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U-Bahn-Skandal

Behörden sehen Versäumnisse

Von Matthias Pesch, Detlef Schmalenberg und Andreas Damm, 23.02.10, 19:44h, aktualisiert 17.02.11, 13:29h

Die Aufsichtsbehörden von Nordrhein-Westfalen kritisieren, nicht über die Grundwasserprobleme beim Kölner U-Bahn-Bau informiert gewesen zu sein. Hätte der Einsturz andernfalls verhindert werden können?

Baustelle Heumarkt
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So sieht die Baustelle am Heumarkt momentan aus. (Bild: Grönert)
Baustelle Heumarkt
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So sieht die Baustelle am Heumarkt momentan aus. (Bild: Grönert)
Köln - Bericht vom 23.2.2010

Die unzureichende Kontrolle der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB) beim U-Bahn-Bau wird nun auch von der Aufsichtsbehörde des Landes kritisiert. Ein Sprecher der Bezirksregierung Düsseldorf warf den für die Baustelle am Waidmarkt zuständigen KVB-Prüfern ein „Versäumnis“ vor. „Uns ist nicht mitgeteilt worden, dass mehr Brunnen gebaut worden sind als genehmigt“, sagte Behördensprecher Bernd Hamacher am Dienstag dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Dabei hätte die Düsseldorfer Behörde „als staatliche Aufsicht darüber informiert werden müssen, dass nicht nach Plan gebaut wird“.

Wie berichtet gab es am Waidmarkt erhebliche Probleme mit dem Grundwasser. Nahe der Einsturzstelle des Stadtarchivs wurde zeitweise weitaus mehr Wasser abgepumpt als von der Stadt genehmigt. Statt der für die Grube bewilligten vier Brunnen waren zuletzt 23 Anlagen in Betrieb. Nach Angaben der KVB ist der eigenen Bauüberwachung in den Monaten vor dem Einsturz des Archivs „die Nichteinhaltung der wasserrechtlichen Genehmigung aufgefallen“. Die Mitarbeiter, im U-Bahn-Bau erfahrene Ingenieure, hätten „daher die Baufirmen auf die erforderliche Anpassung der wasserrechtlichen Erlaubnis hingewiesen“.

Hätte sich die Katastrophe verhindern lassen?

Diese Reaktion jedoch sei keinesfalls ausreichend gewesen, heißt es bei der Bezirksregierung in Düsseldorf. „Das hätte uns vor der Bauausführung gesagt werden müssen“, so Hamacher. Wäre seine Behörde über die Grundwasserprobleme informiert gewesen, hätte sie „mit großer Wahrscheinlichkeit von unseren Ingenieuren die Sicherheit der Baustelle prüfen lassen“. Die Frage, die sich daraus ergibt: Hätte sich die Katastrophe verhindern lassen?

Nach Auffassung von Insidern könnte durch das Abpumpen immenser Grundwassermengen und dem damit verbundenen Ausspülen feiner Teilchen ein Hohlraum im Erdreich unter dem Archiv entstanden sein. Dieser könnte letztlich in Kombination mit einem Loch in einer Schutzwand zu dem Einsturz des Archivgebäudes geführt haben. Haben die KVB-Prüfer angemessen reagiert? Haben sie die mögliche Brisanz der zusätzlichen Brunnen nicht erkannt? Diese Fragen lässt der Vorstand des städtischen Verkehrs-Unternehmens von einem externen Anwalt prüfen.

