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Gesellschaft

Wie die Chinesen Afrika erobern

Von Frank Räther, 12.03.10, 13:01h, aktualisiert 29.03.10, 12:30h

China-Town gibt es auch im südafrikanischen Johannesburg. Geld verdienen, heiraten, glücklich sein - die Gründe für die Einwanderer aus China sind vielfältig. Afrika jedenfalls freut sich über die neuen Freunde.

Afrikaner
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Afrikaner vor einem chinesischen Supermarkt in Johannesburg. (Bild: Frankenfeld)
Afrikaner
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Afrikaner vor einem chinesischen Supermarkt in Johannesburg. (Bild: Frankenfeld)
Meng Ni Tau wäscht einer Kundin die Haare, raucht dabei und hat die Musik recht laut gestellt. „Schönheitssalon“ steht über der Eingangstür. „Das ist etwas hochgestochen“, lacht sie. „Ich frisiere hier eigentlich nur, aber Schönheitssalon klingt besser und gibt den Kundinnen das Gefühl, dass ich mehr aus ihnen machen kann.“ Zu der Mittdreißigerin kommen nur Chinesen. Und das, obwohl sie ihr Geschäft im südafrikanischen Johannesburg hat. Doch hier in der Derrick Avenue dominieren chinesische Schriftzeichen. Nur jeder zweite macht sich die Mühe, noch eine englische Bezeichnung über dem Laden anzubringen: „Happy Fishman Restaurant“, „Rongija Takeaway“ oder „Chong Qiao Supermarket“. Über hundert Geschäfte und Unternehmen machen in der Derrick Avenue die China Town von Johannesburg aus. Weiße Kunden gibt es hier nicht und die Handvoll Schwarzer, die zu sehen sind, arbeiten als Hilfskräfte. Das Viertel ist in chinesischer Hand. Auch die meisten Wohnhäuser rundum sind bereits von Chinesen bewohnt.

In der Derrick Avenue geht es zu wie in einer chinesischen Kleinstadt. Man kennt sich. Wer hier wohnt, kann alles kaufen, was in Nachbar-schaftsläden zu bekommen ist: Fleisch, Gemüse, Reis, Eier. Restaurants und Schnellimbisse gibt es reichlich. Friseur und Massage, Internetcafe und Billardraum. Sogar ein kleines Hotel ist hier. Das Reisebüro „Blauer Planet“ beschafft einem nicht nur Flugtickets, sondern sucht auch die Eisenbahnverbindungen in den Heimatort. Eine Apotheke ist da und auch Dr. Kang Yi He, ein Arzt, der so heilt, wie es die Menschen hier von zu Hause gewöhnt sind: mit Akupunktur und Kräutern.

Der 70-jährige Arzt ist vor sieben Jahren aus Shanghai nach Johannesburg gekommen. Sieben bis zwölf Patienten hat er am Tag in seinem kleinen Zimmer, in dem anatomische Plakate an der Wand und reihenweise Tiegel mit Kräutern im Regal stehen. „Ich habe nur eine Liege hier, aber das reicht ja“, sagt er. Denn zu ihm kommen nur Landsleute aus der Nachbarschaft. „Chinesische Medizin wird hier nicht von den Kran-kenkassen bezahlt, daher kommt kein Südafrikaner zu mir, obwohl ich doch billig bin.“ Und erfolgreich, fügt er hinzu. Nebenbei lehrt er an einer Medizinschule in der Innenstadt und erfuhr dort von einem zwölfjährigen Mädchen, das sechs Monate lang ohne Erfolg in einem Hospital der Stadt behandelt wurde. Weil der Rücken steif geworden war, konnte die Kleine sich nur noch im Rollstuhl bewegen. „Ich sah sie mir an und behandelte sie mit Kräuterkompressen und Akupunktur“, erzählt er. „Nach 40 Tagen konnte sie wieder laufen und zur Schule gehen.“ Worin genau das Problem des Mädchens bestand, ist nicht zu erfahren. Denn sein Englisch reicht nicht aus dafür, und meine Medizinkenntnisse auch nicht. Obwohl sich Yasmine Liu alle Mühe gibt, Dr. Kangs Erklärungen für mich zu übersetzen.

