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Expedition Ruhr 3

Die Krise spielt Verstecken

Von Christian Hümmeler, 12.03.10, 20:48h, aktualisiert 15.03.10, 11:23h

Die Stadt Duisburg ist hochverschuldet. Da kommt der Kulturhauptstadt-Rummel gerade recht. Kultur und Stadtmarketing sollen im Rahmen des Events vereint werden. Von Verzweiflung ist nichts zu spüren.

Skulptur
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Neue Landmarke: Die Skulptur "Tiger & Turtle - Magic Mountain" soll ab Herbst auf einer Deponiehalde stehen. (Bild: Stadt Duisburg)
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Neue Landmarke: Die Skulptur "Tiger & Turtle - Magic Mountain" soll ab Herbst auf einer Deponiehalde stehen. (Bild: Stadt Duisburg)
So sieht also eine Stadt aus, die richtig pleite ist: Links der Fußgängerzone ein neues Einkaufszentrum („Forum“), rechts ein neues Einkaufszentrum („Citypalais“), ein drittes („Königsgalerie“) im Bau. Nur ein wenig weiter ein zum Büro-, Event- und Kulturstandort umgestaltetes und neu bebautes Hafenbecken, das den Vergleich mit dem Kölner Rheinauhafen nicht scheuen muss. Selbst im Hauptbahnhof, bislang ein Ort von ganz besonderer Tristesse, wird gewerkelt und gestrichen - in Duisburg, so scheint es, versteckt sich die Krise derzeit.

Der Kulturhauptstadt-Rummel kommt der Stadt gerade recht. Und er wird als Riesenchance gesehen: „Vieles von dem, was wir machen, wäre ohne die Kulturhauptstadt gar nicht möglich gewesen“, sagt Uwe Gerste, Geschäftsführer von „Duisburg Marketing“. Marketing, das ist hier auch Kultur. Und Kultur, das ist Marketing - gerade dann, wenn das Geld so dermaßen fehlt wie im hochverschuldeten Duisburg. Von Verzweiflung ist allerdings trotz aberwitziger 2,1 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten nichts zu spüren: „Mit viel Kreativität kriegen wir ganz schön viel hin“, so Gerste. Und er ist nicht der einzige kreative Optimist unter den Verantwortlichen der Stadt.

Kreativ waren die Duisburger jedenfalls, als es um den Slogan ging, der sie von den anderen 52 Städten, die sich mit dem „Bannerträger“ Essen die Kulturhauptstadtwürde teilen, absetzen soll. Der „Hafen der Kulturhauptstadt“ will man sein - ganz einfach und doch passend für die Stadt, die den größten Binnenhafen Europas in ihren Grenzen weiß. „Hafenstadt Duisburg - das muss unser Image werden“, sagt auch Kulturdezernent Karl Janssen, der weg will von einem Bild, das nur aus Schimanski und Schulden besteht. Zwar nimmt der Duisburger das Schmuddelimage demütig hin, weiß Janssen. „Dennoch ist er stolz auf die Stadt.“ Und das soll er auch dann noch sein und ein bisschen selbstbewusster dazu, wenn das Kulturhauptstadtjahr abgelaufen und das umfangreiche Programm nur noch Erinnerung ist. Ein Programm, das ganz ungeniert auch etablierte Veranstaltungen und längst geplante Bauten mit unters neue Label nimmt.

Doch das machen andere auch und es stört wenig - Hauptsache, man hat etwas zu bieten. Etwa das: „Global Rheingold“, ein Großevent der spanisch-katalanischen Theatergruppe „La Fura dels Baus“, das gleichzeitig das traditionelle Theaterfestival „Duisburger Akzente“ und die „Local Heros“-Woche (in der die einzelnen Kulturstädte mit ihrem lokalen Programm besonders auftrumpfen können) eröffnet. Das Ganze findet nicht im Theater statt, sondern auf einer schwimmenden Bühne vor der Mercatorinsel im Ruhrorter Hafen. Eine Sache von einem Tag - und doch erhofft man sich in Duisburg nachhaltige Wirkungen: So soll sich der traditionsreiche Stadtteil Ruhrort, gelegen direkt neben der Mercatorinsel und geprägt durch den Hafen, demnächst zu einem neuen Kiez entwickeln. „Wir hoffen, dass der eine oder andere Künstler hängenbleibt“, sagt Frank Jebavy, der Leiter des Duisburger Festivalbüros.

Noch hat die Kulturhauptstadt allerdings nur wenige Spuren hinterlassen im schläfrigen Ruhrort. Der kleinbürgerliche Ruhepol inmitten des belebten Hafens ist in die Jahre gekommen genau wie die Straßenbahnen, die sich durch die engen Straßen des Viertels winden. Überhaupt wollen längst nicht alle Duisburger etwas wissen von der Kultur, die doch das ganze Ruhrgebiet vereinen soll, nicht alle wollen Mitwirkende oder Statisten sein im großen Kulturtreiben.

Frank Kopatschek, Sprecher der Stadt, sieht es realistisch: „Die Bevölkerung steht der Kulturhauptstadt zwiespältig gegenüber.“ Es habe jedoch nie eine große, eine organisierte Ablehnung gegeben, dafür aber viel Neugier. Mehr über die Anziehungskraft der Kultur weiß Musa Celic: Der Geographiestudent steht vor dem nagelneuen „Visitor Center“, in dem man - natürlich interaktiv - die Stadt und ihre Attraktionen kennenlernen kann und fragt für eine wissenschaftliche Studie die Interessen der Besucher ab. „Heute Morgen waren schon 13 Leute wegen der Kulturhauptstadt da“, berichtet er. „Zumeist ältere.“ Doch die Massen werden noch kommen, schließlich lockt auch das Lehmbruck-Museum mit einer Giacometti-Ausstellung (und dem hier bislang eher unbekannten Phänomen langer Warteschlangen), es gibt moderne Kunst im Museum Küppersmühle sowie Zeitgenössisches und Außereuropäisches im Museum DKM. Dazu der Landschaftspark Nord, eine umgewandelte Industriebrache und eines der Aushängeschilder des neuen Ruhrgebiets. Über die temporäre Nutzung einer weiteren Brache wird noch diskutiert: Auf ehemaligem Eisenbahngelände nahe dem Duisburger Hauptbahnhof sollen am 24. Juli mehr als eine Million Teilnehmer die Love Parade feiern - wenn denn die Finanzierung steht. Ein nicht unumstrittenes Vorhaben, das nicht im offiziellen Kulturhauptstadtprogramm auftaucht.

Der Zweck der städtischen Bemühungen in dieser Sache sei aber letztlich der gleiche, verrät Marketing-Mann Uwe Gerste: „Wir wollen die Stadt auch als Tourismusstandort ins Gespräch bringen.“ Sie nutzen eben jede Chance in Duisburg.



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