Von Karin Grunewald, 12.03.10, 14:50h
Diese Höchstleistung war es nicht allein, die Baccaras Züchter Eberhard Brochhaus in Kürten die Auszeichnung „Züchter des Jahres“, verliehen von der Züchterzentrale des Kreises, einbrachte. „Es ist ein ganzes Paket“, sagt Ute Brochhaus. Permanent hohe Qualität, Wirtschaftlichkeit, Leistung, Erfolge bei Tierschauen - nicht nur die Milch macht's.
Beim Gang über den Hof in Oberbersten erliegt der Besucher schnell der Versuchung zu glauben, das Milchbauernleben sei eine einzige Idylle.
Die Kühe kauen ruhig vor sich hin, über die Wiese laufen Gänse und ein schwarzer Kater harrt auf der Gartenbank der Vögel, die da kommen mögen. Wie in einem Kinderzimmer geht es zu im Stall direkt neben dem Haus Baujahr 1780. Eine Reihe kleiner Kälbchen liegt im weichen Stroh, zwei Lämmer turnen durch die Stallgasse und aus einer Box erhebt sich das zottige Gesicht von Mathilda, dem Wollschwein, die sich ihr Brötchen abholen will.
Für Familie Brochhaus ist Mittagspause. Die Arbeit hat um sechs begonnen und endet gegen halb acht am Abend. Montag bis Samstag. Sonntag sind es nur sieben Stunden. Einmal im Jahr sieben Tage „abgesparter“ Urlaub. Das trübt die Idylle nicht, aber es relativiert sie. Schon die Großeltern von Eberhard Brochhaus haben vor über 100 Jahren den Hof bewirtschaftet. Als er als erster Junge nach drei Mädchen geboren wurde, war sein Vater bereits 52 Jahre alt. Eigentlich wollte der Sohn Maurer werden, aber er übernahm früh Verantwortung und später den ganzen Hof. Inzwischen ist sein Beruf für ihn Berufung.
Ute Brochhaus lernte ihren Mann mit 14 in der Tanzschule kennen. Sie machte ihr Abitur, mit 19 heirateten sie. Sie zog auf den Hof und kümmerte sich fortan um Mann, Großmutter, Haus und Hof und allerlei Kleinvieh. Vier Kinder haben sie großgezogen und David, der erste Junge nach drei Mädchen, hat gerade seine Ausbildung zum Landwirt begonnen. Die Zeiten haben sich geändert, und auch wenn David nicht Maurer werden wollte, so haben ihn seine Eltern doch nie gedrängt, die vierte Generation der landwirtschaftlichen Familientradition einzuläuten. Wenn seine gleichaltrigen Freunde abends ausgehen, hat David den Arbeitsbeginn frühmorgens im Hinterkopf. „Drei Kälber müssen noch hoch in den anderen Stall“, meldet der 16-Jährige seinem Vater, lässt vorsichtig den roten Kater von seinem Arm springen und macht sich ans Fegen der Stallgasse.
Seit 1983 bildet Brochhaus Lehrlinge aus. Was sie zuallererst mit auf den Weg bekommen ist: „Priorität hat bei uns die Kuh - nicht das Traktorfahren.“ Für die Kühe gilt: „geschlossenes System“. Die Familie verkauft Kühe, aber sie kauft keine aus Fremdbestand dazu. Die eigene Zucht basiert auf 35 Jahren Arbeit. Aus 14 Kühen und 17 Hektar bewirtschaftetem Land wurden in dieser Zeit 95 Kühe, 110 Jungtiere und 119 Hektar Land. Dazu kamen diverse Neu- und Anbauten, immer wenn mal wieder Zeit und Geld da waren.
Der schnelle Gewinn lässt sich in der Milchwirtschaft nicht machen. „Das ist alles gewachsen“, sagt Ute Brochhaus. Über den Milchpreis wollen die Landwirte nicht reden. „Wir wollen uns jetzt nicht ärgern“, sagen sie gleichzeitig. Dann reden sie doch darüber. 25 Cent waren es im Januar. Tendenz sinkend. Rücklagen sind da nicht mehr drin.
Das ständige Risiko von Erlösen, die die Kosten kaum decken, die Gefahr von Tierseuchen, Arbeit von früh bis spät - es gibt Berufe, die weniger aufreibend sind. Doch Eberhard und Ute Brochhaus wirken alles andere als mürrisch. Ganz im Gegenteil. „Wir sind stolz, dass wir Landwirte sind“, sagt Ute Brochhaus. „Auch wenn man es im Haus nicht riechen muss“, ergänzt sie und lehnt die Bitten des vor der Glastür der Küche um Einlass kläffenden Neufundländers konsequent ab.
Viel hat sich verändert in 35 Jahren Zucht. Schon in den Anfängen gab es den Bullen auf dem Hof kaum noch. Die künstliche Besamung ist Standard. Wie manchmal auch beim Menschen geschieht die Auswahl des Partners inzwischen sogar am Computer. Die Daten der Kühe werden eingegeben und der Computer wirft den optimalen Partner aus. „Das erspart viel Zeit“, sagt Brochhaus. Zeit, während derer er umherreist, um sich über die Väter seiner Kälber zu informieren, oder besser: um einen Blick auf die Euter dessen weiblicher Familienangehöriger zu werfen. „Klein und fest“ will er sie haben. Diese Recherchen sind aufwändig und in Zeiten, in denen der Handel mit Bullensamen ein Weltmarkt von Europa bis Neuseeland geworden ist, vor Ort gar nicht mehr zu leisten.
„In der Zucht ist ein mal eins nicht gleich eins“, fasst der erfahrene Fachmann knapp zusammen, dass es neben viel Wissen, viel Erfahrung und gutem Händchen auch noch einer „Portion Glück“ bedarf. Brochhaus scheint alles zu haben, denn Baccara ist nach Espana und Beute bereits seine dritte Kuh, die über die 130 000-Liter-Marke kommt. Eine solch hohe Menge Milch ist selten und nur möglich, wenn die Kuh lange lebt, und sie lebt nur lange, wenn sie gesund und gepflegt ist. „Beute hat mit 16 noch bei uns das Gnadenbrot bekommen“, erinnert sich Ute Brochhaus.
Zwischen Idylle und harter Arbeit sind die Kühe keine Haustiere, sondern Lebenserwerb; ein Kapital, das sachverständig und behutsam behandelt werden will, um sich zu vermehren. Achtung und Streicheleinheiten inbegriffen. „Wenn man den Bezug zum Tier verliert“, sagt Ute Brochhaus, „dann lässt man es besser.“ So gilt denn auch der letzte Rundgang am Abend dem Nachsehen, ob alle sauber und trocken liegen. Wenn Eberhard Brochhaus vermutet, dass eine Kuh in der Nacht kalben könnte, kommt er nach zwei Stunden wieder. Und dann wieder nach zwei Stunden - bis um sechs die Arbeit beginnt.
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