Ohnehin ist das Englisch der meisten Chinesen hier sehr rudimentär. Denn mit ihren Landsleuten können sie sich ja auch in der heimatlichen Sprache unterhalten. Und so bat ich Yasmine, mir bei der Verständigung in Chinatown zu helfen. Sie arbeitet bei der „African Times“, der größten chinesischsprachigen Zeitung Afrikas, die auch hier in der Derrick Avenue ihre Redaktion hat. „Wir erscheinen dreimal in der Woche, haben eine Auflage von bis zu 30 000 Exemplaren täglich und Büros auch in Kapstadt, Pretoria, Durban, Bloemfontein und Port Elizabeth“, erzählt sie. „Schließlich gibt es in Südafrika insgesamt etwa 300 000 Chinesen, davon 100 000 in Johannesburg.“ Einige von ihnen leben schon seit Generationen hier, nachdem vor gut hundert Jahren chinesische Arbeiter für die Goldbergwerke nach Johannesburg geholt wurden. In den Siebziger und Achtzigerjahren kamen dann Leute aus Taiwan, mit dem das Apartheidregime gute Beziehungen unterhielt. Und seit 1990 dann viele aus der Volksrepublik, als diese ihre Grenzen öffnete und sich auch in Südafrika die politischen Verhältnisse verändert hatten.

Der Grund für diese Wanderung vom Reich der Mitte in den Süden Afrikas: Hier kann man Geld verdienen. So begründen es alle, die ich fra-ge. Auch Hua Hua. Sie kam 2004 aus der Sichuan-Provinz in Zentralchina hierher und eröffnete ein Jahr später ihren Supermarkt in der Derrick Avenue. Hier verkauft sie alles, was Chinesen nicht in den südafrikanischen Läden bekommen: Fischbällchen, Pilze, Hühnerfüße, Dutzende Arten Soya-Sauce und Reis in 10- und 25-Kilosäcken. Außerdem liegen in ihren Regalen viele Packungen mit chinesischen Aufschriften, die Yasmine zwar zu übersetzen versucht, aber deren Bedeutung ich trotzdem nicht verstehe. Es sind „Lebensmittel, die man einfach braucht“, einigen wir uns.

Der Nachschub kommt von den chinesischen Großhändlern, die jede Woche mit ganzen Schiffsladungen aus der Heimat versorgt werden. Davon geht dann der Großteil in reguläre südafrikanische Geschäfte, die mit Billigprodukten „Made in China“ beträchtliche Profite machen. Wer günstiger einkaufen will, strömt nach „Bruma Oriental City“ oder „Asia City“ in der Nähe der Derrick Avenue. Dort haben über hundert chinesische Händler ihre kleinen Läden. Vor 20 Jahren noch war „Bruma Oriental City“ eine große Halle, die dem südafrikanischen Allrounder „Game“ gehörte, wo vom Kochlöffel über Kleidung bis zu Möbeln und Kühlschränken alles zu kaufen war. Doch es rentierte sich nicht, „Ga-me“ gab auf und die Chinesen zogen nach einiger Zeit ein, machten daraus einen großen Basar – und bauten nach einigen Jahren noch an. Und „Asia City“ war ein Komplex von Läden und Restaurants am Rande des künstlichen Bruma-Sees, an dem man sogar Boote mieten konnte. Auch hier ging in kurzer Zeit ein Geschäft nach dem anderen in die Hand chinesischer Besitzer über. Die neuen Eigentümer suchten dann auch nach billigen Häusern in der Umgebung – und so brauchten sie für ihre eigene Versorgung ebenfalls Geschäfte. Auf diese Weise wurde die Derrick Avenue zu ihrem Nachbarschaftszentrum, wo dann auch Organisationen wie die „Chinesische Handelskammer“, die „Vereinigung für die friedliche Wiedervereinigung Chinas“, das „Kooperationszentrum für die Zusammenarbeit der Community mit der Polizei“ und schließlich auch die Zeitung „African Times“ ihre Büros eröffneten.

