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Tagebuch

Ein Ersatz für Couch und Beichstuhl

Von Harald Biskup, 11.03.10, 21:03h

Einblicke in eine private Angelegenheit: das Tagebuchschreiben. Es begeleitet Persönlichkeitsentwicklungen und ist die optimale Methode für Menschen, die ihre Probleme lieber mit sich selbst abhandeln. Ein Schuss Narzissmus gehört dazu.

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Viele Menschen führen ein Tagebuch. (Symbolbild: Jupiter)
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Viele Menschen führen ein Tagebuch. (Symbolbild: Jupiter)
Um wie viele schöne Stunden habe ich mich wegen meines Gehorsams doch gebracht! Auf die Minute immer zu Hause sein, fast jedes Stelldichein vorher angesagt und Erlaubnis eingeholt. Jedes Mal, wenn ich geküsst nach Hause kam, diese Angst, es könnte jemand merken. O, ich Dummerle, wozu diese Qualen und Gewissensbisse, jeder hat in der Jugend Heimlichkeiten gehabt, und die, die sie nicht hatten, kann man nur bedauern.“

„Es ist unglaublich, wie glücklich wir sind. Jetzt allerdings, wo ich den ganzen Tag beschwingt zugebracht habe, ist das Gefühl der Sehnsucht fast schmerzhaft.“ Fast 65 Jahre liegen zwischen diesen beiden Einträgen in den Tagebüchern von Evamaria Strunk. Und ein aufregendes Leben mit einer existenziellen Krise. Als sie die Reflexionen über ihre vermeintliche Überangepasstheit aufschrieb, im August 1945, war sie 17 und versuchte, sich nach der Flucht aus Schlesien mit ihrer Mutter in der fremden neuen Heimat einzurichten, einem kleinen Nest im Bayerischen Wald. Die zweite Notiz stammt aus dem Januar 2010. Evamaria Strunk, 82, ist rüstig und vital. So lebenslustig, dass sie unlängst nach einem Kuraufenthalt vermerkte: „Zu viel Altsein in allen Facetten – das tut der Seele nicht gut.“

Mit dem Tagebuchschreiben hatte die gelernte Mode-Direktrice, die später als Buchhändlerin und bis zur Pensionierung am Empfang einer Arztpraxis arbeitete, fast 40 Jahre pausiert. Erst 1987, wenige Wochen, bevor sich einer ihrer beiden Söhne mit 33 das Leben nahm, sei das Schreiben über sie gekommen, „wie eine Notwendigkeit“. Heute ist sie überzeugt, dass der innere Druck, der von dem mehrfach angekündigten Freitod ausging, der Auslöser dafür war, ihre persönlichsten Empfindungen dem Tagebuch anzuvertrauen. Viele Notizen entspringen momentanen Stimmungen. Sehr oft habe sie sich etwas buchstäblich von der Seele geschrieben. Insofern habe Tagbuchschreiben durchaus eine heilsame Wirkung. Seit acht Jahren ist sie Witwe, besonders seitdem ist das Tagebuch „mein guter Freund“.

Niemals hat sie jemandem Einblick in ihre höchst persönliche Sicht der Dinge gewährt. Nur ihre frühesten Aufzeichnungen von der Flucht in den Westen hat sie dem Deutschen Tagebuch-Archiv im südbadischen Emmendingen zur Verfügung gestellt. Die anderen Erinnerungsbände hält sie unter Verschluss, auch um immer wieder mal darin zu blättern. Sie sei „überhaupt nicht prüde“, aber mit „öffentlichen Bekenntnissen“ tue sie sich schwer. Über die Offenherzigkeit ihrer jüngsten Einträge („Welch ein Glückszustand!“) staunt sie selbst. Aber das ist ja für niemanden bestimmt, außer für sich selbst. Sie will ihre Tagebücher nicht jener Unschuld berauben, die ihnen der Schriftsteller (und Tagebuchschreiber) Martin Walser attestiert.

Christiane Maschajechi, 39, geht mit ihren Aufzeichnungen wesentlich offensiver um. Schon 60 Tagebücher hat sie, allerdings anonymisiert, in die Obhut des Archivs gegeben, auch weil sie dort sicher lagern. „Ich habe keine Kinder und möchte einfach eine Spur im Leben hinterlassen“, sagt die Moderatorin beim Südwestrundfunk und Stuttgarter Kabarettistin. Vielen Einträgen bescheinigt sie selbst eine unterhaltsame Komponente für Außenstehende, und es gibt Freunde und Kollegen, die in manchen Texten literarische Qualität erkennen.

Mit neun hat sie angefangen, sporadisch etwas aufzuschreiben, im Teenageralter war der „Dialog mit mir selbst unheimlich wichtig für mich, eine Spiegelung“. Oft hat sie ihre Notizen mit Zeichnungen oder Collagen garniert. Eine Seite, auf der sie ihren Vater aus pubertätsbedingter Verärgerung in einen Sarg gelegt hatte, hat sie längst herausgerissen. Ansonsten: Lobgesänge auf die angehimmelten Jungs und „das ewige Drama: Lieb ich ihn oder nicht?“

Regelmäßiges Tagebuchschreiben „hat meine Persönlichkeitsentwicklung aktiv begleitet“. Besonders so ab 21, als ihr Freund zum Ehemann werden sollte, spiegelten die Einträge „auf einer fast schon philosophischen Ebene“ ihre Gedanken und Gefühle. „Das Wort Heirat macht mir Angst; soll dieses Wort unsere Ferne besiegeln oder ist es eine Chiffre für Happy End?“ Wenn bei ihr „alles rund läuft, schreibe ich weniger. Wenn mich etwas beschäftigt, brauche ich die Zwiesprache mit mir selbst.“ Tagebuchschreiben könne in gewisser Weise die Couch ersetzen oder den Beichtstuhl, „wenn man seine Probleme mit sich selbst abhandelt“. Ernsten Themen wie der eigenen Kinderlosigkeit gehe sie nicht aus dem Weg. Eindeutig überwiegt bei ihr aber der entspannte Blick. „Schreiben heißt für mich etwas zweimal erleben.“

Autobiografie-Experten verweisen darauf, dass viele Tagebuchschreiber ihre subjektiven Erinnerungen mit einer gewissen Fabulierlust aufschrieben. Für wie ehrlich hält Christiane Maschajechi ihre Texte? „Es gibt Stellen“, gesteht sie, „da hab ich was schöngeschrieben, wie ich es gern erlebt hätte.“ Ein Schuss Narzissmus gehört dazu, ein Tagebuch ist schließlich kein Rechenschaftsbericht.



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