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Frühling

Es flirrt und blüht im Museum

Von Hannah Schneider, 19.03.10, 21:03h

Bei Impressionisten, Malern der Moderne und Künstlern der Gegenwart ist der Frühling schon ausgebrochen. In vielen Museen findet man Ausstelllungen, die den Frühling vermitteln. Ein Streifzug durch Ausstellungen in Köln und Umgebung.

Stefan Kraus
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Kolumba-Direktor Stefan Kraus steht in Raum 10 seines Museums, in dem gerade gerade "Alte Arbeiten" der Kölner Künstlerin Renate Köhler ausgestellt sind. (Bild: Worring)
Stefan Kraus
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Kolumba-Direktor Stefan Kraus steht in Raum 10 seines Museums, in dem gerade gerade "Alte Arbeiten" der Kölner Künstlerin Renate Köhler ausgestellt sind. (Bild: Worring)
Die Welt ist grau, draußen vor der großen Glasscheibe des Museums Kolumba. Die Leute, die über den Bürgersteig durch den Nieselregen laufen, sind in mehrere Kleidungsstücke gehüllt. Die Ärmel weit über die Hände gezogen, die Kapuze fest um den Kopf gezurrt. Kaum Gesichter zu sehen, stattdessen Regenschirme. Einer trägt irgendetwas Blühendes vor sich her, eine Hyazinthe vielleicht, oder eine Tulpe. Sehnsucht nach Frühling. Nach ein paar Sonnenstrahlen – für den ersten Cappuccino draußen vor der Tür und für die vielen Knospen an den Bäumen und Zwiebeln in der Erde, die das Grau und Braun in der Stadt endlich in Krokuslila und Knallgrün verwandeln. Sehnsucht nach ein paar Grad mehr und zwar konstant, damit die Winterjacke endgültig im Schrank bleiben kann.

So ewig hat sich ein Winter schon lange nicht mehr angefühlt. Er hatte ja mal ganz romantisch angefangen, mit dem vielen Schnee und den eisigkalten sternenklaren Nächten. Inzwischen ist er grau geworden – und die Augen brauchen endlich wieder Farbe nach den vergangenen Monaten.

Auf die nächste Jahreszeit zu warten nervt allerdings. Auf jeden zarten Sonnentag folgen direkt mehrere mit Wind und Regen. Wir brauchen etwas, das zuverlässig jetzt schon flirrt und sirrt, knospt und blüht. Und finden es zwischen alten Meistern und Kunst der Gegenwart, zwischen Pop-Art und archäologischem Kulturgut. Wir finden den Frühling in Kölner Museen.

Hier drinnen in Kolumba zum Beispiel, auf der anderen Seite der Glasscheibe, in Raum 10, scheint eine überdimensionale Tulpe gerade frisch aus dem Boden gebrochen zu sein. Saftig rot leuchtet das organisch geformte Kleid, ein anderes hängt in narzissengelb schräg dahinter. Zu prall scheint die rote Blüte, blaues Innenleben platzt hervor. Die Kleider sind Werke der Kölner Künstlerin Renate Köhler, ebenso wie die Gemälde an der Wand – die eigentlich gar keine Gemälde sind. Was zunächst aussieht wie ein wimmelndes Blumenmeer, in Öl gefasst, besteht auf den zweiten Blick aus winzigen Fäden, von der Künstlerin zum Bild zusammengefügt. Auch das Kleid ist mit Fäden bemalt, die sich wie Adern auf einer Blüte über den Stoff ziehen. Ein Kleidungsstück, ein Gemälde, eine Blume – alles gleichzeitig? „Ein Kleid, das auch ein Bild ist. Oder eine Tulpe, die man anziehen kann", sagt Stefan Kraus, Direktor des Museums. „Die organischen Formen haben sich aus Erfahrungen der Künstlerin in der Malerei entwickelt."

Frühling in der Kunst – ein Zeichen von Erneuerung und Aufbruch, Symbol des Vorläufigen, des Übergangs. Der Frühling bestückt Stillleben mit frischen Blumen, haucht der Landschaftsmalerei nach dem Winter Farbe ein. In die Farbpalette für den Himmel wird wieder leuchtendes Blau gemischt. Knospende Pflanzen, Lichtreflexe – die Welt im Frühling will in Öl gebannt werden.

