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Milliarden-Schäden

Fettleibigkeit macht sich breit

Von Thomas Magenheim, 02.04.10, 17:20h, aktualisiert 02.04.10, 21:54h

Dass die Menschen immer dicker werden, hat nicht nur gesundheitliche Auswirkungen. Steigt die Anzahl der Fettleibigen weiter, hat dies auch volkswirtschaftliche Schäden zur Folge. Fachleute schlagen daher Alarm.

Fettleibigkeit
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Falsche Ernährung und Fettleibigkeit alarmieren die Versicherungen. (Bild: Caro)
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Falsche Ernährung und Fettleibigkeit alarmieren die Versicherungen. (Bild: Caro)
MÜNCHEN – Fettleibigkeit wird nicht nur für Betroffene sondern auch für die Assekuranz zum wachsenden Übel. „Es ist wie ein Flächenbrand“, sagt Achim Regenauer, Chefarzt des Münchner Versicherungsriesen Munich Re. Ausgehend von den USA sei Fettleibigkeit weltweit ein ernstes Problem geworden, das Folgeerkrankungen wie Diabetes nach sich zieht und nicht nur betroffene Menschen, sondern ganze Volkswirtschaften schwächt.

Werden die aktuellen Trends nicht gebremst, ist Fettleibigkeit in zehn Jahren für ein Fünftel aller Gesundheitskosten weltweit verantwortlich, schätzen Fachleute. Die Erkenntnisse sind nicht neu, aber sie kursieren vorwiegend in Expertenzirkeln, bedauert Franz Bernstetter, Service-Chef der Munich Re-Gesundheitssparte. Er hält Studien für realistisch, die für Deutschland die volkswirtschaftlichen Schäden von Fettleibigkeit schon jetzt auf jährlich acht bis 20 Milliarden Euro taxieren. Die Summe umfasst Kosten für Behandlung und Arbeitsausfall. 37 Millionen Deutsche gelten als fettleibig oder übergewichtig. Darunter leiden Krankenversicherer und deren Kunden.

In den USA hat krankhaftes Übergewicht bereits dramatische Folgen: „Die Lebenserwartung steigt dort nicht mehr und sinkt sogar bei Frauen über 40 Jahren“, sagt Regenauer. 300 000 US-Todesfälle jährlich werden auf zu viele Pfunde zurückgeführt. Fettleibigkeit beginnt immer häufiger bereits im Kindesalter. In Deutschland fallen sechs Prozent aller Kinder unter diese Kategorie, weitere 15 Prozent sind übergewichtig. Im chinesischen Schanghai ist diese Rate viermal so hoch.

Diabetes-„Pandemie“ droht

Auf sich verbreitende Fettleibigkeit droht verzögert eine Diabetes-„Pandemie“ zu folgen. Versicherer können darauf nicht nur mit höherer Prämie reagieren. Michael Blasius vom Munich Re-eigenen Gesundheitsdienstleister Almeda wirbt für Telecoaching als Alternative. Dahinter verbergen sich Präventions- und Gesundheitsprogramme mit telefonischer Betreuung durch Experten, meist Krankenschwestern.

Die bietet Almeda nicht nur global über Krankenversicherer der Munich Re an, sondern auch über gesetzliche Kassen hier zu Lande. Gut 25 000 Versicherte sind hier zu Lande in solche Programme eingeschrieben. Die Erfolge nach einem Jahr seien messbar und dauerhaft, betont Blasius. 57 Prozent der Teilnehmer ernähren sich mittlerweile gesünder, 76 Prozent bewegen sich mehr und 48 Prozent haben ihr Gewicht reduziert. Nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz schaffe es dagegen auf sich allein gestellt, dauerhaft gegen Übergewicht und Fettleibigkeit anzukommen. Es sei die Stimme am Telefon, die den Unterschied ausmacht. „Wir helfen, den inneren Schweinehund zu überwinden“, sagt Blasius. Das geschieht nicht nur in Form eines Telefonanrufs sondern auch per SMS-Nachrichten am Handy. „Heute schon bewegt, Obst und Gemüse gegessen?“, fragt dann das Display und übernimmt die Rolle eines schlechten Gewissens. Die Körperwaagen von Teilnehmern sind online mit Alemeda verbunden. Nur rund fünf Prozent geben auf, sagt Blasius.

Noch besser wären gesellschaftsweite Programme, sagt Regenauer. So sei Finnland vor einigen Jahrzehnten in Europa Spitzenreiter in der Herzinfarkt-Statistik gewesen. Dann hätten unter anderem Versicherer, Kindergärten und Ärzte ein Aufklärungsprogramm gestartet. Beteiligt waren auch Supermärkte, die in ihren Regalen für Infarktrisiken unbedenkliche Nahrungsmittel angeboten haben. Heute liegt die finnische Infarktrate anhaltend im europäischen Mittelfeld. Ein vergleichbares Programm gibt es in Deutschland nicht. Die Gesundheitspolitik sei noch nicht so weit, obwohl 60 Prozent aller Krankheiten mit dem Lebensstil zu tun hätten. Vorerst bezahle man weiter für die Krankheit statt für deren Vermeidung.



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