Von Anja Reich, 12.03.10, 21:03h
MATT DAMON: Ja, habe ich. Ein sehr guter Film. Mit sehr guten Schauspielern. Ich habe gerade mit Anthony Mackie zusammen gedreht, ich bewundere ihn und auch Jeremy Renner, den Hauptdarsteller. Es ist ein kleiner Antikriegsfilm, der nur in wenigen Kinos gelaufen ist. Aber am letzten Sonntag hat er sechs Oscars gewonnen.
Was können Filme wie dieser politisch bewirken? Welche Macht hat Hollywood?
DAMON: Ich fürchte, nicht sehr große. Es ist im Moment sehr schwierig hier im Land, Diskussionen anzustoßen. Es gibt zwar die gegensätzlichsten Positionen, aber es wird kaum diskutiert. Jeder hat zu irgendetwas eine Meinung, jeder hat einen Blog, die werden auch viel gelesen, aber letztlich dienen sie nur dafür, die eigenen Ansichten zu bestätigen. Es wird nichts hinterfragt, nichts angezweifelt, die Meinungen der Leute sind fest, und insofern glaube ich, dass niemand hier so richtig darauf Einfluss nehmen kann, was die Menschen denken. Auch nicht Hollywood, auch keine Celebrities. Niemand hört dem anderen zu.
Ihr neuer Film „Green Zone“ spielt 2003, zu Bush-Zeiten also. Kommt er nicht zu spät?
DAMON: Das hoffe ich nicht. Es geht darin ja um die wichtigste außenpolitische Entscheidung unserer Generation. Paul Green-grass, der Regisseur, hat früher schon politische Stoffe verfilmt wie in „Bloody Sunday“. Dann hat er die Bourne-Filme gemacht, so Fantasy-Action-Stoffe, die nur wenig mit dem wirklichen Leben zu tun haben, aber gut bei den Zuschauern ankommen. Wir nennen es die Bourne-Welt. Mit „Green Zone“ wollten Paul und ich einen politischen Thriller aus der wirklichen Welt machen. Ein Mann zieht in den Krieg, um die Massenvernichtungswaffen zu finden, die Bush dort vermutet. Er findet sie nicht. Und er stellt die logische Frage: Was ist passiert?
Gibt es diesen Offizier wirklich?
DAMON: Ja, er heißt Monty Gon zales und war während der Dreh arbeiten unser technischer Bera ter. Er hat nicht das Team Delta geleitet, wie im Film, sondern das Team Alpha. Er sagte mir, er sei damals geradezu besessen davon gewesen, Saddams Massenvernichtungswaffen zu finden. Ich fragte Monty, wann er gewusst habe, dass das mit den Waffen eine Lüge ist. Er sagte: Seit dem allerersten Einsatz. Wir haben ein Gebäude gestürmt, eine Porzellanfabrik, in der angeblich auch Waffen hergestellt wurden. Aber es war eine Porzellanfabrik, nichts weiter. Da habe er gewusst: Hier stimmt was nicht, das stinkt zum Himmel.
Wie ging Montys Geschichte aus? Ist er der Held aus dem Film, der sich mit dem Pentagon anlegt und sein Leben riskiert, um die Wahrheit ans Licht zu bringen?
DAMON: Nein, das ist er nicht. Seine Geschichte ist viel unspektakulärer. Monty hat seinen Irak-Einsatz beendet, ist in die USA zurückgekommen, und jetzt ist er im Ruhestand. Er ist in meinem Alter. Als ich ihn das erste Mal traf, fragte ich ihn: Warum hilfst du uns? Und er sagte: Wir haben unsere moralische Autorität verloren, und wir müssen sie zurückbekommen. Für einen wie ihn war es wirklich schwer, so etwas auszusprechen. Er kommt aus einer militärischen Familie, er glaubt an die Armee, an den Sinn, dem Vaterland zu dienen. Er tut das, was er für seine Pflicht hält. Deswegen ist es ja so wichtig, Politiker zu haben, die verantwortungsbewusst handeln, die richtige Entscheidungen treffen.
Sie sind in Boston aufgewachsen, der Hochburg der linken Akademiker. Hat Sie das beeinflusst?
DAMON: Meine Eltern haben meinen Bruder und mich dazu erzogen, die Dinge, die auf der Welt passieren, zu hinterfragen. Mein Vater war Geschäftsmann, ziemlich liberal, ein klassischer Durchschnittsdemokrat. Meine Mutter war noch progressiver eingestellt als er, sie hatte viele linke Freunde.
Stimmt es, dass Sie schon mit 16 Jahren in die Gewerkschaft eingetreten sind?
DAMON: Ja, in die Screen Actors Guild, die Schauspielergewerkschaft.
Wann haben Sie mit dem Schauspielern angefangen?
