Von Till Mundzeck, Christiane Oelrich und Corinna Schulz, 26.02.10, 19:21h, aktualisiert 27.02.10, 00:58h
Nahezu verbunden
In der Zunge des Mertz-Gletschers war schon vor 20 Jahren ein Riss entstanden. Ein zweiter Riss bildete sich vor zehn Jahren an der gegenüberliegenden Seite der Gletscherzunge. „Die beiden Risse hatten sich kürzlich nahezu verbunden“, berichtete das australische Antarktis-Forschungszentrum. „Der nördliche Teil der Gletscherzunge hing nur noch wie ein loser Zahn am Eis.“
Vor etwa zwei Wochen riss die Zunge schließlich ab, weil ein anderer, ähnlich gigantischer Eisberg sie gerammt hatte. Dieser Koloss mit der Bezeichnung B9B war 1987 vom Ross-Schelfeis abgebrochen und hatte zuletzt 18 Jahre auf Grund festgesessen. Kürzlich löste sich B9B, kollidierte mit der Mertz-Gletscherzunge und riss sie ab. Der neue Eisberg ist 400 Meter hoch, umfasst eine Fläche von 2500 Quadratkilometern und ist damit so groß wie Luxemburg. Ein solches Ereignis komme nur einmal 100 Jahren vor, meinte Young.
Der Mertz-Gletscher fließt mit etwa einem Kilometer pro Jahr ins Meer und transportiert dabei zehn bis zwölf Milliarden Tonnen Eis in den Ozean. Der nun abgebrochene Eisberg brauchte daher rund 70 Jahre, um sich zu bilden. Der verbliebene Stummel der Gletscherzunge ragt nur noch etwa 25 Kilometer ins offene Meer, zieht sich landeinwärts allerdings noch durch einen etwa 60 Kilometer langen Fjord.
„Die künftige Bewegung der beiden Eisberge ist von größtem Interesse“, teilte das australische Antarktis-Forschungszentrum mit. Der Mertz-Eisberg und der B9B driften in einer Region, die die Weltmeere mit besonders dichtem, kalten Wasser versorgt und so die tiefe Ozeanzirkulation antreibt. Die Folgen einer möglichen Veränderung der Strömungen seien noch nicht abzusehen. Auch das Ökosystem in der Region könne unter Umständen nachhaltig verändert werden.
Großräumige Konsequenzen erwartet der deutsche Polarforscher Klaus Grosfeld vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven nicht. Erst Anfang der Woche hatte das Institut eine andere sensationelle Eiskarambolage aus der Antarktis vermeldet: Ein 54 Kilometer langes Eisstück rammte die Schelfeiskante.
„Befürchtungen, nachdem der neue Eisberg auch in vielen tausend Kilometern Entfernung den Ozean und sogar das Wetter beeinflussen könnte, würde ich im Moment nicht mittragen“, sagte Grosfeld. Auch Franz Tessensohn von der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung sieht eher regionale Auswirkungen. „Die Fauna wird sich dort, wo sich der Eisberg befindet, deutlich schwächer entwicklen.“ Die Tatsache, dass der Gletscher große Mengen Süßwasser ins Meer abgibt, werde aber nicht zu Veränderungen im Ökosystem führen. „Das Volumen ist nicht relevant“. (mit dpa)
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