Die KVB hatte sowohl am Waidmarkt und am Heumarkt die hoheitliche Aufgabe der Bauaufsicht von der Bezirksregierung Düsseldorf übernommen. Deren Aufgabe bestand darin, zu überprüfen, ob die KVB ihre Aufsichtsfunktion ordnungsgemäß wahrnimmt. In Zeitabständen von „ungefähr jeweils einem viertel Jahr“ hätten Vertreter der Bezirksregierung die U-Bahn-Baustellen besucht, war zu erfahren. Insgesamt sind für die Zeit vor dem Einsturz „26 Kontrolltermine“ vermerkt, der letzte drei Monate vor dem Einsturz am 3. März 2010. Nach dem Unglück hat die Bezirksregierung Düsseldorf die Aufsicht wieder übernommen und ein Ingenieurbüro damit beauftragt. Doch auch die Landeshauptstadt selber ist mittlerweile vom Skandal beim U-Bahn-Bau betroffen. Offenbar sind nicht nur in Köln Bauprotokolle verfälscht worden, sondern auch in Düsseldorf. Der Baukonzern Bilfinger Berger gab am Dienstagnachmittag zu, „dass einige Schlitzwand-Vermessungsprotokolle nicht ordnungsgemäß erstellt wurden“. Die Schlitzwände aus Beton dienen dazu, die Baugruben gegen das Eindringen von Grundwasser und gegen den Erddruck zu schützen.

Wie es weiter heißt, konnte zudem „bei sechs von insgesamt 500 Schlitzwandlamellen nicht zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass Schubhaken zur Verbindung von Bewehrungskörben nicht in vorgeschriebenem Umfang eingebaut worden sind“. In Köln sollen etliche dieser Stahlhaken an einen Schrotthändler verkauft worden sein.

Nach den Enthüllungen der Unregelmäßigkeiten beim Bau der Nord-Süd-U-Bahn sind auch Unterlagen und Protokolle für die 3,4 Kilometer lange Wehrhahn-Linie in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt überprüft worden. Dort sind zum Teil die selben Firmen am Werk wie in Köln, und es wird auch mit der selben Methode gebaut. Zeitweise war in Düsseldorf Personal eingesetzt, das im Verdacht steht, in Köln Stahlbügel unterschlagen und Vermessungsprotokolle verfälscht zu haben.

Ein Polier und dessen Kolonne, die im Visier der Staatsanwaltschaft stehen, wurden ebenso wie ein weiterer Mitarbeiter bereits vom Bau der Wehrhahn-Linie abgezogen. Sie sollen auch dort an den Fälschungen beteiligt gewesen sein. „Diese Leute haben bei uns nichts verloren“, sagte der Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers (CDU).

Mittlerweile sind 413 der mehr als 500 Schlitzwand-Protokolle geprüft worden. Zwölf davon seien wahrscheinlich falsch, bei weiteren zwölf bestehe zumindest der Verdacht der Manipulation, teilte die Stadtverwaltung mit. „Hier wird nichts beschwichtigt“, sagte Elbers. „Jeder Unregelmäßigkeit wird konsequent nachgegangen, und diese werden gegebenenfalls den Ermittlungsbehörden gemeldet.“ Baudezernent Gregor Bonin sagte, man habe Bilfinger Berger aufgefordert, ebenfalls Strafanzeige zu stellen. Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen die Staatsanwaltschaft Düsseldorf „unverzüglich“ über die festgestellten Manipulationen informiert.

Bilfinger Berger wies darauf hin, dass der Bauzustand in Düsseldorf nicht mit dem in Köln zu vergleichen sei: „Da das Projekt erst am Anfang steht, können im Zuge des weiteren Aushubs bei Bedarf zusätzliche Verstärkungen eingebaut werden. Die Standsicherheit ist jederzeit in vollem Umfang gewährleistet.“ Stadtoberhaupt Elbers betonte ebenfalls, dass von den Baustellen keine Gefährdung ausgehe. Künftig sollen Bauabnahmen im Zweifelsfall auch mit Videoaufnahmen dokumentiert werden. Am kommenden Montag sollen die riesigen Tunnelbohrer ihre Arbeit aufnehmen.

Die Linksfraktion im Kölner Stadtrat hat die KVB am Dienstag aufgefordert, die Bilfinger Berger AG „wegen der gefährlichen Schlampereien“ unverzüglich abzumahnen.



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