Von Alice Ahlers, 12.02.10, 21:03h
Wachstum macht nicht happy, sagen die Glücksforscher. Trotzdem ist es für Politiker immer noch das höchste Ziel? „Wir müssen jetzt eine Politik des Schrumpfens lernen", meint Gesellschaftsforscher Berthold Vogel. „Das ist eine der großen Herausforderungen der Zukunft." Schrumpfen und dabei glücklich sein – kann das gehen? Schwierig. Denn zur Lebenszufriedenheit trage auch die Zuversicht bei, dass man das, was man gegenwärtig hat, auch an seine Kinder, an kommende Generationen weitergeben kann. Die Großeltern und Eltern, die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen lebten in der Hoffnung auf mehr Wohlstand, dass es ihren Kinder mal besser gehen würde. Und so kam es ja auch. Doch jetzt fühlt sich Zukunft nach absteigendem Ast an. Die öffentlichen Kassen sind leer.
Glück ohne Spielplätze?
„Die Hyperstaatsverschuldung wird den Kommunen und Ländern jetzt noch mehr den Hals abschnüren", sagt Professor Berthold Vogel. Und mit dem Glück ist es ja bekanntlich so: Den Wert vieler Dinge erkennt man erst, wenn sie weg sind. Das gilt auch für Spielplätze, öffentliche Schwimmbäder, ordentliche Radwege, Schulen, in denen Kinder sich wohlfühlen, Museen und Theater. Etwas, das bereits seit vielen Jahren an vielen Orten verfällt, rostet, verschwindet und geschlossen wird, uns aber doch noch recht selbstverständlich ist.
Das Glück zu finden im 21. Jahrhundert scheint also gar nicht so einfach. Warum sonst verließen so viele Deutsche in den vergangenen Jahren ihre Heimat wie noch nie, um es in einem anderen Land zu suchen. Die Daheimgebliebenen schauen die Auswanderer-Reportagen auf etlichen TV-Kanälen. Auswandern, wegziehen scheint aber auch keine Lösung. Lukas Podolski zum Beispiel wollte nicht länger in der Ferne weilen, sondern zurück in die Heimat, zur Familie – auch wenn es den „Karriereknick" bedeutet. Etwas, was Glücksforscher Ruckriegel nicht nur Fußballern empfiehlt. „Ob man für einen vermeintlich besseren Job in eine fremde Stadt zieht, sollte man sich gut überlegen", sagt der Volkswirt. „Mobilität verursacht massive soziale Kosten." Wenn es einem möglich sei, solle man immer da bleiben, wo Familie und Freunde sind. Denn da liegt laut Glücksforschung ein Schlüssel zum Wohlbefinden. „Der Wert von Materiellem, einem Auto zum Beispiel, nutzt sich ab", sagt Ruckriegel. Er sei statisch. „Auf Dauer tödlich langweilig." Und bald hat der Nachbar schon wieder was Besseres. Beziehungen zu Menschen, Freundschaften brächten dagegen immer neue Aspekte.
Eigentlich wissen wir das ja auch. Mehr denn je. Fragte man die Deutschen Ende des vergangenen Jahres, was sie sich für die Zukunft wünschen, kam heraus: Sie wollen mehr Gemeinsinn und Zusammenhalt. 85 Prozent der Befragten einer Studie der Bertelsmann-Stiftung meinten, dass die Krise insbesondere die Solidarität zwischen Alten und Jungen wieder stärker in den Blick rücken sollte. Familie ist den Deutschen am wichtigsten. Das sagen sie immer wieder in irgendwelchen Umfragen. Im wahren Leben verhalten sie sich ganz anders: Sie kriegen immer weniger Kinder, leben immer häufiger alleine, noch nie gab es so viele Singles wie heute. Auch das liest und hört man jede Woche irgendwo. Dazu gibt es die bekannte Bevölkerungspyramide: Oben breit, unten schmal. Demografischer Wandel steht drüber.
Fortpflanzen – schön und gut, aber nicht so einfach, denn die spärlichen Stellenanzeigen verlangen, dass man mobil und flexibel ist. Arbeitslosigkeit ist einer der größten Glückskiller überhaupt. Also geht man dahin, wo man welche bekommt. Er in Hamburg, sie in Köln. Die Anstellung ist nur befristet. Danach? Wird es einen sicheren Kita-Platz geben, wenn sie wieder arbeiten will? Mit Bring- und Abholzeiten, die sich mit dem Job vereinbaren lassen? Die Großeltern leben schließlich 600 Kilometer entfernt. In mobilen Lebensläufen sind soziale Netzwerke recht wurzellos. Ungebundenheit heißt auch Bindungslosigkeit. Denn wer sein Glück in der Karriere sucht, in einem großen Unternehmen arbeiten will, sollte vor allem eins sein: auf Zack. Turbo beim Abi, fix beim Bachelor, schnell drei Praktika und ein paar Auslandsaufenthalte, ruck, zuck den Master, jung zum Vorstellungsgespräch, lebenslang lernbereit, so schnell wie das Wissen rund um den Globus durch das Internet saust.
