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Klinik-Service

Hightech für Kleintiere

Von Petra Pluwatsch, 19.03.10, 21:03h

In Düsseldorf bietet Deutschlands größte Tierklinik einen Service wie in der Humanmedizin. Bisher sind bereits 14 Fachärzte aus ganz Deutschland angestellt. Diese sollen ein Angebot für Tiere schaffen, das dem für Menschen entspricht.

Tierklinik Düsseldorf
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Chefarzt Wolfgang Drinneberg checkt das Röntgenbild eines Patienten. (Bild: Worring)
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Chefarzt Wolfgang Drinneberg checkt das Röntgenbild eines Patienten. (Bild: Worring)
Die ist im Reich der Träume“, sagt Kim Grützmacher. In ihrer Stimme liegt ein Hauch von Mitleid. Mit halb geschlossenen Augen ruht Nika auf dem OP-Tisch der Lesia-Tierklinik in Düsseldorf und gibt keinen Mucks von sich. Die Zunge hängt der Mischlingshündin seitlich aus dem Maul wie ein alter Putzlumpen, zwischen ihren Zähnen steckt ein Beatmungsschlauch, die Vorderpfoten und ein Hinterbein sind mit Mullbinden fixiert. Eben hat sie ihre Blase auf den Boden des Operationssaales entleert. Jetzt drückt Chefarzt Wolfgang Drinneberg rhythmisch auf Nikas Bauch, als wolle er das bewusstlose Tier leer pumpen. Eine Helferin hat den Schwanz angehoben und fängt in einem Plastikeimer die letzten Urintropfen auf.

Später setzt Drinneberg das Messer an. Kreuzbandriss am linken Hinterbein, hat er zuvor diagnostiziert. Das ist schmerzhaft und beeinträchtigt die Hündin beim Gehen. In einer Dreiviertelstunde soll der Schaden behoben sein. Auf dem Boden liegen schwarz-weiße Fellbüschel - zwei Assistenten haben Nikas Bein kahlrasiert. Es riecht nach Desinfektionsmitteln, und Kim Grützmacher, seit zwei Wochen Assistenzärztin in der Klinik, späht durch eine Glasscheibe auf den Operationstisch, wo Drinneberg gerade eine Sehne freilegt.

Operationen dieser Größenordnung sind nicht überall möglich. Normale Kleintierpraxen sind damit überfordert, Tierkliniken mit mehreren Operationssälen die Ausnahme in Deutschland. Und so wundert es nicht, dass in Düsseldorf-Wehrhahn in der Adlerstraße 63 alle mächtig stolz sind auf das gerade eröffnete „Lesia-Zentrum für Tiermedizin“, das sich Deutschlands einzige Hightech-Klinik für Tiere nennt. Auf sechs Etagen wird in dem klotzigen Eckhaus, das früher ein Bürogebäude war, eine medizinische Rundum-Versorgung für Kleintiere angeboten, von der manch kleines Krankenhaus für Humanmedizin nur träumen kann. Der bislang exotischste Patient war eine Boa Constrictor. Das Tier hatte Probleme, sich zu häuten.

14 Fachärzte habe er aus ganz Deutschland zusammengeholt, erzählt Klinik-Inhaber Marco Lenzen, „um für Tiere das gleiche Angebot zu schaffen wie für uns Menschen“: Chirurgie, Kardiologie, Dermatologie. Ein Rehabilitationszentrum, ein Röntgenraum, mehrere Operationssäle. Die Blutbank ist noch im Aufbau. Der Spaß hat den Mann bislang 4,5 Millionen Euro gekostet. Das ist viel Geld. Lenzen nickt. Ein Teil stammt aus seiner Privatschatulle, den Rest gab die Bank dazu.

Früher habe er erfolgreich in Mode gemacht, erklärt der 52-Jährige seinen bemerkenswerten finanziellen Hintergrund. Heute investiere er „alles Geld, was ich jemals verdient habe“, lieber in das Wohl der Tiere. Dabei sei er früher beileibe kein „Tierjeck“ gewesen, beteuert Lenzen. Doch dann kam Lesia aus Griechenland. „Es war der allerschlimmste Fall von Tiermisshandlung, den ich jemals gesehen habe. Nur ein Häufchen Fell und Blut.“ Lesia gab den Ausschlag zum Sinneswandel des Modemachers. Lenzen päppelte sie auf; ein gemaltes Porträt der putzigen Mischlingshündin hängt in der Klinik an der Wand, und für einen Moment fragt man sich, ob die Geschichte nicht zu schön ist, um wahr zu sein.

In der Abteilung für Physiotherapie steht derweil Ron das Wasser bis zum Hals. Der schottische Collie, fünf Jahre alt und Epileptiker, leidet an einer Hüftdysplasie, einer Fehlentwicklung des Hüftgelenks. Schlimme Sache, „er belastet dadurch die Hüfte falsch und die Muskeln bilden sich immer weiter zurück“, erläutert das besorgte Herrchen.

Uwe Nick, Besitzer von drei Hunden, drei Katzen und vier Meerschweinchen, zudem Vater zweier erwachsener Töchter, hält ein flauschiges Handtuch bereit. Gleich wird Ron mit einer speziellen Hebevorrichtung aus dem Wasser gehievt werden, in der er gerade so elegant über ein Laufband am Boden der Glaswanne trippelt, als kenne er keinen Schmerz.

Physiotherapeutin Yvonne Christophori ist zufrieden mit Ron. Drei Behandlungen hat er in dieser Woche bekommen, und schon zeige sich der erste Erfolg. 2005 hat die Tierarzthelferin und passionierte Hundefreundin auf Tierphysiotherapeutin umgesattelt, ein Job mit Zukunft. Dass auch Tiere bisweilen Rehamaßnahmen benötigen, werde immer mehr publik, beobachtet sie mit Freude. Die Besitzer seien zunehmend bereit, sich die Gesundung ihrer Tiere einiges kosten zu lassen. Selbst Akupunktur für Hund und Katze wird in der Düsseldorfer Klinik angeboten.

„Das Bewusstsein der Menschen für die Gesundheit ihrer Tiere hat sich in den vergangenen 20 Jahren entscheidend verändert“, bestätigt Johannes Thal, Fachmann für Augenheilkunde beim Tier und damit „Angehöriger einer raren Spezies in Deutschland“. Gerade betrachtet er auf dem Computer das Bild eines von grauem Star getrübten Hunde-Auges. Kein Problem, auch das lässt sich operieren. „Tiere sind gerade in der Großstadt oft ein Familienersatz“, erläutert er das Phänomen der stets wachsenden Tierliebe der Deutschen. „Je mehr Menschen allein leben, wie es in unserer Gesellschaft der Fall ist, desto wichtiger werden die Haustiere.“

Wenn das vierbeinige Familienmitglied trotz aller ärztlichen Bemühungen stirbt, ist die Trauer in der Regel groß. Doch auch für diesen Fall hat die Lesia-Klinik vorgesorgt. Es gibt einen Trauerraum, in dem man in aller Ruhe Abschied nehmen kann. Eine Broschüre mit dem Titel „Der Tod eines Tieres“ liegt für den Fall der Fälle bereit, daneben ein Informationsblatt über einen nahen Tierfriedhof.



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