Von Alice Ahlers, 12.02.10, 21:03h
So wurde Thomas Brauße im vergangenen Krisenjahr zum bekanntesten Finanzaussteiger Deutschlands. Er hätte so weitermachen können wie zuvor. Im Gegensatz zu anderen, die ihre Arbeitplätze verloren, hatte er ein Privatvermögen, sein Jahresgehalt war sechsstellig, dazu gab es lukrative Boni, am Schluss eine Abfindung. Doch nach dem Crash wollte er das Geld in ein anderes Glück investieren. Ein Glück, das man riechen und schmecken kann, das man über die Theke schiebt – schmeckt’s, schmeckt’s nicht? Was es dort anrichtet, sieht man sofort. Das ist bodenständiger, selbstbestimmter, lebensnäher, menschlicher. Nur eine von vielen Krisengeschichten – oder ist Thomas Braußes Würstchenbude vielleicht Sinnbild für einen Trend, der für viele Menschen gilt?
Was macht das Leben gut Den gibt es, meint Zukunftsforscher Matthias Horx. Die Krise beschleunige einen Wertewandel in der Gesellschaft. Sie habe viele unterschwellige Sehnsüchte nach einer Welt geweckt, die einfacher und weniger ökonomisch ist. Die Deutschen stellten sich dadurch stärker die Frage: Was macht das Leben eigentlich gut und lebenswert? Was macht uns eigentlich wirklich glücklich?
Eigentlich hat das doch schon viel früher angefangen, meint Professor Berthold Vogel. „Die Krise ist ein Katalysator für ein Unbehagen, das wir schon viel länger spüren", sagt der Gesellschaftswissenschaftler vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Es kam mit dem veränderten Arbeitsmarkt, den unsicheren Jobs, den befristeten Verträgen, der Zeitarbeit, der Generation Praktikum, dem Abbau der Sozialsysteme, Hartz IV. Prekäre Zustände, die nicht länger nur Menschen am Rande der Gesellschaft betrafen, sondern den Mittelstand erreichten. „Gleichzeitig sind aber auch die Anforderungen an den Einzelnen gestiegen", sagt Vogel. Höhere Anforderungen in einer brüchigen Arbeitswelt. Das erhöht den Leistungsdruck, nimmt das Gefühl von Sicherheit, kurbelt den Konkurrenzkampf an. „Da stellten sich viele die Frage: Will ich meine ganze Existenz nur noch der Arbeitswelt widmen?"
Tschüss MTV! Hallo Alm
Eine Frage, die sich auch Angie Sebrich vor ein paar Jahren stellte. Dabei hatte sie etwas, wofür viele junge Leute das letzte Hemd geben würden: einen Job beim Musiksender MTV. Jung, dynamisch, hip muss sie rübergekommen sein, sonst hätte sie die Stelle als Kommunikationschefin gar nicht bekommen. Und mit ihr den schicken Firmen-BMW, ein Häuschen in München, Reisen nach New York und London, jede Menge VIP-Partys, Doch die Seifenblasenwelt platzte. Ganz persönlich in Angie Sebrichs Herz und Kopf. Dabei war sie weder genervt noch ausgebrannt. „Ich musste mich zwar nie zur Arbeit schleppen", sagt sie. „Ich wollte aber trotzdem mehr vom Leben als nur Erfolg im Beruf", sagt sie. „Buntes Leben: Ja, gerne. Aber ohne dafür so viel Dampf blasen zu müssen." Immer gehetzt sein. Immer auf dem Sprung. Immer den Kopf voller Dinge haben. „Ich wollte mehr Lebensqualität, mich mehr erden". Als sich die Chance bot, griff sie zu. Im Skigebiet Sudelfeld bei Bayrischzell wurde für eine Jugendherberge ein neues Leiterpaar gesucht, erfuhr sie durch Zufall. Gemeinsam mit ihrem Freund fuhr sie hin. Nur mal so. Nur mal gucken. Kurze Zeit später war der Vertrag unterschrieben. Alpenglühen statt Fernsehflimmern.
Heute ist sie Herbergsmutter, sitzt von Zeit zu Zeit in Talkshows, strahlt von innen, erzählt von dem, was sie jetzt wirklich glücklich macht, auch wenn ihr Alltag nicht unstressiger geworden ist und sie nur noch ein Drittel dessen verdient, was sie bei MTV bekam. Die kleinen Dinge. Die einfachen. Der Laufstall ihrer Töchter Lena und Lisa direkt neben ihrem Schreibtisch. Luxus. Der Weg zur Arbeit dauert eine Minute. Unbezahlbar. Ein Weißbier in der Abendsonne. Erfüllend.
Trendthema Downshifting
Über ihren „Ausstieg" hat Angie Sebrich ein Buch geschrieben: „Nichts gesucht und viel gefunden." Auf dem Cover, das sie auf einer Alm vor Bergpanorama zeigt, klebt ein runder Button: „Trendthema Downshifting." Ein Begriff, der in den vergangenen Jahren entstand und viele Menschen viele Ratgeber kaufen ließ. Die Bedeutung, die dahintersteckt: Einen Gang runterschalten, weniger arbeiten, auf die Karriere pfeifen, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, weniger Einkommen, aber mehr Lebensqualität, halbtags arbeiten statt Herzinfarkt, Bauernhof statt Burn-out. „Simplify your life" – einfacher leben heißen die Glückbotschaften, die ganze Regalmeter füllen.
„Um Erster zu werden, braucht man viel zu viel Energie", sagt Eckhart von Hirschhausen, der derzeit die Bestellerliste der Glücksliteratur anführt und demnächst eine eigene Fernsehshow bekommt. Denn Erster zu werden, nach ganz oben zu kommen, das sei in Zeiten der Globalisierung verdammt aufreibend. „Früher reichte es, das beste Pferd im Stall zu sein, die Schönste im Dorf, der Krösus der Gemeinde. Heute vergleichen wir uns mit Global Players und müssen dabei verlieren." Nicht mehr ganz nach oben wollen? Nicht mehr höher schneller weiter? Ist das vielleicht „out"?
„Wir waren sehr lange auf das rein Materielle fixiert. Das fühlt sich zunehmend hohl an", sagt Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel. Er ist weder Philosoph noch Psychologe, sondern Volkswirt. Das Glück erforscht der Professor an der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Nürnberg. Auch die Ökonomie habe bisher ihre Theorien im Wesentlichen darauf gebaut, dass mehr Wachstum und Wohlstand der einzig wahre Weg zum Glück des Einzelnen seien. „Doch in letzter Zeit merken auch die Ökonomen: Da gibt es doch auch noch etwas anderes." Das sei eine neue Entwicklung", meint Ruckriegel. „Vor ein paar Jahren hat das noch niemanden interessiert." Seit einigen Monaten steht er in E-Mail-Kontakt mit Horst Köhler. Der Bundespräsident habe ihn gebeten, ihn regelmäßig über seine Arbeit auf dem Laufenden zu halten. Er wolle die Glücksforschung stärker in seine Reden integrieren.
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