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DFB-Skandal

Amerell zieht Zwanziger mit

Von Tobias Kaufmann, 05.03.10, 10:36h, aktualisiert 05.03.10, 12:50h

Manfred Amerell hat den Vorwurf, er habe Schiedsrichter sexuell genötigt, detailliert zurückgewiesen. Der Ruf seines Widersachers Michael Kempter ist angekratzt – auch DFB-Chef Theo Zwanziger steht schlecht da. Anstoß – der Kommentar

Manfred Amerell
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Der ehemalige Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell. (Bild: dpa)
Manfred Amerell
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Der ehemalige Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell. (Bild: dpa)
„Sind Sie bisexuell?“ „Das kann man so ausdrücken, ja.“ Als das Gespräch zwischen Johannes B. Kerner und Manfred Amerell am späten Donnerstagabend auf Sat.1 diesen Punkt erreicht hatte, hatte die Affäre Amerell-Kempter-DFB sich gedreht. Denn obwohl Moderator Kerner überzeugend Distanz wahrte zu dem Ex-Schiedsrichter auf der anderen Seite des Studio-Schreibtischs, wuchs Amerells Glaubwürdigkeit nach seinem zögerlichen Bekenntnis von Gesprächsminute zu Gesprächsminute. Könnte der Mann, der im Verdacht steht, ihm untergebene Schiedsrichter sexuell genötigt zu haben, auch das Opfer einer Intrige sein?

Vielleicht ist die Affäre zwischen dem Schiedsrichter-Funktionär und seinem jungen Freund aber auch überhaupt keine, in der man Opfer und Täter einfach auseinanderhalten kann. Vielleicht sind Amerell und Kempter gleichermaßen Opfer und Täter in einer tragischen Beziehung. Eine Beziehung, die über das hinaus ging, was ihr hierarchisches Verhältnis zulassen durfte – und noch weiter hinaus über das, was die Welt des Fußballs zu tolerieren bereit ist.

Verdächtige E-Mails

Genau diese Interpretation jedenfalls wollte Amerell bei Kerner möglich machen. Es gelang ihm, weil er authentisch wirkte. Ernsthaft zornig, verletzt, reuig. Selbst als Amerell dafür sorgte, dass im Studio E-Mails vorgelesen wurden, die Kempters Glaubwürdigkeit pulverisieren (falls sie echt sind), selbst da war kein Furor zu spüren, kein Triumphgefühl gegenüber dem Ankläger, der nun selbst schief angeguckt werden wird.

Je länger Kerner Amerell vernahm, desto wahrscheinlicher schien, dass der Skandal eigentlich eine Tragödie ist. Was soll man auch sonst vermuten, wenn ein Mann einem anderen, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, per E-Mail versichert, dass er ihn liebt? Dass er ihn vermisst. Dass der andere sich keine Sorgen zu machen brauche, weil er nie etwas mit einer Frau anfangen würde. All dies hat Kempter Amerell geschreiben. Sagt Amerell. Und dennoch klagt Kempter Amerell der sexuellen Nötigung an, sucht Hilfe beim Verband – und stammelt in Kameras, dass er definitiv heterosexuell sei. So stellt sich der Fall für die Nicht-Eingeweihten derzeit dar. Deshalb kann man nicht mehr an kriminelle Machtspiele denken, sondern fühlt Mitleid wegen einer katastrophal verunglückten Beziehung. „Wir haben beide Mist gebaut“, das ist Amerells Botschaft. Am Donnerstagabend musste man sie ihm glauben.

ksta.tv: Vorläufige Einigung: DFB und Amerell

Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass sich diese Affäre noch einmal dreht. Amerell wäre schließlich nicht der erste, der überzeugend lügen kann. Es ist nach wie vor möglich, dass der Funktionär den aufstrebenden Schiedsrichter bedrängt hat, dass er ihm nachstellte und ihn so unter Druck setzte, dass selbst die E-Mails erklärbar werden.

Wird es der Fall Zwanziger?

Nicht erklärbar bleibt aber selbst dann, was den Deutschen Fußball-Bund, namentlich seinen Präsidenten Theo Zwanziger, geritten hat, sich öffentlich derart früh und derart eindeutig festzulegen. Warum Zwanziger nicht mit Amerell sprach wie Kerner es tat – nur ohne Zuschauer. Warum hat es der DFB in Kauf genommen, dass zwei seiner eigenen Mitarbeiter sich öffentlich vernichten – oder vernichtet werden? Hat irgendjemand in Frankfurt geglaubt, Manfred Amerell würde sich gegen die drohende Zerstörung seiner bürgerlichen Existenz nicht verzweifelt wehren, selbst wenn er schuldig ist? Wie kann es sein, dass der DFB-Chef drei angeblich belästigten Schiedsrichtern Anonymität verspricht – und ihre Namen wenige Tage später über die Tische des Münchner Landgerichts zur Gegenseite schiebt?

Theo Zwanziger hat spätestens mit seiner Rede bei der Gedenkfeier für Robert Enke die moralische Latte ziemlich hoch gelegt. Nicht nur die des Fußballs, sondern auch seine eigene. Der Fall Amerell-Kempter ist auf dem Weg, auch zu einem Fall Zwanziger zu werden. Und der ähnelt derzeit verdächtig dem Fall Käßmann.



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