Erstellt 04.02.10, 21:06h
Dass HIV-Tests in Deutschland nach dem Willen des Gesetzgebers nicht frei verkauft werden dürfen, hat mehrere Gründe. Zum einen sind die Produkte nicht gut genug. „Die wenigen geprüften Heimtests haben nicht die Qualität, die sie haben sollten“, sagt Micha Nübling vom Paul-Ehrlich-Institut, der zuständigen Bundesbehörde. „Die Zuverlässigkeit entspricht bei weitem nicht den Standards in Laboren.“ Dort würde ein positiver Befund zur Sicherheit stets in einem zweiten Verfahren überprüft. Neben der Qualität aber fehle bei der HIV-Heimdiagnostik die ärztliche Beratung. Man fürchtet, manche Anwender könnten ein positives Resultat seelisch nicht verkraften.
Bei anderen Krankheiten wird dies in Kauf genommen. In manchen Apotheken und Reformhäusern, vor allem aber im Internet wird eine Unmenge sogenannter diagnostischer In-Vitro-Tests legal zum Privatgebrauch feilgeboten. Seit vor einigen Jahrzehnten Schwangerschaftstests und Blutzuckerstreifen Einzug in deutsche Wohnungen hielten, hat sich das Sortiment rasant ausgeweitet.
Inzwischen kann der Nutzer – so versprechen zumindest die Anbieter – binnen weniger Minuten ermitteln, ob er an Grippe oder Malaria leidet, Darmkrebs oder einen Herzinfarkt hat, ob versteckte Entzündungen im Körper lauern, Magenkeime im Verdauungstrakt ihr Unwesen treiben, freie Radikale die Zellen schädigen oder ob die Zecke, die sich ins Bein gebohrt hat, mit Borrelien kontaminiert war.
Eine ganze Branche ist darauf spezialisiert, verschiedenste Verfahren zu entwickeln und zu verkaufen, die den Gang zum Arzt – zumindest vorläufig – ersetzen sollen. Zwar gibt es keine Daten über Zahl und Umsatz der auf dem Markt befindlichen Heimtests. Aber nimmt man das angebotene Spektrum als Maßstab, scheint das Geschäft zu blühen. Und damit Interessenten angesichts der schier unüberschaubaren Produktvielfalt nicht sofort kapitulieren, können sie sich auf manchen Internetseiten gezielt einen Überblick verschaffen, was für sie in Frage kommen könnte – ordentlich unterteilt nach Krankheiten, Körperbereichen oder Geschlecht.
Die Qualität der Verfahren ist indes fraglich. „Die Tests sind so aufgebaut, dass sie bei Raumtemperatur ein schnelles Ergebnis zeigen“, sagt Nübling. „Im Vergleich zur Labortechnik ist das immer ein Kompromiss. Schon daraus kann man ableiten, dass Heimtests nicht allzu gut sind.“ Dies gilt insbesondere dann, wenn der Marker für eine Krankheit im Blut oder Urin lediglich gering konzentriert ist oder wenn Antikörper nur schwach binden, wie etwa kurz nach einer Infektion.
Beispiel Grippe: Schon bei der normalen Influenza haben die gängigen Antigen-Schnelltests nur eine Zuverlässigkeit von 40 bis 60 Prozent, wie Jan Felix Drexler von der Universität Bonn betont. Aber auch den Virologen überraschte, wie unzuverlässig solche Verfahren bei der Schweinegrippe sind. Unter 144 nachweislich infizierten H1N1-Patienten schlug der Test nur bei elf Prozent an, wie Drexler im Fachblatt „Emerging Infectious Diseases“ berichtet. Umgekehrt ausgedrückt: In neun von zehn Fällen gab er fälschlich Entwarnung. „Für Patienten sind Grippe-Schnelltests reine Geldverschwendung“, sagt Drexler. „Sie sind für diese Diagnostik nicht geeignet.“
Trotz solcher Mängel haben die Hersteller bei der Markteinführung derartiger Produkte weitgehend freie Hand. Während die Verfahren bis Ende der 1990er Jahre laut deutschem Arzneimittelgesetz zumindest teilweise überprüft werden mussten, gibt es inzwischen keine staatliche Zulassung mehr. Stattdessen vertraut die europäische Richtlinie 98/79/EG auf die Selbstverpflichtung der Produzenten. „Die Richtlinie überlässt die Verantwortung weitgehend den Herstellern“, sagt Nübling. Diese entwickeln ihre Geräte, testen sie anschließend selbst und reichen ihre Daten bei einer sogenannten Benannten Stelle wie etwa einem TÜV ein, die dann ein Zertifikat ausstellt.
