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Stadtarchiv

Ein Leck in der Schlitzwand?

Von Detlef Schmalenberg, 13.02.10, 11:44h, aktualisiert 23.02.10, 15:45h

Eine defekte Schlitzwand-Lamelle könnte den Archiv-Einsturz mitverursacht haben. Exakt dort, wo die Lamelle verläuft, vermuten die Gutachter ein Leck, durch das Grundwasser in die Grube strömte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits.

Nord-Süd-Bahn
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Baustelle Nord-Süd-Bahn. (Bild: Grönert)
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Baustelle Nord-Süd-Bahn. (Bild: Grönert)
Innenstadt - Falsche Protokolle, abgebrochene Schaufeln, womöglich fehlender Beton und eine vermutete Lücke in der Außenwand: Die Schlitzwand-Lamelle 11 der U-Bahngrube Waidmarkt ist nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu einem zentralen Punkt bei der Aufklärung des Kölner Archiveinsturzes geworden. Falls sich die Vorwürfe bestätigen, könnten Pfusch, Schlamperei und womöglich sogar bewusst in Kauf genommene Missstände zur Katastrophe zumindest beigetragen haben.

Die so genannte Schlitzwand, die unmittelbar vor dem Archiv liegende Baugrube unter anderem vor Grundwasser schützen sollte, setzt sich aus zahlreichen 3,40 Meter breiten und ein Meter dicken Lamellen zusammen, die im Sommer 2005 nacheinander bis zu einer Tiefe von 40 Metern in den Boden getrieben und dann verbunden wurden. Beim Aushub der Lamelle 11 indes soll es erhebliche Probleme gegeben haben.

Wie zu erfahren war, soll der exakt 3,40 Meter breite Greifer, mit dem das für diesen Wandabschnitt notwendige Loch gegraben wurde, in einer Tiefe von etwa 30 Metern mehrfach beschädigt worden sein. Dies sollen unter anderem Eintragungen im Bautagebuch bestätigen. Wiederholt seien Greiferzähne abgebrochen, weil man auf einen unerwartet harten Fremdkörper im Boden gestoßen sei, womöglich auf Eisenteile. Da auch der Versuch scheiterte, die störende Stelle mit Spezialwerkzeug wegzumeißeln, sei mit einem lediglich 2,80 Meter breiten Gerät weiter gearbeitet worden, um die geplante Wandtiefe von 40 Metern zu erreichen.

Sollte das tatsächlich so gewesen sein, könnte dies bedeuten, dass die vorgeschriebene Lamellenbreite von 3,40 Meter auf den letzten zehn Metern um einige Zentimeter bis zu maximal 60 Zentimeter unterschritten wurde. Eine zusätzliche Lücke könnte entstanden sein, weil das Stahlgeflecht in der Nachbarlamelle 10 womöglich leicht verschoben eingebaut wurde.

Bei dem ungewöhnlich harten Hindernis im Boden könnte es sich dann um Beton handeln, der um das seitlich abschließende Fugenblech dieser Lamelle 10 gelaufen ist.

Die Arge-Firmen wollten sich auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ zu diesem Sachverhalt nicht äußern. Doch die Frage, wie an dieser Stelle gebaut wurde, ist brisant: Denn exakt in diesem Wandbereich vermuten die Gutachter der Staatsanwaltschaft Köln ein Leck, durch das das Grundwasser in die Grube strömte, was schließlich zum Archiveinsturz führte.

Da die momentan verschüttete Stelle, wenn überhaupt, erst in einigen Monaten einsehbar sein wird, haben die Experten zum Beispiel mit Hilfe von Ultraschall- und Röntgenuntersuchungen Belege für ihre Vermutung gesammelt. Denn ein rechtlich vorgeschriebenes Vermessungsprotokoll, das die Beschaffenheit der Schlitzwand-Lamellen genauestens dokumentierten muss, soll es für Lamelle 11 nicht geben, berichtet ein Insider. Womöglich in der Hoffnung, dass dies nicht auffällt, seien hier die die Daten der Lamelle 5 eingesetzt worden - was übrigens kein Einzelfall gewesen sei: In den U-Bahn-Gruben Waidmarkt, Heumarkt und Rathaus gebe es insgesamt 22 Bereiche, deren Ergebnisse mit zweifach oder dreifach genutzten Protokollen verfälscht wurden.

Im Fall der Lamelle 11 jedoch wirft nicht nur das fehlende Vermessungsprotokoll Fragen auf, auch das vorgeschriebene Betonierungsprotokoll soll falsch sein. Da beim relativ groben Ausbaggern mit den Greifern immer einige Zentimeter mehr entfernt werden als geplant, braucht man üblicherweise fünf bis zehn Prozent mehr Beton, als die Schlitze aufgrund ihrer eigentlich berechneten Ausmaße aufnehmen könnten.

Das Verfahren wird in einer rechtlich vorgeschriebenen Grafik dokumentiert. In dieser wird zunächst eine Kurve mit den Betonmengen eingezeichnet, die entsprechend der exakten Schlitzausmaße theoretisch zur Füllung der Lamelle nötig sind. Dann wird alle drei Meter gemessen, wie viel Beton tatsächlich eingelassen wurde. Wenn alles korrekt läuft, muss die Kurve mit den zwangsläufig größeren Betonmengen über der ersten Kurve verlaufen.

Dies soll auch bei Lamelle 11 so gewesen sein - aber nur auf den ersten Blick. Die akribisch arbeitenden Fahnder der Staatsanwaltschaft Köln, die seit dem Unglück unzählige Daten ausgewertet haben, sollen entdeckt haben, dass die Bezeichnungen der Kurven ausgetauscht wurden. Dass heißt: Die eigentliche zu niedrige „Istkurve“ mit dem tatsächlich benötigten Betonmengen wurde in der Grafik fälschlicherweise als „Sollkurve“ mit der theoretisch benötigten Masse ausgegeben. Ein Versehen oder bewusste Fälschung?

Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen drei Mitarbeiter der Bauunternehmen wegen der zahlreichen falschen Protokolle. Herbert Bodner, Vorstandsvorsitzender der Bilfinger Berger AG, die die Schlitzwand gebaut hat, hat zwar eingeräumt, dass mit den Papieren etwas nicht stimmen könne. Eine Fälschungsabsicht jedoch könne man „bisher so nicht ausmachen“. Eventuelle habe ein „Software-Unverständnis“ bei den „relativ komplizierten Verfahren“ dazu beigetragen, dass bei der Erstellung der Unterlagen Fehler gemacht wurden.



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