Von Susanne Rohlfing, 12.03.10, 21:03h, aktualisiert 13.03.10, 11:42h
BALIAN BUSCHBAUM: Schon ganz lange. Das ist selbstverständlich. Alles andere wäre Gift in meinen Ohren.
War das schon immer so?
BUSCHBAUM: Ich bin als kleiner Junge groß geworden. Was mich immer eher irritiert hat war, wenn mich jemand weiblich angesprochen hat. Ich konnte das damals nicht einordnen, ich habe nur gemerkt: Irgendwas stimmt nicht, irgendwas passt nicht.
Was ist übrig geblieben von Yvonne Buschbaum?
BUSCHBAUM: Ich glaube, die Hülle ist gestorben. Die Werte und Erfahrungen trage ich noch in mir. Das ist meine Vergangenheit, sie gehört zu mir, ich habe daraus viel gelernt.
Fehlt Ihnen als Balian nichts, was Yvonne hatte?
BUSCHBAUM: Nein, alles, was ich brauche oder abrufen möchte, ist noch in mir. Ich habe einmal gelesen, dass Glück liegt nicht in den Dingen, sondern in einem selbst. Was sollte einem Menschen noch fehlen, der sein seelisches Gleichgewicht gefunden hat?
Was ist für Sie das Beste daran, jetzt äußerlich ein Mann zu sein?
BUSCHBAUM: Ich habe 27 Jahre mit einem Makel in mir gelebt. Das war eine schwere Zeit. Ich trug etwas Dunkles, etwas Depressives in mir. Diese Dunkelheit habe ich jetzt aufgeklärt. All die schweren Jahre, die ich hatte – ich glaube, da musste ich durch, um das Leben, so wie es jetzt ist, genießen zu können.
Aber was genießen Sie am meisten am Mann-Sein?
BUSCHBAUM: Letztlich war ich immer so, wie ich war. Ich habe mich nie für die Gesellschaft verstellt. Gestört hat mich aber, dass ich zum Beispiel im Sport immer in die weibliche Welt eingefügt wurde. Da gehörte ich nie hin. Jetzt genieße ich, wie ich bin. Am meisten – das hat so eine große Bedeutung. Es ist das Leben an sich. Wenn ich auf die Straße gehe, wenn ich mit Freunden zusammen bin. Es ist alles, die ganze Bandbreite des Seins.
In Ihrem Buch erwähnen Sie den Genuss, jetzt im Stehen pinkeln zu können. Uns Frauen erschließt sich das ja nicht so richtig. Was ist so wichtig daran?
BUSCHBAUM: Aaach, welche Frau hat sich noch nie gewünscht, nach einer Party oder in einem Club, wo die Schlange vor dem Frauenklo endlos ist, einfach mal an einen Busch treten und im Stehen pinkeln zu können?
Gut, in so einer Situation. Aber im Alltag, zu Hause, da ist das doch eklig, klebrig, dreckig.
BUSCHBAUM: Nein, nein, nein. Das ist weder dreckig, noch eklig noch irgendwas. Das ist meine ganz persönliche Freiheit auch in den kleinen Details. Und es ist einfach nur natürlich, diese Natürlichkeit ist ja das Schöne daran. Ich verstehe, wenn die Hausmütter sagen: Junge, mach das nicht in meinem Haushalt, das spritzt nur rum. Aber es kommt auch ein wenig auf die Technik an. Einige Männer achten nicht darauf, was sie hinterlassen. Ich bin ein Perfektionist, ich habe wirklich viele Wochen dran rumprobiert, bis es so funktioniert hat, dass ich zufrieden und dass es auch sauber war. Am Anfang dachte ich: Du hast es einfach noch nicht drauf, trainiere mehr. Zu viel Druck, zu wenig Druck, Rumgeplätschere, die Fallhöhe – du musst ja alles berechnen.
Die Toilettenfrage gab Ihnen in Ihrer Kindheit ja offenbar eine erste Ahnung davon, dass etwas nicht stimmt.
BUSCHBAUM: Ja, ich dachte immer: Da, wo ich eigentlich hingehen müsste, nämlich aufs Mädchenklo, da gehöre ich gar nicht hin. Warum soll ich da rein? Diese Frage habe ich mir schon sehr früh gestellt. Aber bis ich es kapiert habe, das hat so lange gedauert. Letztlich bin ich dann immer auf die Männertoilette gegangen. Aber das war auch ein komisches Gefühl.
Sie haben 27 Jahre gebraucht, um zu erkennen, was mit Ihnen los ist. Hat Ihre Konzentration auf den Sport verhindert, dass Sie es früher begreifen?
