Erstellt 30.01.10, 22:00h, aktualisiert 31.01.10, 10:33h
20.19 Uhr Friede Springer wird als „heimliche Chefin des Springer-Verlags“ begrüßt, danach begrüßt Herr Kerkeling, in weitgehend akzentfreiem Fake-Russisch, auch die Zuschauer des russischen Staatsfernsehens.
20.21 Uhr „Wissen Sie, wie die Goldene Kamera hergestellt wird?!“, ulkt der Gastgeber, „es werden einfach zwei Bambis eingeschmolzen.“ Wohl wahr: Das hat jetzt schon mehr Geist, Charme und Witz als die „Bambi“-Verleihung Ende 2009, als Tom Bartels und Katarina Witt in der ARD dem Begriff „Fremdschämen“ eine völlig neue Dimension eröffneten.
20.25 Uhr Die „Beste deutsche Schauspielerin“ laudatieren Iris Berben und Robert Stadlober. Es gewinnt: Senta Berger; Anna Loos und Silke Bodenbender gehen leer aus. Veronica Ferres war – in dieser Kategorie extrem nachvollziehbar – erst gar nicht nominiert.
20.29 Uhr Wie oft wurde bisher „HÖRZU“, der Jopi Heesters unter den Programmzeitschriften, „Friede Springer“ und „Springer-Verlag“ erwähnt? Inflationär jedenfalls, und es wird im Laufe des Abends garantiert noch inflationärer. „Dauerwerbesendung“ muss das ZDF trotzdem nicht einblenden.
20.33 Uhr Frau Berben und Herr Stadlober verkünden, dass Matthias Schweighöfer als „Bester deutscher Schauspieler“ ausgezeichnet wird.
20.36 Uhr Herr Schweighöfer kombiniert seinen Anzug fußwärts mit Sneakern. Auch seine Dankesrede, in der er seine Oma und seinen Opa grüßt, ist einigermaßen peinlich.
Eine Karikatur namens Karl
20.40 Uhr Aussehen, Gestik, Mimik und das gesamte Auftreten von Karl Lagerfeld sind eins definitiv nicht mehr: karikierbar. Er verfranst sich in seinen eigenen Sätzen, wirkt etwas knappluftig und lobt und preist Diane Kruger. Als „Beste internationale Schauspielerin“.
20.43 Uhr Sensationell waren aber zweifellos Lagerfelds silberne Handschuhe. Ein echter Freak. Partiell peinlich: die Dankesrede von Frau Kruger. Ist erstens den Tränen nah, als sie ihrer Mutter dankt – und zweitens vor allem von der wichtigsten Person in ihrem Leben sehr gerührt: von sich selbst.
20.46 Uhr Herr Kerkeling lüftet ein Geheimnis: Richard Gere war seinerzeit nur zweite Wahl bei der Besetzung von „Pretty Woman“, erste Wahl war selbstverständlich Horst Schlämmer. Launiger Einspielfilm dazu: Julia Roberts in der Wanne, Herr Kerkeling am Wannenrand. Irre, was mit moderner Computertechnik alles möglich ist.
20.47 Uhr Beste Musik international: David Garrett. Und wenn der Mann noch so viele Preise einheimst, er bleibt ein Irrtum. „Er schafft den Spagat zwischen Klassik und Pop, zwischen Mozart und Metallica“, behauptet Laudator Olli Dittrich. Klassik möge Klassik bleiben, Pop eben Pop – und David Garrett möglichst weit weg.
20.52 Uhr Herr Garrett trägt sein Haupthaar heute halboffen, es gilt: Eine Frisur findet nicht statt. In seiner Dankesrede erwähnt er auch Dr. Müller-Wohlfarth. Behandelt der Mediziner jetzt auch BRAVO-Posterboy-taugliche Stehgeiger?
20.59 Uhr Ob Frank Schätzing das Jackett aus dem Kleiderschrank von Kurzzeit-Co-Bundestrainer Uli Stieleke stibitzt hat? Sieht auf der einen Schulter aus, als wäre er in einen Taubenschwarm geraten. Ein visuelles Inferno, keine Frage. Kommt von Süßwarenkauf in Kölner Bäckereien – „Süßes nennt man in Köln Teilchen“ – auf „Teilchenbeschleuniger.“ Genial ist fast ein zu kleines Wort dafür. Danke, Frank Schätzing.
