.

Ehepaar Stolpe
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Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe und seine Frau Ingrid. (Bild: dpa)
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Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe und seine Frau Ingrid. (Bild: dpa)
Frau Stolpe, Herr Stolpe, Sie beide haben Krebs. Ist es geteiltes Leid oder eher doppeltes Leid, wenn beide Ehepartner so schwer krank sind?

MANFRED STOLPE Für mich ist es geteiltes Leid. Mit meinem Krebs hat mich meine Frau als Patient richtig ernst genommen. Sie war eine wunderbare Pflegerin. Ich musste ein Jahr lang jeden Morgen und jeden Abend fünf Tabletten einnehmen, die so groß wie der halbe kleine Finger waren. Darauf hat sie streng geachtet. Als meine Frau dann Brustkrebs bekam, war ich erschrocken. Ich habe aber darauf gesetzt, dass sie ganz hart im Nehmen ist. In Krisenzeiten wird sie immer cooler. Und ich war ein ganz klein wenig erleichtert, dass ich nicht mehr der einzige in der Familie war, der so lädiert ist.

INGRID STOLPE 2008, als wir beide so schwer krank waren, waren wir fast immer zu zweit zu Hause...

... da kann man sich ganz schön auf die Nerven gehen...

INGRID STOLPE Wir haben uns nichts gegenseitig vorgejammert, sondern das Beste draus gemacht. Den ganzen Tag jammern, das ist nicht so meins. In Zeiten, in denen ich mal besser drauf war, bin ich ins Gartencenter gefahren und habe körbeweise Blumen geholt. In der Weihnachtszeit habe ich riesige Weihnachtssterne gekauft und das Haus geschmückt.

MANFRED STOLPE Ja, Kranksein ist teuer...

Bei Ihnen hört sich das alles so leicht an, viele Menschen verzweifeln, wenn Sie Krebs bekommen...

MANFRED STOLPE Die Berufserfahrung meiner Frau als Ärztin war ein Vorteil für uns. Wir wussten, Krebs ist etwas sehr Ernstes, mit dem man sich auseinandersetzen muss.

INGRID STOLPE Ich bin ein klassischer Schulmediziner, ich habe mich mit alternativen Therapien nicht aufgehalten. Ich habe mich für die Chemotherapie entschieden, obwohl ich wusste, dass es mir sehr schlecht ergehen wird und mir die Haare ausfallen werden. Man kann da aber nicht ängstlich sein, sonst hat man jeden Tag ein neues Leiden. Da muss man drüber stehen.

Frau Stolpe, in Ihrer beider Buch steht, Sie waren getröstet, wenn Sie während der Chemo Griesbrei mit Apfelmus essen konnten.

INGRID STOLPE Ja, das hat mich getröstet. Mein Mann musste den Brei auch mitessen, geschadet hat es ihm nicht.

Ihnen, Herr Stolpe, hat aber der Glaube an Gott geholfen?

MANFRED STOLPE Gott ist ein zu großes Wort. Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch nicht alles selbst in der Hand hat. Außerdem war es hilfreich, dass ich vom Naturell sehr gelassen bin.

INGRID STOLPE Er hat es ja mehrfach durchmachen müssen: 2004 Darmkrebs und dann zweimal Leberkrebs. Er hatte ein Jahr lang Chemo, ein ganzes Jahr! 2008, bei der zweiten Behandlung des Leberkrebses musste er nicht nur die Riesenpillen nehmen, sondern bekam auch noch eine Infusionsbehandlung. Das hätte ich nicht ausgehalten, das wäre mir zu happig gewesen.

MANFRED STOLPE ... watt mutt, datt mutt...

INGRID STOLPE Ja, diese hinterpommersche Sturheit und preußische Disziplin, die machen das halt mit ihm.

Gehen Sie davon aus, dass Sie früher sterben als Ihre Frau?

INGRID STOLPE Was für mich nicht sehr günstig wäre. Also diese Zeremonie möchte ich nicht gerne alleine machen&

MANFRED STOLPE .. jetzt rede mal nicht über meine Beerdigung.

INGRID STOLPE Umziehen müssen wir aber noch!

Noch leben Sie in Ihrem schönen großen Haus. Was wird aussortiert und was werden Sie in die kleinere Wohnung mitnehmen?

MANFRED STOLPE Ich bin schon dabei, Bibliotheken zu beschenken.

Und welche Bücher geben Sie bestimmt nicht her?

MANFRED STOLPE Zeitgeschichte, Brandenburg-Preußische Geschichte. Und die Bücher von Christa Wolf werde ich garantiert behalten.

Und Sie, Frau Stolpe?

INGRID STOLPE Die Kochbücher, die sammle ich. Von denen könnte ich mich nicht ohne weiteres trennen.

Sie beide haben 2008 zu gleicher Zeit in derselben Klinik aber in getrennten Zimmern gelegen. Haben Sie an den jeweils anderen gedacht, der so nah und doch so unendlich weit weg war? Oder war jeder nur mit seinem eigenen Leid beschäftigt?

MANFRED STOLPE Wenn es nach den Ärzten gegangen wäre, hätten die uns auch in ein Zimmer gelegt.

INGRID STOLPE Das habe ich abgelehnt und gesagt: nee, wir jammern lieber jeder für sich allein. Es wäre doch auch komisch gewesen, wenn er mit seiner Leber in die gynäkologische Abteilung gekommen wäre.

MANFRED STOLPE Es war eine gewisse Bekräftigung unserer Leidengemeinschaft. Man weiß, da ist jemand, der auch leidet. Man hakt sich in gewisser Weise unter. Ich fand es angenehm, dass sie nicht weit weg war.

Wird die Liebe in einer solchen Situation inniger?