BUSCHBAUM: Auf der einen Seite hat der Sport mir Sicherheit gegeben. Ich konnte trainieren, ich konnte meinen Körper hart formen, ich konnte mich maskuliner machen. Aber der Sport hat mich auch daran gehindert, über mein Leben nachzudenken. Ich war ständig unterwegs, bin von Hotel zu Hotel, von einem Wettkampf zum nächsten gereist. Ich habe mir, wahrscheinlich mit Absicht, nicht die Zeit genommen, über mein Leben nachzudenken. Es war etwas Dunkles in mir, aber es war eine lange Zeit der Erkenntnis. Ungefähr mit 18 habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass es das sein könnte. Damals habe ich eine Reportage darüber gesehen. Aber dann war es doch zu weit weg. Der Sport lief gut, ich war finanziell abgesichert, und es hat ja Spaß gemacht, Erfolge zu sammeln und herumzureisen.
Sie wussten, da ist etwas Dunkles, aber Sie konnten es nicht in Worte fassen?
BUSCHBAUM: Genau. Erst als meine damalige Freundin und ihre Mutter mich ansprachen, wurde mir klar. Puh, das ist es, das ist das Wort, das mir gefehlt hat, das ist die Tür, durch die ich schreiten muss. Als diese Erkenntnis einmal da war, bin ich sofort zur nächsten Psychologin marschiert und habe mich erkundigt, was ich für Schritte tätigen muss. Peking, Olympische Spiele, das war plötzlich alles egal. Ich hätte alles aufgegeben.
Das fehlende Wort war Transsexualität?
BUSCHBAUM: Ja, das war’s. Und die schlichte Frage: Warum lässt du dich nicht umoperieren? Das ist doch alles so offensichtlich, dein ganzes Leben, dein ganzer Werdegang. Vielleicht wäre ich auch selbst irgendwann drauf gekommen, aber es war sehr hilfreich, dass jemand sagte: Es gibt so etwas, das ist etwas ganz Natürliches, die Natur macht Fehler.
Sie hatten bis dahin immer Beziehungen zu Frauen, Sie haben sich sehr männlich gegeben, männlich gelebt. Reichte das nicht?
BUSCHBAUM: Nein. Auf gar keinen Fall sogar. Ich fühlte mich um meinen Penis betrogen. Mir fehlte, mit einer Frau normal zu schlafen, so, wie es in meinen Träumen war. Bei mir gibt es keine halben Sachen. Alles andere wäre eine Lüge, und ich lebe keine Lügen.
Dann ging alles sehr schnell. Haben Sie gar nicht mehr gezweifelt?
BUSCHBAUM: Nein, keinen Augenblick. Als mir bewusst wurde, dass ich im falschen Körper geboren worden bin, war ich plötzlich ganz klar im Kopf. Ich dachte: Ja, das ist das Licht, das mir die ganze Zeit gefehlt hatte. Im Dezember 2007 habe ich die erste Testosteronspritze bekommen, operiert wurde ich Ende 2008.
Funktioniert heute alles so, wie Sie sich das gewünscht haben? Ist der Sex jetzt so, wie Sie es sich erträumt haben?
BUSCHBAUM: Perfekt. Ich fahre ja keinen Testwagen. Das System hat sich in vielen Jahrzehnten mehr als bewährt. Der erste Sex war die Erfüllung. Meine ganz persönliche Auferstehung. Liebe hat unendlich viele und schöne Facetten – und diesen sehr ursprünglichen Moment der Liebe durfte ich nun auch endlich auskosten.
Sie werden Ihr Leben lang Testosteronspritzen bekommen müssen. Macht Ihnen das keine Sorgen?
BUSCHBAUM: Weshalb? Ich werde regelmäßig auf meine Blut- und Hormonwerte geprüft. Ich bekomme reines Testosteron gespritzt und nehme nicht, wie einige Sportler, irgendwelche zusätzlichen Mittelchen, um die Doperei zu kaschieren. Genau diese Vertuschungsmittelchen sind der Grund, warum das Risiko der Nebenwirkungen so hoch sein soll. Mein Testosteronwert wird lediglich an den eines normalen Mannes angehoben.
Testosteron ist ein Dopingpräparat, Sie werden also nie wieder Wettkampfsport betreiben können. Bedauern Sie das?
BUSCHBAUM: Das Internationale Olympische Komitee hat 2004 ein Gesetz erlassen, wonach transsexuelle Menschen nach der geschlechtsangleichenden Operation und einer zweijährigen Einnahme ihres wirklichen Geschlechtshormons auch wieder am Wettkampfsport teilnehmen dürfen.
Und, können Sie sich vorstellen, als Mann wieder Wettkampfsport zu betreiben? Wären Sie konkurrenzfähig?