Millionen verschenkt
Meister Han Shan geht dafür ziemlich langsam. In einem Kölner Hotel empfängt er Journalisten zum Interview. Wer neben ihm her durch die Lobby schreitet, drosselt automatisch seinen Schritt, weil sich der Mann in dem weißen weiten Gewand so bedächtig und langsam bewegt, dass man sich selbst auf einmal ganz hektisch vorkommt. Früher hieß er mal Hermann Ricker, erzählt er dann. Mit einem hessischen Akzent, ganz kernig, als hätte man ihn gerade an einem rustikalen Tresen getroffen. Damals war er Millionär, hatte mehrere Firmen in Asien, die Millionenumsätze machten, ein Haus in Hongkong, eine Wohnung in Penang, ein Penthouse in Singapur, eine Yacht. Er war glücklich, so dachte er. Dann kam alles ganz anders. Mit seinem Jaguar stieß er nachts mit einem Laster zusammen, der Wagen überschlug sich. Wie durch ein Wunder überlebte er den Unfall unverletzt. Doch danach konnte Hermann Ricker nicht mehr richtig glücklich sein. „Das konnte doch nicht das wahre Leben sein – Geschäfte machen, in Sportwagen vor sich hinträumen, auf Yachten, in Penthouses das bisschen Freizeit zu verbringen", erzählt er. „Was sollte mir all das denn bringen, wenn ich nichts davon festhalten kann?"
Sein Millionen-Dollar-Imperium überschrieb er zwei Mitarbeitern, sein Privatvermögen, seine Besitztümer verschenkte er. Er wurde Bettelmönch in Thailand. Auf einer einsamen Insel meditierte er bis zu zwölf Stunden am Tag. Heute geht er nicht mehr in Unternehmen, um Geld zu machen, sondern um das unter die Führungskräfte zu bringen, was ihm durch sein Mönchtum das wahre Glück gebracht habe: Achtsamkeit. Mit Managern spricht er über einen neuen „Code of Conduct, so nennt er es. „Die alte Art zu denken wird nicht mehr lange halten", meint er. „Wir müssen in den Unternehmen neue ethische Werte etablieren." Das Bewusstsein, dass jeder Teil eines Ganzen ist, jeder darin mit seinen Stärken seinen Beitrag leistet, die Arbeitswelt wie eine Familie funktionieren kann, in der sich alle wohlfühlen. Wir müssen Leute fördern, die nicht lügen, die gut zusammenarbeiten, statt die zu fördern, die die anderen ausspielen und unterdrücken."
Achtsamkeit – das ist für viele Deutsche kein neuer Begriff. Sie hören ihn, wenn sie nach der Arbeit auf ihre Yoga-Matten hetzen, um eine Stunde lang nur ihrem Atem zu lauschen. Den Stress holt man sich im Job, den Ausgleich nach Feierabend. Einatmen – ausatmen – Zeit anhalten – in sich reinlauschen – seinen Körper wahrnehmen – negative Gedanken loslassen. Denn für seine Work-Life-Balance hatte bislang nicht der Chef, sondern immer noch jeder selbst zu sorgen.
Das könnte sich bald ändern, meint Karlheinz Ruckriegel, der das Glück erforscht. In seinen Vorträgen spricht er von einer „Wiederentdeckung des Menschen in der Ökonomie". Manager würden bereits auf der Grundlage der Erkenntnisse der Glücksforschung ausgebildet, in Harvard sei dies schon fester Bestandteil der Lehre. „Alles, was dort gepredigt wird, setzt sich irgendwann durch." Denn glückliche Mitarbeiter seien leistungsfähiger, würden seltener krank, engagierten sich mehr, seien kreativer, freundlicher zu den Kunden und arbeiteten besser im Team.
Google lockt mit Lebensqualität
Als Glücksunternehmen Nummer eins gilt der Suchmaschinen-Anbieter Google. Der Internet-Konzern gewinnt in Umfragen und Absolventenbarometern regelmäßig den Titel „Traumarbeitgeber", denn er lockt nicht mit Boni, sondern mit Lebensqualität: Die Gourmet-Kantine ist kostenlos. Statt grauer Bürotristesse verfügen die Abteilungen über ein Budget, mit dem sie ihre Büroräume individuell gestalten dürfen. Dort stehen Playstations, Lavalampen, Kicker-Tische und Sofas in Lounges. Es gibt auch einen Wäscheservice, Masseur und Friseur. Die Wände sind knallig bunt. Statt eines Firmenwagens gibt es ein Fahrrad. Die Hierarchie ist flach, die Programmierer arbeiten in Teams von drei bis fünf Leuten, bestimmen selbst, wann sie zur Arbeit kommen; was zählt, sind nicht die Stunden auf dem Arbeitskonto, sondern das Erreichen vereinbarter Ziele. Ein Tag in der Woche steht frei, um an eigenen Ideen und Projekten zu forschen.
Zugegeben: Der Internet-Riese kann es sich auch leisten. Im Krisenjahr 2009 erzielte Google den höchsten Gewinn seiner Unternehmensgeschichte. Dass das auch an seiner Mitarbeiterfreundlichkeit liegt, lässt sich nur vermuten. Im Kampf um die besten Köpfe ist das Unternehmen auf die besten Programmierer der Welt angewiesen. Wo andere Konzerne über Fachkräftemangel klagen, kann Google seine Top-Leute halten. Die Elite scheint die Annehmlichkeiten zu schätzen. Die Fluktuation geht laut Google gegen null. Ein Vorbild, dem andere Unternehmen in Zukunft folgen werden? „Der Wandel in den Unternehmen kommt auf jeden Fall", ist Karlheinz Ruckriegel überzeugt. Denn dieses neue Denken und Handeln sei ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Ein großer deutscher Glückskonzern fällt ihm allerdings noch nicht ein.
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