INGRID STOLPE Das schweißt zusammen. Aber wir haben sowieso nie viel gestritten&

MANFRED STOLPE ... wenn man von deinen gelegentlichen Belehrungen mal absieht.

INGRID STOLPE Die kenne ich nicht.

Sind Sie jetzt zärtlicher miteinander als früher?

MANFRED STOLPE Mir geht es so. Der Haut- und Lebenskontakt ist wichtiger als früher. (Er streckt seine Hand aus und streichelt ihren Arm). Das Fühlen, da ist ein Mensch, dem man verbunden ist. Den man gerne streichelt. Der warm ist.

INGRID STOLPE Es ist bestimmt viel schwieriger, wenn man allein ist. Ich habe in der Strahlentherapie eine Frau getroffen, der kurz zuvor ihr Mann gestorben war. Das ist ganz hart.

Was geschieht, wenn einer von Ihnen pflegebedürftig wird?

MANFRED STOLPE Wenn es meine Frau treffen würde, wäre ich hilflos. Ich wüsste gar nicht, was ich machen soll.

INGRID STOLPE Er findet sich nicht mal im Haushalt zurecht. Er fände die Tabletten gar nicht.

MANFRED STOLPE Wir haben überlegt, in eine Einrichtung zu ziehen, wo wir auch als Pflegefall gut aufgehoben sind. Aber das stellt meine Frau schon wieder in Frage.

INGRID STOLPE Ich denke inzwischen, das brauche ich gar nicht. Ich möchte in eine neue schöne Wohnung mit Havelblick, in der alle Zimmer auf einer Etage sind. Hier im Haus gibt es so viele Treppenstufen.

Sie beide haben bisher keine Patientenverfügung. Warum nicht? Herr Stolpe, Sie sind doch Jurist.

INGRID STOLPE Ich hatte schon eine geschrieben.

MANFRED STOLPE ... auf einen Zeitungsrand.

INGRID STOLPE Nicht auf einem Zeitungsrand, auf ein Rezept habe ich sie geschrieben, im Schreibtisch gelassen und meinem Mann gesagt, im Ernstfall kann er sich die da holen.

Aber Sie haben keine, Herr Stolpe?

MANFRED STOLPE Ich kann ja immer noch eine machen. Wenn Sie darauf bestehen, mache ich das heute noch.

INGRID STOLPE Heutzutage wird man sonst an sämtliche Maschinen gehängt, auch wenn man das gar nicht will&

MANFRED STOLPE ... und die Angehörigen können das nicht verhindern?

INGRID STOLPE Nee, das wird nicht akzeptiert.

MANFRED STOLPE Dann muss ich so einen Zettel mal schreiben.

Ändert sich das Körpergefühl, wenn man so krank ist?

MANFRED STOLPE Wir haben eine perfekt funktionierende, sehr innige Ehe, in der auch die Sexualität stimmt. Schauen Sie meine Frau an, sie ist noch attraktiver geworden.

INGRID STOLPE Das ist doch Quatsch. Ich bin nicht der Typ, der sich mit Körpergefühl beschäftigt. Mit 43 Jahren hatte ich ein Gebärmutterhals-Karzinom. Das hat mich sehr erschreckt. Aber ich habe gar nicht darunter gelitten, dass mir die Gebärmutter herausgenommen wurde. Es hat mir nichts ausgemacht. Mit der Brust ist das nicht anders.

Sie beide sind eher ein abschreckendes Beispiel. Sie, Frau Stolpe, waren bei gar keiner Vorsorgeuntersuchung und Sie, Herr Stolpe, haben nach der ersten Diagnose noch Monate gewartet, ehe Sie sich operieren ließen.

MANFRED STOLPE Ich war 2004 Bundesverkehrminister und musste doch die LKW-Maut durchkriegen.

Ist eine LKW-Maut die Gesundheit eines Menschen wert?

MANFRED STOLPE Das entsprach meinem Pflichtgefühl. Wenn man in eine Aufgabe hineingestellt und darauf sogar noch vereidigt worden ist, dann erfüllt man diese Aufgabe - vor allem wenn man mitbekommt, dass mit allen Mitteln gegen die Maut gekämpft wird und man selbst als totaler Versager beschimpft wird. Man weiß dann, wenn man jetzt erkennen lässt, dass man angeschlagen ist, dann stirbt das Projekt.

Frau Stolpe, haben Sie das auch so gesehen?

INGRID STOLPE Ich war nicht beunruhigt, weil die Ärzte damals davon ausgingen, dass der Polyp, der im Darm meines Mannes gefunden worden war, nicht bösartig ist.

Haben Sie sich im Nachhinein Vorwürfe gemacht?

MANFRED STOLPE Das war doch damals für mich alternativlos. Für mich war es ein ganz enges Arbeitsprogramm in Berlin. Hätte ich den Hammer fallen lassen, wäre auch die LKW-Maut verloren gewesen, denn der Kanzler signalisierte angesichts der Attacken, mich nicht mehr lange zu unterstützen. Ich musste das Zeitfenster nutzen.

Frau Stolpe, Sie sind Ärztin und waren nie zur Vorsorge. Warum?

INGRID STOLPE Ich kenne kaum Ärzte, die dauernd zum Arzt rennen. Ich habe mich immer darauf verlassen, dass ich das schon selbst mitbekomme, wenn ich was Ernstes kriege. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wann ich auch noch zur Vorsorge gehen soll - ich hatte doch einen Fulltime-Job! Als ich dann plötzlich Schmerzen in der Brust bekam, dachte ich, ich muss das doch mal untersuchen lassen. Aber der Menschheit würde ich empfehlen, dass sie zur Vorsorge geht.

Das Gespräch führten Andrea Beyerlein und Katharina Sperber

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