Deshalb führt die Spur weiter ins Wallraf-Richartz-Museum. Hoch in die dritte Etage, vorbei an Caspar David Friedrichs romantischer „Eiche im Schnee" und den melancholischen „Bäumen im Mondschein" von Julius von Leypold. Der Frühling findet woanders statt, nämlich in Raum 9. Bei den Impressionisten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die ihren Arbeitsplatz aus dem Atelier in die freie Natur verlagerten. Mit schnellen, skizzenhaften Pinselstrichen wird hier das betont, was bei den Realisten noch so nebensächlich schien.

Ein Picknick im Freien, ein Spaziergang in der Sonne, im Wind flatternde Wäsche statt sachliche, glatte Abbildungen aus der Arbeitswelt. Dick und pastos hat Lovis Corinth seine „Frühlingsblumen im Kelchglas" 1924 in erdigen gedeckten Tönen auf die Leinwand gebracht. Einzig die Weidenkätzchen sind eindeutig auf den ersten Blick zu erkennen – und wirken durch den Farbauftrag beinahe plastisch, pelzig, zum Greifen nah. Ein flüchtiger Moment, mit schnellen Pinselbewegungen eingefangen.

Genau wie gegenüber, auf der anderen Seite des Raumes. Dort hängt Berthe Morisots „Kind zwischen Stockrosen" von 1881. Die Rosen blühen zwar erst im Juli. Trotzdem: Die wie zufällig und nebenbei aufgetragenen rosafarbenen Blüten auf der Leinwand verströmen ein leises Sommergefühl – in Öl konservierte Vorfreude.

Losreißen von Frühlingsblumen und dem „Kind zwischen Stockrosen", den Mantelkragen hoch, rein in den Regen und ab zum Museum für Angewandte Kunst. Mehr als 300 Exponate werden hier zum 300-jährigen Jubiläum der Meissener Porzellanmanufaktur ausgestellt. Mehr Frühling geht kaum: Käfer, Fliegen und Schmetterlinge krabbeln und flattern zwischen Tulpen, Veilchen und Vergissmeinnicht auf weißem Porzellan, über Teller, Terrinen, Tabakdosen. Tassenhenkel sind Blumenranken, der Knauf am Deckel der Suppenschüssel eine Rosenknospe.

Was heute ständig Gesprächsthema ist, „Wann kommt er endlich, der Frühling?", hat auch im 19. Jahrhundert schon als Stoff fürs Tischgespräch funktioniert: Da wurden Figurinen wie die „Vier Jahreszeiten", Allegorien von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, zum Dessert auf die gedeckte Tafel gestellt: „Die Figurinen sollten einen Gesprächsanreiz geben, neue Themen auf den Tisch bringen", sagt Patricia Brattig, Kuratorin der Ausstellung „Meissen – Barockes Porzellan in Köln". Es ging dabei um die Bereiche des damaligen täglichen Lebens, um Theater, Ballett, die Liebe – und das Wetter. Zarte bunte Blüten aus Porzellan, Figuren, die zu tanzen scheinen – die Sehnsucht nach dem Frühling als Sehnsucht nach neuer Leichtigkeit nach dem langen dunklen Winter. Genau wie heute, an einem grauen Tag in Köln.

Zerbrechlich und filigran ist das Frühlingsporzellan im Museum für Angewandte Kunst. Ungefähr so, wie Sonnenstrahlen in diesen Tagen, die sich jeden Moment wieder verflüchtigen können. Bis es draußen so blüht und schwelgt wie auf dem Meissener Porzellan oder auf den Bildern der Impressionisten – das kann dauern. Deshalb führt der Streifzug auf den Spuren des Frühlings jetzt in den Skulpturenpark. Regen hin oder her – hier steht ein Frühlingsbote wie ein Ausrufezeichen auf dem Gelände. Von wegen fragiler Blütenhauch in Pastelltönen. Der riesige Comic-Löwenzahn aus Aluminiumguss, ein Werk des Österreichers Thomas Stimm, ragt pink und blau in die Luft, hebt sich dreist ab von den öden, kahlen Ästen der Bäume und Sträucher im Park. Um ihn herum, auf der Wiese, warten echte Knospen auf ihre Chance, auf ein bisschen Licht. Bis ihre Zeit gekommen ist, blüht der pinke Löwenzahn – zuverlässig.



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