DAMON: Als kleiner Junge habe ich in Theatergruppen in meiner Schule mitgespielt. Und als ich 16 war, haben Ben Affleck und ich uns eine Agentin in New York genommen.
Eine Agentin, mit 16?
DAMON: Ja, und Ben war damals erst 14, er ist zwei Jahre jünger als ich. So im Rückblick finde ich das auch ein bisschen seltsam, muss ich zugeben. Aber Ben und ich, wir waren total besessen. Wir haben uns da wahrscheinlich gegenseitig angestachelt und uns eingeredet, dass wir kurz vor dem Durchbruch stehen.
Was sagten Ihre Eltern dazu?
DAMON: Meine Eltern wollten nicht, dass ich Schauspieler werde. Sie hatten nichts dagegen, dass ich in der Theatergruppe mitmache, sie waren froh, dass ich etwas gefunden hatte, das mein Interesse weckt, aber sie wollten natürlich unbedingt, dass ich aufs College gehe und studiere. Sie sagten zu mir, in deiner Freizeit kannst du machen, was du willst, aber erwarte nicht, dass du dafür von uns auch nur einen Cent kriegst. Das musst du alles aus der eigenen Tasche bezahlen. Das habe ich gemacht. Ich habe ein paar kleine Rollen in Werbespots in Boston bekommen, damit habe ich ein bisschen Geld verdient, und Ben und ich haben dann ein gemeinsames Konto eröffnet. Die Bedingung war, es für nichts anderes als unsere Schauspielkarriere zu nutzen.
Wie oft waren Sie und Ben Affleck denn so auf Dienstreise?
DAMON: Nicht so oft. Wir hatten Glück. Unsere Agentin hat uns zwar Castings vermittelt, aber keine größere Rollen.
Das ist doch kein Glück.
DAMON: Aus heutiger Sicht schon. Ich bin total froh, dass ich die Highschool abgeschlossen und mit dem Studium angefangen habe. In meiner Collegezeit bekam ich dann eine Rolle in einem Fernsehfilm angeboten und bin gleich ausgestiegen, um dort mitzuspielen. Glück hatten wir auch, weil es eine wichtige Erfahrung war, sich zu bewerben, vorzuspielen, abgelehnt zu werden. Als Schauspieler wird man oft abgehnt, und damit umzugehen, ist nicht leicht. Alle Erfahrungen damit, auch schlechte, auch Ablehnungen, helfen dir, den Schauspielerberuf zu leben und den Druck auszuhalten.
Das klingt alles sehr erwachsen, das Konto, die Agentin. Waren Sie schon immer so?
DAMON: Nein, überhaupt nicht. Ich bin der kleine Bruder in der Familie. Ich habe mich immer eher mit rangehängt, habe andere Leute vorgehen lassen. Das mit der Agentin und dem Konto war das Reifste, was ich damals getan habe. Und das habe ich auch nur gemacht, weil ich unbedingt Schauspieler werden wollte.
Wer war der Ehrgeizigere von Ihnen, Ben Affleck oder Sie?
DAMON: Wir waren beide wahnsinnig ehrgeizig. Wir sind jeden Tag Mittagessen gegangen, Geschäftsessen nannten wir das. Wir hatten eine extra Nische in der Schulkantine, und dort saßen wir und hatten unser Geschäftsessen, auch wenn es gar kein Geschäft gab, über das wir reden konnten. Die Unterhaltungen begannen in der Regel so: Wie läuft das Geschäft? Ziemlich gut, ziemlich gut. Dann redeten wir über unsere Hoffnungen und Träume.
Und dann schrieben Sie zusammen Ihren eigenen Film, „Good Will Hunting“, gaben sich selbst die Hauptrollen, und für das Drehbuch bekamen Sie einen Oscar. Das klingt wie ein Märchen.
DAMON: Das war es auch. Ich habe immer gesagt, es war, als hätten wir in der Lotterie gewonnen. Mit dem Unterschied, dass man den Jackpot zusammen mit seinem besten Freund gewinnt.
Sie waren bei den diesjährigen Oscars wie Christoph Waltz für die beste Nebenrolle nominiert. Hatten Sie Ihre Siegerrede schon vorbereitet?
DAMON: Ich wusste, dass Christoph Waltz gewinnen wird, er hat es auch wirklich verdient. Das, was Christoph Waltz mit „Inglourious Basterds“ gelungen ist, das ist die absolute Ausnahme. Dass so eine gute Rolle vergeben wird. Dass sich jeder bewerben kann, und ausgerechnet er bekommt sie. Und dann gewinnt er den Oscar. Das wird sein Leben verändern. Ich habe jetzt erst verstanden, wie selten es ist, überhaupt nominiert zu werden. Ben und ich hatten damals großes Glück.
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