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Missbrauchsfälle

Papst Benedikt schweigt weiter

Von Kordula Doerfler und Gerold Büchner, 14.03.10, 13:45h, aktualisiert 16.03.10, 10:20h

Immer lauter werden die Stimmen, die vom Papst ein klares Wort zum Missbrauch-Skandal in der Katholischen Kirche fordern. Doch der Pontifex schweigt eisern - und gibt damit seinen Kritikern Nahrung.

ROM/BERLIN - Federico Lombardi ist normalerweise ein kluger, besonnener Mann. Doch nun ließ sich der Jesuitenpater und Sprecher von Papst Benedikt XVI. zu einer Reaktion hinreißen, die nicht gerade zu einer Beruhigung der öffentlichen Debatte führt: Bestimmte Kräfte würden „verbissen“ nach Material suchen, um den Papst „in die aktuellen Missbrauchsfälle mit hineinzuziehen“, sagte Lombardi. „Für jeden objektiven Beobachter ist klar, dass diese Versuche gescheitert sind.“

Doch das Gegenteil trat ein. Immer lauter werden die Stimmen, die ein klares Wort des Papstes fordern. Denn der nun bekannt gewordene Fall aus München führt direkt in den Apostolischen Palast: Es geht dabei um einen Priester, der 1980 von Essen nach München versetzt wurde, um sich nach sexuellen Übergriffen einer Therapie zu unterziehen. In dem Gremium, das der Personalie zustimmte, saß auch Joseph Ratzinger, damals Erzbischof von München und Freising. Durch eine Verfügung des damaligen Generalvikars Gerhard Gruber wurde der pädophile Priester später wieder in der Seelsorge eingesetzt und erneut sexuell straffällig.

„Nichts gewusst“

Es sei klar, dass der Papst von den Entscheidungen nichts gewusst habe, die zu einer Weiterbeschäftigung des Mannes geführt hätten, so Lombardi. Joseph Ratzinger ging 1982 nach Rom. Die Frage aber, was er als Erzbischof über den Versetzungsgrund wusste, ist mit Lombardis Aussagen nicht beantwortet. Am Sonntag ließ der Papst eine weitere Gelegenheit verstreichen, öffentlich Position zu beziehen. Beim Angelus-Gebet in Rom, bei dem er sonst durchaus aktuelle Themen anspricht, schwieg er über die Missbrauchsfälle.

Auch italienische Medien diskutieren nun, ob die Richtlinien der Glaubenskongregation, die seit 2002 für die Behandlung von Missbrauchsfällen gelten, ausreichend sind. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hat bereits angedeutet, dass sie derzeit überarbeitet würden. Sie sehen vor, dass die zuständigen Diözesen vor Ort alle Vorwürfe aufklären, schwere Fälle aber nach Rom melden müssen. Wie Charles I. Scicluna, Mitglied der Glaubenskongregation, in einem Interview mit der Zeitung der italienischen Bischöfe „Avvenire“ sagte, hat das Gremium seither 300 Anzeigen von pädophilen Übergriffen behandelt. Insgesamt seien mehr als 3000 Hinweise auf sexuelle Übertretungen eingegangen, die allerdings bis zu 50 Jahre zurückreichten. In mehr als der Hälfte der Fälle ging es um gleichgeschlechtliche Beziehungen. Bei jedem fünften Fall wurde ein innerkirchliches Strafverfahren eingeleitet, die Hälfte davon endete mit einer Entlassung aus dem Priesteramt, „Den Papst der Verschleierung und Verleumdung zu bezichtigen, ist verleumderisch und falsch“, so Scicluna.

In Deutschland belastet das Bekanntwerden immer neuer Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen unterdessen das Verhältnis zwischen Amtskirche und Laien zusehends. Erst am Wochenende wurde ein Pfarrer in Münster wegen eines möglichen Falls von sexuellem Missbrauch „auf eigenen Wunsch“ von seinem Dienst „entpflichtet“. Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ forderte am Sonntag eine Entschuldigung des Papstes für sexuelle Übergriffe und Gewaltakte von Geistlichen. Auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend rief Benedikt XVI. zu einer Stellungnahme auf. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich für ein entschlossenes Vorgehen gegen Kindesmissbrauch aus.

Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke und der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, stellten am Wochenende die Pflicht zum Zölibat infrage. Die Kirche müsse Konsequenzen aus den Übergriffen gegen Jugendliche ziehen und prüfen, „ob es kirchenspezifische Bedingungen gibt, die den Missbrauch begünstigen“, so Glück. Unterstützung bekam er von der katholischen Jugend: BDKJ-Chef Tänzler sagte, „Ich habe Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Zwangszölibats.“ Allerdings habe das nichts mit Pädophilie zu tun. Sogar im Vatikan wird am Tabu des Zölibats gerüttelt, berichtet „La Repubblica“. Der Papst hatte einer Diskussion über den Zölibat jedoch erst am Freitag erneut eine Absage erteilt.



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