Von Sigrid Schulze, 22.03.10, 12:12h, aktualisiert 22.03.10, 12:12h
In jüngster Zeit tauchen Bericht über Kinder und Jugendliche auf, die von kirchlichen Bediensteten sexuell missbraucht wurden. Die Fälle, die bekannt werden und Entsetzen auslösen, sind nur ein kleiner Teil eines riesigen, alltäglichen Meers aus Vertuschung und Lügen. Im Jahr 2008 wurden mehr als 15 000 Kinder sexuell missbraucht, so die polizeiliche Kriminalstatistik. Doch: Die Dunkelziffer, die Zahl der nicht angezeigten Fälle, liegt weitaus höher. Etwa jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder neunte bis zwölfte Junge macht mindestens einmal vor seinem 18. Lebensjahr eine sexuelle Gewalt-Erfahrung, so der Kölner Verein „Zartbitter“, der sich als Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen versteht. Kein Wunder, dass man es mit der Angst zu tun bekommt und sich die entsetzliche Frage aufdrängt: Könnte auch das eigene Kind, die Nichte, das eigene Enkelkind ein Missbrauchs-Opfer sein - oder werden?
Ein Viertel JungenWer sich eine solche Frage stellt, sollte wissen, dass sexueller Missbrauch kann überall vorkommen: „Etwa die Hälfte aller Missbrauchsfälle geschehen im Bekannten- oder Verwandtenkreis der Kinder“, so Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart. Missbrauch macht vor keiner sozialen Schicht, keiner Berufsgruppe und keiner Religion halt. „Etwa ein Drittel aller sexuellen Gewalttaten werden von Jugendlichen unter 18 Jahren verübt“, weiß Ursula Enders, Leiterin des Vereins „Zartbitter“. Zu den Opfern zählen nicht nur Mädchen. Jungen machen etwa ein Viertel der betroffenen Kinder aus, so die Statistik.
Zu erkennen sind die Täter nicht. Oft gelten sie als angesehene Bürger. Eines haben sie allerdings gemeinsam: Sie sind nicht nur Täter, sondern auch Bezugspersonen - „mit ihren Opfern gut vertraut“, so die Polizeiliche Kriminalprävention. Und weil ausgerechnet eine wichtige Bezugsperson das Kind ausbeutet, kann das seelische Leid besonders groß werden.
„Alle betroffenen Mädchen und Jungen geben Hinweise“, erklärt Ursula Enders. Ein Kind, das missbraucht wird, verändert sich. Harald Schmidt: „Es wird zum Beispiel auffällig ängstlich, zieht sich in sich selbst zurück, verhält sich aggressiv oder unterwürfig, kann nicht mehr schlafen.“ Darüber hinaus bringen betroffene Vor- und Grundschulkinder das Erleben ihrer Ohnmacht häufig dadurch zum Ausdruck, dass sie selbst sexuelle Übergriffe auf andere Mädchen und Jungen verüben. Dazu gehört zum Beispiel, Kindern mit pornografischen Bildern auf dem Handy Angst zu machen oder mit einem Stock in ihren Genitalbereich einzudringen
„Wenn Eltern und Pädagogen diese Hinweise verstehen, wenn sie ruhig reagieren, dem Opfer glauben und es schützen, so hat es eine große Chance, den Missbrauch ohne Langzeitfolgen zu verarbeiten“, darauf weist Ursula Enders hin. Bleibt das Kind aber in seiner Not allein, so kann es ein gestörtes Essverhalten, massive Ängste oder andere psychosomatische Erkrankungen entwickeln. Sensibel sein, nicht nur dann, wenn es um das eigene Kind geht. Heidemarie Arnold, Vorsitzende des Vereins „Arbeitskreis Neue Erziehung“: „Wenn das Kind zum Beispiel nur noch angezogen ins Bett gehen will, wenn es sich weigert, eine bestimmte Person zu besuchen, oder darauf besteht, dass es nicht allein dabeibleibt, dann sollte man es ernst nehmen und die Gründe herausfinden.“ Symptome sollten dennoch nicht einseitig interpretiert werden. Verhaltensauffälligkeiten können auch andere Ursachen als Missbrauch haben, so Ingo Fock, Vorsitzender des Göttinger Vereins „Gegen Missbrauch“. Was kann man tun, wenn die Vermutung besteht, ein Kind könnte sexuell missbraucht werden?
Informationen sammeln
Wenn bei einem Kind der Verdacht auf sexuellen Missbrauch besteht, ist es sinnvoll, Notizen mit Datum und einer Beschreibung der Auffälligkeiten zu machen. Diese Notizen helfen professionellen Beratern, sich ein möglichst objektives Bild von der Situation zu machen.
Beratung suchen
Auch wenn eine Vermutung berechtigt erscheint, gilt der Grundsatz: Auf keinen Fall überstürzt handeln. Wichtig ist es, sich zunächst mit Fachleuten zu beraten.
Das Kind ernst nehmen
Ganz wichtig ist für Opfer die Gewissheit, dass sie ernst genommen werden. „Oft verstummen sie wieder, weil Mütter, Väter und Pädagogen dem Täter den Missbrauch nicht zutrauen und deshalb die Glaubwürdigkeit der Kinder in Frage stellen“, erklärt Ursula Enders.
Ruhig bleiben
Der Zuhörer sollte sein Entsetzen nicht zeigen. Es könnte dazu führen, dass das betroffene Kind nur noch das berichtet, was den Zuhörer nicht zu sehr belastet - oder sogar wieder schweigt.
Täter nicht unvorbereitet zur Rede stellen
Der Täter darf niemals spontan oder impulsiv zur Rede gestellt werden. Bei der Frage, wie man ihn mit seiner Tat konfrontiert, können die Anlaufstellen helfen. Ingo Fock: „Die Gefahr besteht, dass er das missbrauchte Kind wieder zum Schweigen bringt, andere Opfer vielleicht nie gefunden werden und er sich Schlupflöcher sucht, um sich aus dem Verdacht herauszuwinden.“
Opfer berichtet: „Mach den Mund auf! Sei nicht still!“
Begriff: Was ist sexueller Missbrauch?
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