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Suizid-Versuche

Dramatischer Mangel an Hilfe

Von Kirsten Boldt, 04.02.10, 19:00h, aktualisiert 04.02.10, 19:02h

Die Zahl von suizidalen Kindern und Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Manche Betroffene sind gerade mal zehn Jahre alt. Die Kölner Psychiatrien schlagen Alarm, denn längst sind die Kapazitäten knapp geworden.

Holweide Psychiatrie
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Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Köln-Holweide. (Bild: Hennes)
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Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Köln-Holweide. (Bild: Hennes)
KÖLN - Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen enorm zu, die Untersuchungen des Gesundheitsamtes zeigen das seit einigen Jahren. Die beiden Kinder- und Jugendpsychiatriehäuser der Stadt an der Uniklinik und in Holweide werden täglich mit den dramatischen Folgen dieser Entwicklung konfrontiert. Jede Nacht werden ein bis drei Kinder und Jugendliche in die Notaufnahme gebracht, die sich umbringen wollen. „Wir zählen inzwischen im Monat zwischen 50 und 60 solcher Suizidversuche“, sagt Professor Gerd Lehmkuhl und erinnert sich: „Vor zwanzig Jahren gab es einen pro Woche.“ Nicht nur die Zahl der Suizidversuche habe erhöht, sondern auch der Altersdurchschnitt sei gesunken, berichtet sein Holweider Kollege Professor Christoph Wewetzer: „Schon verzweifelte Zehnjährige versuchen, sich umzubringen.“

„Es gibt sicher viel mehr Fälle und die Dunkelziffer ist vermutlich viel höher“, schätzt Dr. Peter Melchers, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Kreiskrankenhaus Gummersbach die Lage ein. Wer akut gefährdet ist, weil er Medikamente geschluckt, sich mit Drogen voll gepumpt oder auf andere Weise lebensgefährlich verletzt hat, der wird zunächst in das nächstgelegene Krankenhaus transportiert, behandelt und erst später in die beiden zuständigen Jugendpsychiatrie-Kliniken nach Köln gebracht. Das betrifft vor allem die jungen Patienten aus dem Einzugsgebiet: dem Rhein-Erft-Kreis, dem Rheinisch-Bergischen-Kreis, Leverkusen und dem Oberbergischen Kreis.

Fehlende Ansprechpartner

Ein Teil der Jugendlichen könne noch in der Nacht wieder nach Hause entlassen werden. „Das ist vor allem möglich bei denen, die versuchten, mit Selbstmordversuchen einen bestimmten Zweck zu verfolgen, etwa, dass die Freundin wiederkommt“, sagt Melchers. „Wenn sie nach eingehenden Gesprächen einsichtig sind, wäre es sogar kontraproduktiv, sie in der Klinik zu behalten.“ Die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen benötigt jedoch eine stationäre Versorgung. Die Gründe für junge Menschen, ihr gerade begonnenes Leben als nicht mehr lebenswert zu empfinden, sind komplex. Auffallend sei, dass bei den Gefährdeten die wenigsten Familien vollständig seien. „Den Kindern fehlen Ansprechpartner, mit denen sie reden könnten“, erzählt Lehmkuhl. „Sie fühlen sich allein gelassen.“

Die Schule biete kaum Auffangmöglichkeiten, eher im Gegenteil, da sind sich die Ärzte einig. „Seit der Verkürzung der Schulzeit in NRW und seit Eltern die Schulform nicht mehr bestimmen können, wird bereits in der Grundschule ein Leistungsdruck ausgeübt, auf den Kinder vermehrt mit massiven Ängsten vor Versagen sowie Kopf- und Bauchschmerzen, Depressionen und Schulausstieg reagieren“, so Wewetzer. Weitere Ursachen sind Mobbing an Schulen und desolate Familienverhältnisse. Jugendliche erleben auch massiven Druck durch Schönheitsideale, von denen sie glauben, sie nicht erfüllen können. In besonderer Weise seien nach Ansicht der Experten wohl Jugendliche aus eingewanderten Familien betroffen, auch wenn sich das nicht in großer Menge zeige. „Auffallend in Köln ist der hohe Anteil suizidgefährdeter türkischer Mädchen“, sieht Melchers die Lage. Diese jungen Frauen zerbrächen an dem Konflikt, in einer für Frauen offenen Gesellschaft zu leben, aber von Eltern und Brüdern unterdrückt zu werden.

Selbstmordversuche nehmen besonders zu, wenn Prominente sich umbringen. „Der Fall Enke hat gigantische Auswirkungen gehabt“, klagt Lehmkuhl. „Da sind dann pro Nacht fünf bis sieben Jugendliche bei uns eingeliefert worden. Enke wurde gefeiert und etliche haben mit ihren Versuchen die Hoffnung verknüpft, auch einmal gefeiert zu werden.“



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