Von Kirsten Boldt, 04.02.10, 19:00h, aktualisiert 04.02.10, 19:02h
„Es gibt sicher viel mehr Fälle und die Dunkelziffer ist vermutlich viel höher“, schätzt Dr. Peter Melchers, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Kreiskrankenhaus Gummersbach die Lage ein. Wer akut gefährdet ist, weil er Medikamente geschluckt, sich mit Drogen voll gepumpt oder auf andere Weise lebensgefährlich verletzt hat, der wird zunächst in das nächstgelegene Krankenhaus transportiert, behandelt und erst später in die beiden zuständigen Jugendpsychiatrie-Kliniken nach Köln gebracht. Das betrifft vor allem die jungen Patienten aus dem Einzugsgebiet: dem Rhein-Erft-Kreis, dem Rheinisch-Bergischen-Kreis, Leverkusen und dem Oberbergischen Kreis.
Fehlende AnsprechpartnerEin Teil der Jugendlichen könne noch in der Nacht wieder nach Hause entlassen werden. „Das ist vor allem möglich bei denen, die versuchten, mit Selbstmordversuchen einen bestimmten Zweck zu verfolgen, etwa, dass die Freundin wiederkommt“, sagt Melchers. „Wenn sie nach eingehenden Gesprächen einsichtig sind, wäre es sogar kontraproduktiv, sie in der Klinik zu behalten.“ Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen benötigt jedoch eine stationäre Versorgung. Die Gründe für junge Menschen, ihr gerade begonnenes Leben als nicht mehr lebenswert zu empfinden, sind komplex. Auffallend sei, dass bei den Gefährdeten die wenigsten Familien vollständig seien. „Den Kindern fehlen Ansprechpartner, mit denen sie reden könnten“, erzählt Lehmkuhl. „Sie fühlen sich allein gelassen.“
Die Schule biete kaum Auffangmöglichkeiten, eher im Gegenteil, da sind sich die Ärzte einig. „Seit der Verkürzung der Schulzeit in NRW und seit Eltern die Schulform nicht mehr bestimmen können, wird bereits in der Grundschule ein Leistungsdruck ausgeübt, auf den Kinder vermehrt mit massiven Ängsten vor Versagen sowie Kopf- und Bauchschmerzen, Depressionen und Schulausstieg reagieren“, so Wewetzer. Weitere Ursachen sind Mobbing an Schulen und desolate Familienverhältnisse. Jugendliche erleben auch massiven Druck durch Schönheitsideale, von denen sie glauben, sie nicht erfüllen können. In besonderer Weise seien nach Ansicht der Experten wohl Jugendliche aus eingewanderten Familien betroffen, auch wenn sich das nicht in großer Menge zeige. „Auffallend in Köln ist der hohe Anteil suizidgefährdeter türkischer Mädchen“, sieht Melchers die Lage. Diese jungen Frauen zerbrächen an dem Konflikt, in einer für Frauen offenen Gesellschaft zu leben, aber von Eltern und Brüdern unterdrückt zu werden.
Selbstmordversuche nehmen besonders zu, wenn Prominente sich umbringen. „Der Fall Enke hat gigantische Auswirkungen gehabt“, klagt Lehmkuhl. „Da sind dann pro Nacht fünf bis sieben Jugendliche bei uns eingeliefert worden. Enke wurde gefeiert und etliche haben mit ihren Versuchen die Hoffnung verknüpft, auch einmal gefeiert zu werden.“
Erfolge der Schulreform
06.02.2010 | 13.03 Uhr | Odinsen
Leider eröffnet der Artikel nicht, auf welche Bereiche der Jugend sih der Anstieg an Selbstmordversuchen erstreckt.
Evt. kann sich die CDU-FDP ja…
viel geredet - wenig umgesetzt
05.02.2010 | 16.45 Uhr | holdoc
seit Jahren wird von Inklusion geredet: benachteiligte oder "behinderte" Kinder/Jugendliche sollen in (vernünftig ausgestatteten) Regelschulen…
no future generation im leistungsdruck
05.02.2010 | 08.32 Uhr | Berlin1
Vielleicht sind das Alarmzeichen für eine totkranke Gesellschaft ?
Nicht die jugendlichen sind krank sondern ihre gesellschaftliches Umfeld von…
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