Die Zeitung wird hier sichtbar gelesen. Vor den Geschäften, an der Kasse, wenn keine Kunden im Laden sind, oder in den Restaurants und Schnellimbissen. So auch – zusammen mit dem chinesischen Fernsehen, das pausenlos läuft – bei Ling Zhong Ying, der in seinem Laden mor-gens chinesisches Frühstück und tagsüber die ganze Palette kulinarischer Besonderheiten aus dem Reich der Mitte im Angebot hat. Herr Ling ist 62 Jahre alt und kam 2005 nach Johannesburg aus der Fujian-Provinz, die zwischen Shanghai und Hongkong an der Küste gegenüber Taiwan liegt. Fünf Jahre vorher waren schon seine Tochter und der Schwiegersohn eingetroffen und berichteten in ihren Briefen und Telefongesprächen „von dem vielen Geld, das man hier verdienen kann, wenn man hart arbeitet.“

Und das war Ling Zhong Ying ja gewöhnt. 40 Jahre lang war er Bauer, schaffte es trotz harter Arbeit – erst in der Genossenschaft, dann auf eigener Scholle – gerade so, seine Familie durchzubringen. Südafrika, so meint er, bot ihm nun eine viel bessere Chance. Die ersten Jahre schlug er sich durch, legte das Geld beiseite und konnte sich so im vorigen Jahr das kleine Restaurant in der Derrick Avenue kaufen. „Jeder Chinese kann kochen“, lacht er, befragt, ob er denn dazu die Voraussetzungen habe. Aber dennoch holte er seine Kusine Wang Hu Ji aus seinem Hei-matdorf, die in der kleinen Küche wirbelt, während er bedient und an der Kasse steht. Seine Frau ist aber im Heimatdorf in Fujian geblieben, wo sie sich um den Enkel kümmert. Den will seine Tochter bald nach Südafrika holen. Und Ling wird irgendwann wieder zurückgehen. „China ist nun mal meine Heimat“, sagt er. „Hier in Südafrika werde ich so viel Geld verdienen, dass ich damit mit meiner Frau bis ans Lebensende aus-komme. Es hat sich bei uns zu Hause auf der Bank schon einiges angehäuft, wenn auch noch nicht genug.“

Die Friseuse Meng Ni Tau hingegen will in Südafrika bleiben. „Mein Traum ist, noch mehr Geld zu verdienen, einen guten Mann zu finden, ein eigenes Haus zu kaufen und so ein gutes Leben zu haben.“ Den Vater ihres inzwischen einjährigen Sohnes hat sie jedoch schon nach kurzer Zeit wieder vor die Tür gesetzt. „Er taugte nicht viel“, meint sie. „Aber ich werde jemand anderes finden. Da bin ich sicher.“ Auch Yasmine Liu will bleiben. „Ich habe hier in Pretoria studiert, meinen MBA gemacht und war danach für ein Jahr zurück in China.“ Aber dort war die Konkur-renz so groß, dass sie wieder nach Südafrika zurückging. „Hier verdient man auch besser“, sagt sie und lobt das Wetter: „Ständig saubere Luft und blauer Himmel – das gibt es in Peking doch überhaupt nicht mehr.“ Ob sie bei der Zeitung bleibt oder sich einen anderen Job sucht, weiß sie noch nicht. „Es gibt so viele Möglichkeiten hier“, da ist sich Yasmine sicher.

Denn China ist in den vergangenen Jahren zum größten Handelspartner Südafrikas aufgestiegen und hat Deutschland vom ersten Rang verdrängt. In den ersten zehn Monaten vorigen Jahres importierte das Kapland Waren im Wert von fast sechs Milliarden Euro und exportierte im Gegenzug vor allem Rohstoffe für vier Milliarden. Die großen südafrikanischen Minenhäuser und Banken drängen inzwischen auch zunehmend auf den expandierenden chinesischen Markt – und so meint Yasmine, dass diese Unternehmen doch chinesische Fachkräfte mit ihrer Ausbildung brauchen könnten. Und sicher noch viele andere. Andererseits kommen die billigen Waren aus dem Reich der Mitte bei der armen Bevölke-rungsmehrheit Südafrikas gut an. Weitere Handelszentren wie „Asia City“ und „Bruma Oriental City“, wo man sie zu günstigeren Preisen als in den südafrikanischen Geschäften kaufen kann, werden entstehen. Somit dürfte „Little China“ in der Derrick Avenue sich in den kommenden Jahren wohl noch weiter ausbreiten, ein Stück Heimat im vielversprechenden Gastland.



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