21.04 Uhr In der Kategorie „Beste Information“ gewinnt das ZDF-Format „Abenteuer Wissen“. Moderator Karsten Schwanke freut sich redlich, dankt ungefähr 43 Menschen und vergisst auch nicht, seine Schwiegereltern aktuell fürs Babysitting zu loben und zu preisen.
Wedel wirkt wirklich wirr
21.10 Uhr Es redet einigermaßen wirr und kommt schwerlich auf den Punkt: Dr. Dieter Wedel. Was er wohl sagen möchte: Es gibt immer noch gute Fernsehfilme, aber sie haben es nicht leicht innerhalb eines Fernsehsenders.
21.14 Uhr „Bester Fernsehfilm“ wird eine weitere ZDF-Produktion: „Entführt“.
21.18 Uhr „Leute, ich hab mich auf euch alle doll gefreut“, sagt Cordula Stratmann, „letztes Jahr ist ausgefallen, und schon hat man sich zwei Jahre nicht gesehen. Einige erkenne ich gar nicht mehr.“ Eisiges Schweigen im Saale, fast ein Harald-Schmidt-Moment: Wenn man den eitlen Fernsehgecken mit wohlfeiler Ironie kommt, geht das fast immer in die Hose. Was immer an den Fernsehgecken liegt.
21.22 Uhr Maria Kwiatkowsky, 24, ist Preisträgerin der Lilli Palmer & Curd Jürgens-Gedächtniskamera. Als die begabte Schauspielerin 2005 aus „privater und beruflicher Frustration“ eine Kindertagesstätte in Berlin anzündete, begleitete die BILD-Zeitung das mit den üblichen BILD-Zeitungs-Methoden. Soll aber bestimmt keine Wiedergutmachung sein, dieser Nachwuchspreis.
21.27 Uhr Hübsch auch die Phantasie-Kategorie „Beste Musik national“. Mit dem Charme, der Anmutung und dem Esprit eines erfolgreichen Gebrauchtwagenhändlers hält Dieter Thomas Heck die Lobrede auf Die Fantastischen Vier.
21.31 Uhr O-Ton Herr Heck: „Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet vier Schwaben die Straße der Musik revolutionieren würden?“ Ja, wer hätte gedacht, dass anno 2010 im Rahmen einer Preisverleihung solch fabelhaftes Geschwurbel live im deutschen Fernsehen über den Sender gehen kann? Alle? Ach so.
21.33 Uhr Immerhin: Herr Heck sortiert die Fantas als „bürgerlich“ ein. Und damit liegt er goldrichtig. Smudo übrigens auch: „Herr Heck ist der James Brown des Schlager-TVs.“ Dann wird gesungen: Die Fantas bringen „Einfach sein“ auf die Bühne.
21.43 Uhr Das Motto der Leserwahl anno 2010: „Wer hilft am besten im TV?“ Der Chefredakteur der HÖRZU serviert eine dröge Begründung für diese Kategorie, dann übernimmt Herr Kerkeling in seiner Rolle als holländische Paartherapeutin Efje van Dampen die Angelegenheit. Gut so. „Ich blicke heute Abend in sehr viele verwirrte und verzweifelte Gesichter“, sagt sie/er.
21.50 Uhr Bei den Coaching-Formaten konkurrieren „Raus aus den Schulden“, „Der Hundeprofi“ und „Rach, der Restauranttester“. Der Schnitzel-Kontrolletti und Schneebesen-Dompteur gewinnt. Geht in Ordnung: Obwohl bei RTL ausgestrahlt, kommt das Format weitgehend ohne Häme aus.
21.53 Uhr Die erste Laudatorin, die einen richtigen Bezug zum Preisträger hat: Désirée Nosbusch erzählt von ihrem ganz persönlichen Fernsehskandal, der – die Älteren werden sich erinnern – sich um Franz Josef Strauß drehte und seinerzeit bei „Auf los geht’s los“ stattfand. Mit warmen und wahrhaftigen Worten würdigt sie Joachim „Blacky“ Fuchsberger als Preisträger der Kategorie „Lebenswerk national“.
