Von Tanja Wolf, 11.03.10, 21:04h, aktualisiert 12.03.10, 00:14h
Wer Rückenprobleme hat, darf vor allem nicht eins: sich schonen. „Bettruhe ist kontraproduktiv“, warnt Prof. Hans-Joachim Wilke von der Universität Ulm, Präsident der Europäischen Wirbelsäulengesellschaft (Euro- Spine). „Die Muskulatur baut sich ab, was in einen Teufelskreis aus Schmerzen und Verspannung führen kann.“ Dass viele Krankschreibungen vermieden werden könnten, ergab auch der gerade vorgestellte „Fit-for-Work“-Report der britischen „Work Foundation“. „Rückenschmerzen“, sagt Barbara Tödte, „darf man nicht beim Arzt abgeben. Man muss selbst aktiv werden.“
Das Problem ist derzeit die Frage der richtigen Behandlung: Es gibt eine unüberschaubare Fülle von Therapie- und Operationsmöglichkeiten, aber kaum gesicherte Erkenntnisse, was davon in welchem Krankheitsfall richtig ist. Seit Jahren steigt der Anteil der minimal-invasiven Therapien, die mit einem besonders kleinen Eingriff das Gewebe und den Patienten schonen sollen. Viele Kliniken werben offensiv mit besonders schonenden Methoden und hohen Erfolgsquoten. „Die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Verfahren ist aber meist nicht wissenschaftlich belegt“, sagt Dr. Dagmar Lühmann vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Sie hat minimal-invasive Verfahren für das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) bewertet.
Auch Hans-Joachim Wilke kritisiert: „Es gibt jeden Tag neue Therapien, die sich aber erst in seriösen klinischen Studien bewähren müssen.“ Gerade für Operationen gebe es keinen An haltspunkt über das beste derzeit zur Verfügung stehende Wissen, konstatiert Barbara Tödte. Denn an der Rückenbehandlung sind viele Fachärzte beteiligt, vom Orthopäden über den Neurochi^ rur^gen bis zum Spezialisten für Manuelle Medizin. Deshalb gibt es verschiedene Leitlinien, manche sind veraltet oder ungültig. Einen Konsens bringen soll die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz (NVL), an der mehr als 20 Fachgesellschaften beteiligt sind und die in den nächsten Wochen in einer Konsultationsfassung veröffentlicht werden soll.
Ohnehin aber sind Operationen bei Rückenschmerzen oft unnötig. Selbst Bandscheibenvorfälle müssen in fast 90 Prozent aller Fälle nicht operiert werden. „Richtig“, sagt Werner Braunsdorf, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie und Wirbelsäulenchirurgie am Klinikum Magdeburg, „ist eine OP bei deutlichen Bewegungseinschränkungen, bei beginnenden Lähmungen oder Taubheitsgefühlen.“ Wenn also im Rücken Nerven eingequetscht werden („Nervenkompression“) und die Schmerzen bis in Arme, Hände oder Beine und Füße ausstrahlen. Aber bis zu 15 Prozent aller Bandscheibenoperationen führen laut DIMDI-Bericht nicht zu guten Ergebnissen. Barbara ^Tödte von der UPD ist überzeugt, dass Operationen „in erheblichem Maße überflüssig sind“.
Manche Patienten haben nach der Operation die gleichen oder sogar stärkere Schmerzen, weil nicht entferntes Bandscheibenmaterial nachrutscht oder entstehendes Narbengewebe wieder auf die Nerven drückt. „Viele Patienten erwarten, dass nach einer Operation die Schmerzen weg sind. Das wird aber in der Regel nicht erreicht, weil die Ursachen oft nicht auf die Bandscheibe reduzierbar sind“, sagt sie.
Bei chronischen Schmerzen, die also schon länger als drei Monate anhalten (manche Experten sagen länger als sechs Monate), helfen Operationen nach ihrer Ansicht ohnehin nicht. „Viele Patienten wollen aber operiert werden, weil sie glauben, am Körper könne man wie am Auto in der Werkstatt einen Schaden komplett beheben. Doch das funktioniert nicht, denn dabei vergisst man die Psyche“, gibt die UPD-Beraterin zu bedenken.
Psychische Gründe für Rückenschmerzen sind Stress, Sorgen am Arbeitsplatz oder in der Familie. Psychosoziale Faktoren wie eine pessimistische Einstellung, ein starkes Krankheitserleben oder private und berufliche Belastungen erhöhen das Risiko für chronische Verläufe. Dabei seien „übermäßige Sorgen wegen der Rückenschmerzen oft unnötig“, sagt Dr. Dietmar Krause vom Deutschen Grünen Kreuz: „Über 90 Prozent der Beschwerden sind nicht behandlungsbedürftig und verschwin den meist nach ein paar Tagen.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige