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Archiveinsturz

Eisenklau im U-Bahn-Schacht

Von Andreas Damm und Detlef Schmalenberg, 08.02.10, 22:39h, aktualisiert 09.02.10, 12:07h

Bei den Ermittlungen zum Einsturz des Stadtarchivs gibt es ein erstes Geständnis: Nach Infomationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ räumte ein Bauarbeiter ein, nicht genug Eisenbügel in die Außenwand eingeflochten zu haben. Stattdessen sei das Metall verkauft worden.

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Noch immer klafft am Waidmarkt eine große Lücke. (Bild: Schwarz)
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Noch immer klafft am Waidmarkt eine große Lücke. (Bild: Schwarz)
KÖLN - Es klingt wie ein Stück aus dem Tollhaus: Bauarbeiter sollen Eisenbügel gestohlen haben, die für den Bau der Außenwand am U-Bahn-Schacht Waidmarkt vorgesehen waren. Das für die Stabilität notwendige Metall haben sie laut Zeugen an einen Schrotthändler verkauft.

Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeigers“, dem interne Dokumente vorliegen, soll auch die Rathaus-Grube zur Nord-Süd-Bahn von diesem „Eisenklau“ betroffen sein. Nachdem ein Arbeiter den Betrug bei seiner Vernehmung der Staatsanwaltschaft Köln gestanden hat, schrillten bei Behörden und den Kölner Verkehrs-Betrieben die Alarmglocken. Zeitweise wurde sogar befürchtet, einige Bereiche der U-Bahn-Trasse müssten evakuiert werden. Wie den Papieren zu entnehmen ist, konnten Statiker eine Einsturzgefahr mittlerweile jedoch ausschließen. „Die augenblickliche Standsicherheit“ der Bauwerke am Waidmarkt, am Heumarkt und am Rathaus sei nicht gefährdet.

Interne Unterlagen haben nach Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ schon häufiger ein zweifelhaftes Licht auf die Bauarbeiten am Gleiswechsel Waidmarkt geworfen. Wie bei den aktuellen Ermittlungsergebnissen ging es dabei auch immer wieder um die U-Bahn-Wand, die im Untergrund vor dem am 3. März 2009 eingestürzten Stadtarchiv errichtet wurde.

Diese so genannte „Schlitzwand“ setzt sich aus zahlreichen etwa 3,50 Meter breiten Lamellen zusammen, die im Sommer 2005 bis zu einer Tiefe von 40 Metern in den Boden getrieben und dann verbunden wurden. Die Hohlräume der einzelnen Lamellen wurden zuvor jeweils durch drei große Metallkörbe stabilisiert und mit Beton gefüllt. Mindestens ein Drittel der Eisenbügel, die in einer Tiefe von 22 Metern für die Verbindung des unteren und mittleren Metallkorbes vorgesehen waren, sollen dem Vernehmen nach an mehreren Baustellen aber nicht angebracht worden sein.

Dies betrifft auch die Schlitzwand-Lamelle 11 am Waidmarkt, die schon häufiger im Mittelpunkt der Ermittlungen stand. Vor kurzem wurden beispielsweise Indizien dafür gefunden, dass das rechtlich vorgeschriebene Bauprotokoll womöglich gefälscht wurde. Man soll die Werte eines anderen Abschnitts eingetragen haben. Was besonders brisant wäre: Denn in diesem Bereich, so vermuten Sachverständige der Staatsanwaltschaft, könnten Wasser und Erde in die Baugrube gelangt sein, was schließlich zum Einsturz des Stadtarchivs geführt haben könnte. Das vermutete Leck in der Schlitzwand indes soll etwa zehn Meter unter der Stelle liegen, an der jetzt die Eisenbügel fehlen. Deshalb gehen die Ermittler derzeit davon aus, dass die nicht angebrachten Bügel nicht ursächlich für den Einsturz waren. Gegen den Polier und einen Helfer wird deshalb bisher nur wegen Betruges und Unterschlagung ermittelt.

Die Kölner Verkehrs-Betriebe als Bauherr der U-Bahn hingegen wollen einen Zusammenhang zum Unglück nicht ausschließen. Es sei „denkbar“, dass die Verbindung zwischen den Metallkörben „mangels eingeflochtener Eisenbügel nicht kraftschlüssig erfolgt ist und damit dem Grundwasserdruck kein ausreichendes Widerlager bietet“, heißt es in einem Schreiben. Aus einem internen „Vermerk zum Sachstand“ geht hervor, dass die KVB mittlerweile „Zweifel an der Zuverlässigkeit“ der zuständigen Baufirmen hegt.

Weder die Staatsanwaltschaft noch die in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossenen Unternehmen wollten sich am Montag zu den neuen Erkenntnissen äußern. Für Claus Ludwig von der Ratsfraktion „Die Linke“ stellt sich die Frage, „warum dieser Wahnsinn nicht umgehend von der Bauleitung entdeckt und gemeldet wurde“, als die Wand 2005 errichtet wurde. „Hier wurde offenbar im großem Maßstab gepfuscht und vertuscht“, vermutet der Politiker. „Hinter Fertigstellung und Inbetriebnahme der U-Bahn muss ein großes Fragezeichen gesetzt werden.“

Dass es am Waidmarkt vor dem Unglück immer wieder Schwierigkeiten mit den Außenwänden gegeben hat, belegen interne Berichte der Baufirmen. „Schlitzwand-Undichtigkeit, erheblicher Wassereintritt“, hieß es beispielsweise am 22. Januar 2009. Insgesamt gab es in den darauf folgenden vier Wochen 13 Einträge zu Undichtigkeiten in den Wänden.

Am 4. Februar, einen Monat vor dem Einsturz, sei beim Aushub in 22 Metern Tiefe ein weiteres etwa einen halben Quadratmeter großes Loch freigelegt worden, notierten die Firmen. Schon im Jahr 2005 sei die Wand in diesem Bereich bemängelt worden. „Deshalb sind weitere tiefer gelegene Undichtigkeiten nicht auszuschließen“, heißt es. Die Beschaffenheit der Wand indes sei nie überprüft worden.



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