Von Frank Olbert, 25.03.10, 21:23h, aktualisiert 25.03.10, 21:23h
2007 stellte die örtliche CDU den Antrag, im Jahr 2010 anlässlich seines 100. Geburtstages den Wittlicher Künstler Hanns Scherl mit einer Ausstellung im Meistermann-Museum zu würdigen. Es solle des „in der gesamten Region Trier und darüber hinaus bekannten und geachteten Bildhauers und Zeichners gedacht werden“. Der entscheidende Makel daran: Am 30. April 1938 wurde Scherl unter der Mitgliedsnummer 5416612 in die NSDAP aufgenommen. Er war Oberscharführer der Hitlerjugend, und auch seine Kunst wollte er zur damaligen Zeit offensichtlich im Sinne des Blut-und-Boden-Kults der Nationalsozialisten verstanden wissen. Er sehe in ihr seine zum „Fanatismus verpflichtende Mission“, zitiert ihn das Wittlicher Tageblatt vom 12.11.1938.
„Dem Führer zum Geburtstag“Und mehr noch. Für den Entwurf und die Holzschnitte des Buches „Der Opferring des Kreises Wittlich“ zeichnet verantwortlich „Bildhauer H. Scherl.“ In einer einleitenden Widmung heißt es: „Dem Führer zum Geburtstag im Jahr der rheinischen Freiheit 1936.“ Unter einem Holzschnitt, der ein sehniges Bauernpaar zeigt, welches sich über die Ackerfurche beugt, steht geschrieben: „Die Treue zu Scholle, Blut und Sitte ist der Eifelmenschen tiefster Wesenszug.“
Ein einfacher Mitläufer scheint Hanns Scherl demnach nicht gewesen zu sein. Auch keiner, der sich still in die Innere Emigration begeben hätte, ins Refugium seiner Kunst. Angesichts der offensichtlichen Verstrickung Scherls in die nationalsozialistische Ideologie wird massive Kritik an der Stadt Wittlich geübt, ausgerechnet diesen Künstler ausgerechnet in diesem Museum zu ehren: „Georg Meistermann war ein konsequenter Gegner des Hitler-Regimes, der nicht davor zurück schreckte, mehrmals sein Leben zu riskieren, um seiner Anti-Hitler-Überzeugung treu zu bleiben“, so Claus Bingemer, Stiefsohn und Testamentsvollstrecker Meistermanns.
Angesicht der „hochdiffizilen Problematik“ will sich Ulrich Jacoby, Pressesprecher der Stadt Wittlich, nur schriftlich zu Anfragen äußern. In Hanns Scherl erkennt er nach den ihm vorliegenden Informationen einen Künstler, der dem Nationalsozialismus nicht näher gestanden habe, „als die meisten anderen Menschen in dieser Zeit auch“. Die gegen Scherl erhobenen „Diffamierungen“, so Jacoby, „stützten sich letztlich auf einen Artikel in der Lokalzeitung aus dem Jahre 1938“. Der Pressesprecher findet: „Eine mehr als schwache Ausgangslage!“
Mehrere Gutachten kommen indes zu einem anderen Schluss. So befand der Trierer Museumsdirektor a. D., Dieter Ahrens: „Im Dritten Reich kam er (Scherl) recht gut an und erhielt Aufträge, so für ein Hitler-Porträt im Wittlicher Kreishaus.“ Und Rolf Jessewitsch, Direktor des Museum Baden, das 1996 in Solingen mit einem Grundstock von Bildern Georg Meistermanns gegründet wurde, schreibt über Scherl, dass dieser „aktiv im nationalsozialistischen Kunstbetrieb“ mitgearbeitet habe und eine Ausstellung seiner damals entstandenen Werke allenfalls im Rahmen einer Dokumentation stattfinden könne, die den Nationalsozialismus historisch aufklärend beleuchtet.
Marianne Baumüller-Scherl, die Tochter des Künstlers, sieht in solchen Einschätzungen den Versuch, das Ansehen ihres Vaters zu demontieren. Frau Baumüller-Scherl ist an der Realisation der Ausstellung beteiligt, sie verweist auf die Vielfalt im Werk ihres Vaters, auf den christlichen Grundton seiner Kunst und darauf, dass seine Gegner versucht hätten, eben dieses Werk zunächst als Regionalkunst abzutun, um schließlich die „Nazi-Keule“ hervor zu holen: „So wie es dargestellt wird, sind die Dinge nicht passiert.“
Im öffentlichen RaumWerke von Scherl sind heute vor allem als Kunst im öffentlichen Raum in Wittlich und Umgebung zu betrachten. So befindet sich am Wittlicher Kirchturm von Sankt Markus eine Figur des Heiligen Sebastian von 1935.
Der Gutachter Ahrens nennt Scherls Kunst „volkstümlich“, aber auch „flach und spannungslos“, eine Einschätzung, der sich Jessewitsch anschließt: „Hanns Scherls Werke haben keinen hohen künstlerischen Rang.“ Über die politische Problematik, die „hochgradige Delikatesse“ des Falles hinaus, war es nicht zuletzt die ästhetische Qualität der Kunst Scherls, die den Leiter des Wittlicher Meistermann-Museums, Justinus Calleen, gegen die Ausstellung opponieren ließ. Allerdings sei er „politischem Druck“ ausgesetzt gewesen.
Im kommenden Mai soll die Scherl-Ausstellung eröffnet werden. Calleen wird dann nicht dabei sein. Die Stadt Wittlich hat seine Stelle gestrichen.
provinzposse
27.03.2010 | 14.22 Uhr | werner21
Ich würde sogar sagen es wäre ein Provinzskandal!
Aber so ist es ein bundesweiter Eklat, eine unglaubliche Ignoranz gegenüber den Leistungen der…
Ein typisches Muster
26.03.2010 | 16.21 Uhr | adamsmith
Ich erkenne hier ein typisches Muster:Kommunalpolitiker aus der Provinz benötigt Knüller zur Belebung von Tourismus und "Dorfkultur". Also bemüht…
und dann noch das...
26.03.2010 | 13.01 Uhr | werner21
Wittlich feiert dieses Jahr
das 100jährige der Synagoge!
http://www.wittlich.de/kultur/synagoge/index.htm
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