BUSCHBAUM: Ich kann mir alles vorstellen, aber meine Interessen verlagern sich. Ich liebe Sport, weil mein Herz daran hängt. Ohne ihn wäre mein Leben nur halb so schön. Ich weiß aber auch, dass das Leben aus mehr besteht. Ich schreibe gerne und möchte auch abseits der sportlichen Welt weiterkommen.
Was hat das Testosteron körperlich mit Ihnen gemacht?
BUSCHBAUM: Mir wuchs mein lang ersehnter Bart, und nach drei Monaten kam ich in den Stimmbruch. Noch interessanter waren allerdings die muskulären Entwicklungen. Obwohl ich nur noch etwa ein Drittel meines früheren Pensums trainierte, wurde ich viel, viel besser. Ich spürte förmlich, wie sich überall Muskeln bildeten und wie sich deren Form und Struktur veränderte. Auffällig entwickelten sich meine Waden, der Stiernacken und die Oberschenkel. Ich nahm zum Beispiel auch schnell zehn Kilo zu und mein Unterhautfettgewebe verschwand. Ich friere nicht mehr so schnell. Ich habe ein angenehm wärmendes Feuer in mir brennen.
Nachts im Bett also keine kalten Frauenfüße mehr?
BUSCHBAUM: Die wärme ich lieber. Abgesehen davon hatte ich das Problem noch nie. Wenn ich mir früher bei 17 Grad etwas über das T-Shirt ziehen musste, so ziehe ich mir heute bei 17 Grad eher etwas aus.
Können Sie als Balian höher springen als Yvonne?
BUSCHBAUM: Wahrscheinlich schon. Vielleicht werde ich es bei Lust, Laune und Trainingszeit mal ausprobieren.
Betrachten Sie Höchstleistungen im Spitzensport jetzt kritischer als vorher?
BUSCHBAUM: Mir öffnete es die Augen. Ich habe endlich begriffen, warum viele Athleten so gut sind. Ich habe an mir gesehen, wo die Grenzen sind. Ich finde manche Entwicklungen und äußere Erscheinungen verdächtig. Ich sehe es auch an den Bewegungen. Meine Muskeln sind durch die Hormone so stark gewachsen, dass ich die Kraft nicht mehr in geschmeidige Bewegungen umsetzen kann. Dieses Phänomen sehe ich oft bei Sprintern und nenne es nur noch Testosteronlauf.
Was hat das Testosteron psychisch bewirkt? Ist alles Weibliche aus Ihrer Gefühlswelt getilgt?
BUSCHBAUM: Mein Gehirn funktionierte schon immer wie das eines Mannes, aber meine Gedanken waren östrogenbehaftet. In der Tat ist ein Hauch meiner Vielschichtigkeit entflogen. Diese habe ich durch Struktur und klare Ansagen ersetzt. Tendenziell zweifeln Frauen mehr an sich und denken mit und für die ganze Welt. Das Genialste am Geschöpf Frau ist, dass sie multitaskingfähig ist. Wahrscheinlich könnte sie drei Männerleben mit ihren Gedanken füllen.
Haben Sie jetzt die üblichen Mann-Frau-Verständnisprobleme?
BUSCHBAUM: Das als Problem zu bezeichnen, wäre zu viel. Ich kann die Frauen verstehen und versuche, ihnen in Krisen einen Weg zur Leichtigkeit aufzuzeigen. Aber ich bin froh, dass meine Welt so einfach geworden ist. Mit dem Testosteron kam mehr Leichtigkeit in mein Leben. Wenn ich jetzt eine Entscheidung treffen muss, dann treffe ich sie viel schneller. Diese Verästelungen gibt es einfach nicht mehr. Es sei denn, ich will. Ich kann auch gedanklich zurückkehren. Das ist das Schöne daran.
Wahrscheinlich können Sie andere Männer jetzt bei Frauenproblemen gut beraten, oder?
BUSCHBAUM: In meinem Umfeld funktioniert es. Einem Kumpel habe ich neulich das Verhaltensmuster seiner Freundin in seine Sprache übersetzt. Da meinte er, dass wir nicht nur eine Super-Nanny brauchen, die uns beibringt, richtig mit unseren Kindern umzugehen, sondern auch einen Frauenversteher. Denn ohne Verständnis gibt es auch keine Kinder.
Das ist doch mal ein interessanter und ungewöhnlicher Berufswunsch. Balian Buschbaum der Frauenversteher. Wäre das etwas für Sie?
BUSCHBAUM: Ich möchte nicht als DER Spezialist angesehen werden, denn es gibt durchaus Männer, die den Umgang mit Frauen verstehen und ihre Sprache sprechen. Trotzdem bin ich immer wieder auf der Suche nach neuen Herausforderungen.
Ist es einfacher, ein Mann zu sein?
BUSCHBAUM: Ja.
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