Von Christian Bos, 09.04.10, 08:59h, aktualisiert 09.04.10, 20:10h
Rose Corre Isaacs entstammte einer in einem Londoner Vorort gestrandeten Familie jüdischer Diamantenhändler, hasste Mann und Tochter, zahlte ihren Schwiegersohn aus, auf dass er auf Nimmerwiedersehen verschwände und ließ ihren älteren Enkel auf der Straße verwahrlosen. Den jüngeren, Malcom, aber liebte sie. Auf ihre Art. Sie las ihm Dickens vor, zog ihm Mädchenkleider an und lernte ihn, jede Art von Autorität zu bekämpfen: Oma war Punk. Ihr Enkel ließ sich aus den besten Kunstschulen herauswerfen, bevor er in einem auf die Situationisten-Bewegung zum einen und Vivienne Westwood zum anderen traf. Die Situationistische Internationale - eine Gruppe radikal linker Künstler - prägte seine Idee von der Herstellung gesellschaftlichen Aufruhrs als Alltagskunst. Die Modedesignerin Westwood entjungferte den 17-Jährigen.
Bald nannte das infernalische Duo eine kleine Boutique an der Londoner King's Road und einen kleinen Jungen sein Eigen. (Das Geld, das die eifersüchtige Großmutter für eine Abtreibung gegeben hatte, investierte Westwood lieber in einen Kaschmir-Twinset.) Dieser Modeladen, der unter wechselnden Namen - „Let It Rock“, „Too Fast To Live Too Young To Die“, „Sex“ - zuerst Teddy-Boy, schließlich Fetisch-Kleidung verkaufte, bildete die Keimzelle der Revolution, die England 1977 erschütterte.
Hier bildete McLaren aus drei Kunden eine neue Band, nachdem erste Versuche, mit der Manhattaner Proto-Punkband New York Dolls Geld und Ruhm zu erwerben, erfolglos geblieben waren. Den richtigen Nicht-Sänger fand McLaren, als John Lydon die Boutique betrat: mit grün gefärbten Haaren und einem Pink Floyd-T-Shirt, über das er die Worte „Ich hasse“ gesprüht hatte. McLaren taufte Lydon in Johnny Rotten um, die Band nannte er die Sex Pistols.
Er war Fagin, der Jude, und die Pistols seine Taschendiebe. Er ließ sie auf einem Boot auf der Themse vorm britischen Parlamentsgebäude ihre Single „God Save The Queen“ spielen, die die Queen als Unmensch beschimpfte und England „no future“ bescheinigte. Es war die Woche des 25-jährigen Thronjubiläums von Königin Elizabeth II., die Polizei stürmte das Boot, McLaren wurde verhaftet, die Single schoss an die Spitze der Charts. Aber McLarens Provokationen besaßen noch eine dunklere Seite. Der kindgleiche Sid Vicious, den McLaren zum Anti-Star aufbaute und mit Literatur über Charles Manson fütterte, verendete an einer Überdosis Heroin, während er auf den Prozess wegen des Mords an seiner Freundin Nancy Spungen wartete.
Da waren die Sex Pistols längst Geschichte und McLaren versuchte mit seiner neuen Band Bow Wow Wow, den Skandalerfolg zu wiederholen, in dem er deren 13-jährige Sängerin Annabella Lwin auf dem LP-Cover nackt posieren ließ, in einer Nachstellung von Manets „Le Déjeuner sur l'herbe“. Bow Wow Wow blieben trotz ihrer weit vorausschauenden Verschmelzung von Burundi-Trommeln und balinesischen Gesängen mit Pop und New-Romantic-Mode weit hinter den Erwartungen zurück und so finden wir McLaren in den 80ern an der Seite des HipHop-Pioniers Afrika Bambaataa in der Bronx wieder. McLarens Single und Video zu „Buffalo Gals“ konfrontierte viele Europäer zum ersten Mal mit Scratching und Breakdance. Später wurde das dazugehörige Album, „Duck Rock“ selbst zum begehrten Sample-Objekt.
Oper mit Elektronik und Walzer mit Funk
Doch bevor der Mainstream aufholen konnte, manipulierte und mixte McLaren schon wieder an anderem Ort. Verknüpfte Oper mit Elektronik („Madame Butterfly“) und Walzer mit Funk, beriet Steven Spielberg für ein fürstliches Gehalt, spielte ein Konzept-Album über Paris mit Catherine Deneuve und Françoise Hardy ein, tauchte auf Tarantino-Soundtracks auf und verkündete für das Londoner Bürgermeisteramt zu kandidieren.
Da galt Malcom McLaren längst als Elder Statesman jeder Art von kultureller Provokation. Britische Künstler wie Tracey Emin und Damien Hirst, die in den 90ern mit der Ausstellung „Sensation“ weltberühmt geworden waren, konnten sich ebenso auf die Sample- und Schocktaktiken von McLaren berufen, wie skandalerzeugende Reality-Shows von „Big Brother“ bis zum „Dschungelcamp“. Die sicherheitsbenadelte und siebbedruckte Mode, die Vivienne Westwood und McLaren in den 70ern entwarfen, hat sich zur Uniform der Straßenpunks verfestigt, aber auch Haute-Couture-Schneider nehmen seitdem Anleihen bei Fetisch- und Subkulturkleidung. Der gemeinsame Sohn von McLaren und Westwood, Joseph Corre, etwa gründete das Luxus-Unterwäsche-Label Agent Provocateur.
Situationistische Techniken - vom betrunkenen Talkshow-Ausfall bis zum „zufällig“ ins Netz gestellten Sex-Tape - beherrscht längst jedes Pop- und Filmsternchen. Schlecht zu sein ist oberstes Gebot. In diesem Sinne bleibt Malcom McLaren der beste böseste Mensch der Welt. Alles andere wäre zu langweilig.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Weltcup-Skispringen in Willingen - Deutsches Team auf Rang dreiProtest gegen Urheberrechtsabkommen ACTA - 2000 demonstrieren in Frankfurt

EXPRESS
3:0-Sieg gegen Schalke - Currywurst-Prämie! Fohlen scharf auf TitelDSDS nach Recall-Abbruch - Kann Ole die Jury diesmal überzeugen?

Spiegel Online
Streit um Kinder: Russland will Adoptionen in die USA verbietenZwickauer Terrorzelle: BKA ließ Ermittlungsdaten bei der Bundespolizei löschen