Von Christian Bos, 12.03.10, 21:21h, aktualisiert 15.03.10, 10:09h
Wenn Schumacher am Sonntag in Bahrein sein spektakuläres Comeback feiert, stimmt das Bild wieder: Nicht nur, dass der deutsche Weltstar nun im Mercedes sitzt. Der Autohersteller hat seine neue Rennmaschine auch wieder „Silberpfeil“ getauft. Unter diesem Namen fuhren Benz-Boliden über Jahrzehnte hinweg zahlreiche Siege ein, seit Manfred von Brauchitsch im Jahr 1932 in einem mit unlackierten Alu-Blechen verkleideten Mercedes auf der Berliner Rennstrecke Avus siegte. Daimler-Chef Dieter Zetsche fantasierte anlässlich dieser schnell beschleunigenden Verbindung zweier deutscher Ikonen schon von den neuen Nationalfarben Schwarz-Rot-Silber. Ciao Michele, willkommen deutscher Michel.
Nazis warten an der nächsten EckeWo überlegene Ingenieurskunst, Präzision in der Ausführung und unbedingter Siegeswille oder zumindest ein Schuss Rücksichtslosigkeit zusammenkommen, haben wir fast alle Kästchen angekreuzt, wenn es um typisch teutonische Eigenschaften geht. Da warten die Nazis schon an der nächsten Ecke. Als Quentin Tarantino sein Zweites-Weltkriegs-Drama „Inglourious Basterds“ besetzte, wählte er für die Nazi-Rollen ausschließlich deutschsprachige Schauspieler aus: Christoph Waltz, Daniel Brühl und August Diehl gaben stattliche Hakenkreuzträger ab. Tarantino folgte damit der Tradition von angloamerikanischen Kriegsfilmen aus den 60er Jahren, in denen Hollywoods erste Garde gegen deutsche Charakterdarsteller wie Wolfgang Preiss und Peter van Eyck zu Felde zogen, die sich auf die Darstellung extrazackiger Nazi-Offiziere spezialisiert hatten. Tatsächlich hatte van Eyck 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und während des Krieges in der US-Armee gedient. Aber das Klischee ist mächtiger als das Schwert.
Weshalb es kaum einen deutschen Weltstar gibt, der nicht auch - wenigstens nach außen hin - vorgeblich deutsche Eigenschaften verkörpert. Allzu viel Anpassung an ausländische Gepflogenheiten wäre nicht karrierefördernd. Und so erzählte Heidi Klum der amerikanischen Presse, nachdem sie in der Michael J. Fox-Serie „Spin City“ ihre erste große Gastrolle ergattern konnte, dass sie nach einer Bettszene mit Fox anfing zu jodeln: „Weil ich Deutsche bin, verstehen sie?“ Deutsche jodeln nach dem Sex. Nun ja, es gibt unangenehmere Vorurteile. Und Deutschlands weibliche Exportartikel können immerhin das weniger unangenehme Rollenfach „Fräuleinwunder“ bedienen: unter anderem Lieselotte Pulver, Hildegard Knef, Elke Sommer haben es erfolgreich getan.
Deutsch und weltoffen schließen sich nicht mehr ausImmerhin schließen sich heutzutage deutsch und weltoffen nicht aus. Man kann sich Karl Lagerfeld schwerlich in einer anderen Stadt als Paris vorstellen. Und doch bezeichnet sich der Sohn des Glücksklee-Dosenmilch-Fabrikanten Otto Lagerfeldt aus Hamburg als „stinkdeutsch, aber im guten Sinne des Wortes“ - und betont stets die Segnungen preußischer Arbeitsdisziplin. So wie das Jahrzehnte zuvor Marlene Dietrich getan hatte, der einzig wahre deutsche Weltstar des vergangenen Jahrhunderts.
Auch deutschen Musiker gelingt der Durchbruch zumal im angloamerikanischen Ausland immer dann, wenn sie ihre Herkunft zum Holzschnitt-Image vergröbern. Als die Düsseldorfer Kraftwerk Anfang der 70er mit tonlosem Ausdruck die deutsche Autobahn besangen, lauschten die Amerikaner fasziniert und die ehemaligen Experimental-Elektroniker fanden sich in der US-Hitparade wieder.
Typisch deutsche MusikgenresAuch der Welterfolg der Scorpions wurde durch den unüberhörbaren Akzent ihres Sängers Klaus Meine noch befördert. Wie überhaupt Hard Rock und Metal als typisch deutsche Musikgenres gelten, als klanglicher Ausdruck germanischer Schmiede- und Wertarbeit. Weshalb eine Zeit lang amerikanische und britische Bands der härteren Gangart den Umlaut im Namen führten: Motörhead, Mötley Crüe, Hüsker Dü. Dass Rammstein, die sorgfältig jedes deutsche Klischee durchdeklinierten - vom expressionistischen Furor bis zum SS-Ledermantel -, heute die international erfolgreichste Band aus Germany sind, erscheint nur da nur folgerichtig. Aber muss es denn immer gar so deutsch sein, wenn es ins Ausland geht? Inzwischen geht es auch anders. Wie etwa eine Band wie Tokio Hotel beweist. Image und Musik der Jungrocker aus Magdeburg mögen am Reißbrett entworfen worden sein. Doch lehnen sie sich eher an die japanische Visual-Kei-Bewegung an, an Musiker und ihre Fans also, die Einflüsse vom Kabuki-Theater bis David Bowie zu einem aufreizend künstlichen Look vermengen. Typisch deutsch ist da gar nichts mehr.
Und überhaupt: Wenn Schumacher im Mercedes-Silberpfeil seine Runden dreht, Klum im Bett jodelt oder Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa in Frankreich Juden jagt, dann übererfüllen sie zwar alle möglichen deutschen Stereotypen. Manche harmlos, manche beschämend, manche erschreckend. Aber sie tun dies im augenzwinkernden Einverständnis mit ihrem Publikum. Als Christoph Waltz dieser Tage in Erwartung seines Oscars bei den „Academy Awards“ saß, wurde er von der Bühne weg vom Moderator Steve Martin angesprochen: „Sie jagen also Juden? Glückwunsch, sie haben den Jackpot geknackt!“ Es war der größte Lacher des Abends und Waltz lachte herzlich mit. Es lebe das Klischee.
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Quatsch!
13.03.2010 | 00.15 Uhr | brutus
Dieser Artikel ist (leider) wieder einmal unterirdisch und eine völlig überflüssige Platzfüllerei. Es gibt doch genügend deutsche bzw.…
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