22.00 Uhr Ein großer Live-Fernseh-Moment: Als Überraschungsgast für Herrn Fuchsberger erscheint Harry Belafonte. Zwei große alte Männer, zusammen 164 Jahre alt und zu Tränen gerührt; dieses Bild möchte man anhalten, so würdig ist das.
22.14 Uhr Iris Berben verdrückt mehr als nur ein paar Tränchen, und auch der Saal ist sichtlich beeindruckt von dem Auftritt der Herren Fuchsberger und Belafonte.
22.18 Uhr Was für ein Bruch: Jetzt geht’s um Casting- und Unterhaltungsshows. Herr Kerkeling unterhält sich mit Bruce „Drama, Drama, Drama“ Darnell. Und stimmt dann „Dancing Queen“ an. Auf Niederländisch. Sylvie van der Vaart, von Beruf Spielerfrau, mimt Begeisterung.
22.22 Uhr „Beste Casting- und Unterhaltungsshow“ wird „Das Supertalent“. Zur Erinnerung: Das ist die RTL-Sendung, in der anno 2009 ein Kunstfurzer auftrat und schließlich ein Hund namens Primadonna gewann, moderiert u.a. vom weltbesten Moderationskartenhalter Marco Schreyl.
22.25 Uhr „Ick habä nie gedacht, dass mir so ätwas passierän kann“, bekennt Supertalent-Jury-Mitglied Bruce Darnell. Wir auch nicht, Mr Darnell, wir auch nicht. Dann weint Mr Darnell, er weint echte Fernsehcastingshowtränen. Was für ein Gefälle zu dem Altmännerduo Fuchsberger/Belafonte.
Und täglich gegrüßt: der Dalai Lama
22.32 Uhr In der Kategorie „Bester Schauspieler international“ wird Richard Gere prämiert, der dem Auditorium dann zeigt, wie man eine zünftige Dankesrede hält: Der Hollywood-Star parliert über das Wesen des Schauspielerberufs, verknüpft dieses mit seinem Charity-Wirken und vergisst auch nicht, den Dalai Lama zu erwähnen. Verwandte grüßt Mr Gere nicht.
22.39 Uhr Thomas Anders, die bessere Hälfte der immer noch sehr schlechten und sehr schrecklichen Formation Modern Talking, muss lobende Worte für den Instant-Soul-Simulanten Mick Hucknall finden. Es gibt wahrlich leichtere Aufgaben, als ernsthaft den Mann zu ehren, der Simply Red ist.
22.44 Uhr Fürwahr eine gute Nachricht: Herr Kerkeling kündigt den „letzten, den allerletzten Auftritt von Simply Red“ an. Dann singt Hucknall tatsächlich, und dann ist es tatsächlich überstanden.
22.49 Uhr Und noch ein Überraschungs-Laudator: Michael Douglas würdigt seinen Freund Danny DeVito, Preisträger in der Kategorie „Lebenswerk international“.
22.59 Uhr „Ich habe einen Smoking gefunden, der mir passt“, freut sich Mr DeVito – und kurvt dann launig durch die eigene Karriere: von der Zeit, in der er als Kind dreimal pro Woche ins Kino ging über seine WG-Ära mit Michael Douglas bis hin zu seinen diversen Filmen.
23.03 Uhr Das war’s. Ein paar Längen hatte die 45. Ausgabe der Golden Kamera, sie hatte aber auch einen Moderator, der die Angelegenheit jederzeit mit Grips und Witz im Griff hatte, und sie hatte vor allem einen ausführlichen würdigen Moment: den mit Joachim „Blacky“ Fuchsberger und Harry Belafonte.
Tatsächlich, tatsächlich
01.02.2010 | 13.52 Uhr | mai.schuette
Herr Weber, zwei Mal obiges Wort in einem Satz unterzubringen, ist wohl eine journalistische Ordnungswidrigkeit, die mit der Auflage bestraft wird,…
launische Kommentare
31.01.2010 | 18.37 Uhr | etlusch
@FC4ever: Wer oder was hier auf den Müll gehört hat sich erwiesen durch Ihren Kommentar.
@ FC4ever
31.01.2010 | 16.25 Uhr | Newton
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