Ob der Test bestehende Krankheiten zuverlässig identifiziert und nicht vorhandene Leiden sicher ausschließt, können die Prüfer jedoch kaum einschätzen. „Das Zertifikat belegt, dass ungeschulte Personen mit dem Test umgehen können und dass die Packungsbeilage verständlich ist“, erläutert Nübling. Mit dieser Bescheinigung kann der Hersteller dann das Produkt in Eigenregie mit dem EU-Konformitätszeichen CE versehen.
Wie wenig aussagekräftig dieses vermeintliche Gütesiegel ist, zeigt ein Heimtest für die sexuell übertragenen Chlamydien-Bakterien. In einer englischen Studie schlug das Verfahren bei tatsächlich infizierten Frauen nur selten Alarm, dafür aber umso öfter bei den gesunden Teilnehmerinnen. Schon zwei Jahre früher war eine skandinavische Studie zu ähnlichen Ergebnissen gelangt. Daraufhin verschwand der Test zwar aus dänischen und norwegischen Apotheken, wird aber über das Internet nach wie vor vertrieben und trägt auch weiter die CE-Kennung. „Diese Situation weckt ernste Zweifel an der Regulierung diagnostischer Produkte, die über das Internet erhältlich sind, sowie an den Standards mancher Benannter Stellen, die das CE-Zeichen ausgeben“, bemängeln die Mediziner der Universität Cambridge.
Die Hürde für die Konformitätsprüfung liegt schon niedrig. Aber ist ein Verfahren erst einmal auf dem Markt, sind den Verheißungen der Anbieter offenbar kaum noch Grenzen gesetzt. Gerade im Internet inszenieren sie wahre Horrorszenarien, was einem Menschen drohen kann, wenn er diese oder jene Krankheit nicht rechtzeitig bemerkt. Gleichzeitig übersteigern sie den Nutzen ihrer Verfahren und verschweigen deren mögliche Nachteile.
Etwa beim PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs. In einer Begleitinformation erfährt der Leser zuerst die angebliche Sterberate durch solche Tumoren in Deutschland – in übertriebener jährlicher Zahl („12 000 Menschenleben“) und übertragen auf eine Zeiteinheit („alle 40 Minuten ein Mann“). Der 15 Euro teure Test habe in den USA die Zahl der Todesfälle in nur einem Jahr um 25 Prozent gesenkt, heißt es weiter. Dass das so nicht stimmt, erfährt der arglose Leser ebenso wenig wie die Tatsache, dass ein Nutzen des Tests selbst in der Fachwelt umstritten ist.
Problematisch ist nicht nur als Information getarnte dubiose Werbung, die gezielt Ängste schürt. Bei vielen Testapparaturen erfordert sowohl die Handhabung als auch die Interpretation des Ergebnisses Erfahrung. Schon bei der gewöhnlichen Blutzuckermessung kann eine falsche Anwendung das Resultat verändern. Der Nutzer muss nüchtern sein, und wenn er nicht tief genug in den Finger sticht oder das Blut zu fest aus der Wunde presst, kann austretende Gewebeflüssigkeit den Glukosewert verfälschen. Bei der PSAUntersuchung auf Prostatakrebs muss der Verbraucher zu einem bestimmten Zeitpunkt die Intensität der Rotfärbung einstufen.
Allgemeinmediziner Leonhard Hansen bewertet die Heimtest-Schwemme als „reine Geschäftemacherei mit unsäglicher Panikmache“. „Da werden Fehlalarme losgetreten und Krankheitskarrieren eröffnet“, sagt der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Insbesondere bezweifeln Experten den Sinn solcher Produkte. „Das wahllose Testen ist doch absurd“, sagt die Medizinerin Daniela Hubloher von der Verbraucherzentrale Hessen. „Beim Arzt ist die Untersuchung eingebettet in ein diagnostisches Gesamtkonzept. Der prüft nicht blind auf alles, sondern orientiert sich an Beschwerden, Anamnese oder Risikofaktoren.“ Ein irrtümlich negativer Befund könne dazu führen, dass sich ein Nutzer in falscher Sicherheit wähnt, befürchtet sie. Und bei positivem Resultat würde der Gang zum Arzt sowieso fällig. „Die Tests können die medizinische Untersuchung nicht ersetzen“, sagt Hubloher. „Da geht man besser gleich zum Arzt.“
Wie gut sind Heimtests?
05.02.2010 | 10.01 Uhr | DackelDino
Wann hört endlich die "Verniedlichung" des Prostata-Karzinoms auf? Auch in diesem Artikel werden wieder die bekannten Zahlen angezweifelt. Hier mit…
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