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Interview mit Messechef Böse

„Wir wollen schlanker werden“

Erstellt 18.03.10, 22:10h

Messen sind das Spiegelbild der Märkte, sagt Gerald Böse. Der Chef der Kölner Messe spricht im Interview über die noch ausstehnde Krise in der Branche, gefährdete Mietzahlungen und den Einfluss des Wirtschaftsgiganten China.

Gerald Böse
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Chef der Kölner Messe: Gerald Böse. (Bild: Rakoczy)
Gerald Böse
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Chef der Kölner Messe: Gerald Böse. (Bild: Rakoczy)
Herr Böse, wo stünde die Kölner Messe ohne die vor vier Jahren gebauten Hallen?

GERALD BÖSE: Die Messe Köln hatte sich mit Investitionen zurückgehalten, als deutsche Wettbewerber in den 70er Jahren ihre Hallen grundlegend modernisierten und erneuerten. Unsere neuen Hallen in Verbindung mit einem neuen Kongresszentrum haben uns erst wieder wettbewerbsfähig gemacht. Ohne sie würden weder die Intermot noch die Gamescom, also die besucherstärksten Messen in unserem Programm, in Köln stattfinden. Und 2009 war das umsatz- und veranstaltungsstärkste Messejahr in Köln.

Wie sieht es denn aus mit der vom Europäischen Gerichtshof geforderten Rückabwicklung des Mietvertrages für die neuen Hallen?

BÖSE: Vertragspartner des Oppenheim-Esch-Fonds als Eigentümer der Hallen ist die Stadt Köln als Mieter. Wir sind an den Gesprächen nicht direkt beteiligt. Unser Interesse liegt aber darin, dass sich der Aufwand für die Messegesellschaft im größtmöglichen Umfang reduziert. Die EU hat ja gefordert, dass in dieser Frage bis Ende Juni eine neue Regelung gefunden werden muss. Wir hoffen natürlich, dass dadurch ein motivierender Druck auf die Verhandlungspartner aufgebaut wird. Ohne die Mietbelastungen hätten wir 2009 ein positives Ergebnis von knapp 30 Millionen Euro vor Steuern und Abschreibungen erzielt.

Ihre neuen Aufsichtsräte aus den Partei-Fraktionen stellen gewiss bohrende Fragen, wie Ihr Ergebnis 2012 aussehen wird. Dann muss die Stadt einspringen, wenn Sie ihre Mietzahlungen nicht mehr selbst erwirtschaften.

BÖSE: Wir haben dem Aufsichtsrat im Dezember unser Paket an Maßnahmen zur Zukunftssicherung vorgelegt. Wir gehen dabei noch über das verabredete Effizienzprogramm „2012 plus“ hinaus. Wir wollen schlanker werden und unsere Aufgaben noch fokussierter wahrnehmen, aber gleichzeitig alles daran setzen, weiter in der Spitzenliga der Messeplätze mitzuspielen. Wir müssen unser Bestandsgeschäft in den Kernthemen sichern und ausbauen, weil das Garant ist für ein rentables Geschäft. Denn alle Messethemen, die wir neu aufbauen, kosten zunächst Ressourcen und damit auch Geld. Ich rechne mit einer zeitverzögerten Auswirkung der Wirtschaftskrise auf die Messen. Wir erwarten deshalb in den nächsten Jahren Verluste, die schwankend mal im zweistelligen, mal im einstelligen Millionenbereich liegen. Aber man muss das in Relation setzen zu dem, was die Messe für den Standort an internationaler Reputation und Bekanntheit leistet. Außerdem sorgt das Messegeschäft jährlich für Umsätze von über eine Milliarde Euroin der Stadt und der Region.

Schlanker werden heißt Stellen streichen?

BÖSE: Wir bauen von unseren knapp 600 Stellen etwa 80 ab - und zwar ohne betriebsbedingte Kündigungen. Jeder Mitarbeiter wird künftig zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen. Ich bin guter Dinge, dass das aufgrund der guten Qualifizierung des Personals gelingen wird.

Wie gehen Sie vor, um bei bestimmten Themen rechtzeitig Erosionsprozesse zu erkennen?

BÖSE: Messen sind ein Spiegelbild der Märkte und der Veränderungen dieser Märkte. Der Weiterentwicklung einer Veranstaltung kann es durchaus dienen, wenn man konstruktiv und auch kontrovers mit den Beiräten darüber diskutiert. Als Veranstalter müssen wir am Puls der Zeit sein, und neue Entwicklungen vorausahnen und diese Trends dann in marktfähige Veranstaltungskonzepte umsetzen.

In Köln gelingt das offenbar nicht immer: Die Eisenwarenmesse hat einen Großteil der früheren Bedeutung eingebüßt, bei der Möbelmesse geht die belegte Fläche zurück. Die Ifma und damit die Fahrräder sind weg. Die Textilverarbeitungsmesse ist abgewandert, die Süßwarenmesse verliert jährlich 100 Aussteller. Die Solaria ist weg und die Domotechnica schon lange Vergangenheit.

BÖSE: So zugespitzt kann man das nicht stehen lassen. Die ISM ist weiter weltweit die Nr. 1 und bei der Möbelmesse ist die Entwicklung seit 2010 wieder sehr positiv. Und bei einigen der genannten Beispiele liegen die Gründe für eine Abwanderung schon viele Jahre zurück. Außerdem ist ja nicht nur etwas weggebrochen, es sind auch wichtige Veranstaltungen hinzugekommen. Neben Intermot und Gamescom unter anderem die Leitmesse der digitalen Werbewirtschaft, dmexco und die Küchenmesse Living Kitchen. Außerdem etablieren wir Eigenveranstaltungen in Themenbereichen, bei denen wir eine wachsende wirtschaftliche Bedeutung erwarten - etwa im Gesundheitssektor mit der PerMediCon, in der Elektromobilität auf der elektro:mobila oder beim vernetzten Leben auf der ConLife.

Welche Bedeutung hat für die Messe das Auslandsgeschäft?

BÖSE: Für mich hat der Standort Köln ganz klar Priorität. Aber wir haben zwischen 2002 und 2010 unsere Marktposition in Südostasien, China und Indien deutlich ausgebaut. Es wäre fatal, das jetzt wieder in Frage zu stellen, weil wir gerade eine Phase wirtschaftlicher Schwierigkeiten haben. Die Volkswirtschaften dort werden in den kommenden Jahren eher Wachstumsraten aufweisen als bei uns. Und unser Regiozentrum Asien arbeitet seit 2009 kostendeckend. Das Engagement dort jetzt zu stoppen, wäre strategisch die falsche Entscheidung.

Das Gespräch führten Peter Berger, Andreas Damm und Willi Feldgen.



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