Von Christina Zühlke, 12.04.10, 11:55h
Die Fotos zeigen Kevin vor etwa zwei Jahren. Er wohnte im Sauerland, der Schützenverein war sein größtes Hobby. Dort engagierte er sich im Vorstand, war Sprecher der Jungschützen. Bis zu dem Tag als er alle Ämter niederlegte, seine Sachen in einen Bulli packte und nach Köln fuhr. „Es ist schon hart, wenn man sein Leben aufgeben muss, weil man in seiner Heimat nie der sein könnte, der man wirklich ist. Jetzt hier in Köln kann ich einfach so leben, wie ich möchte. Ich kann mit meinem Freund Hand in Hand durch die Stadt gehen und es interessiert keinen. Das hätte ich in Winterberg nie tun können.“
Flucht in die Großstadt
Kevins Geschichte ist beispielhaft. Ein paar Zahlen zeigen, wie das Leben junger Homosexueller heute aussieht:
Die Hälfte aller Jugendlichen findet Schwule und Lesben ekelhaft, so Jugendstudien. Auch zwei Drittel aller Erwachsenen wollen mit Homosexualität nichts zu tun haben, sagt eine Untersuchung der Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes. Eine der Folgen: Bei homosexuellen Mädchen und Jungen ist die Gefahr, dass sie Selbstmord begehen vier mal so hoch wie bei Heterosexuellen. Das hat eine Umfrage des Berliner Senats ergeben. Die Flucht in die großen Städte ist für viele Schwule und Lesben der einzige Ausweg.
Auch Kevin dachte über Selbstmord nach, bevor er sich entschloss, das Sauerland zu verlassen: „Damals hatte ich große Angst, was die Leute über mich denken könnten. Und durch das ständige Verstecken baut sich dann ein unfassbarer Druck in einem auf.“ Nun kehrt er mit neuem Selbstbewusstsein zurück und will mit denen reden, die ihm damals das Leben so schwer gemacht haben.
Freitagmittag, kurz vor Schulschluss. Kevin steht vor seiner alten Schule und erzählt, wie er sich immer nur versteckt hat. Bloß nicht auffallen, sagt er, war die Devise. Immer schön im Strom mitschwimmen. Auf dem Weg zu seinem alten Klassenzimmer wird Kevin immer ruhiger, setzt sich schließlich auf einen der leeren Stühle: „Ich sehe noch meine Mitschüler hier sitzen, wie damals. Und es ist ein Wahnsinns-Gefühl, jetzt wieder hier zu sein - geoutet. Als schwul geoutet. Das Gefühl kann man kaum beschreiben. Die ganze Last ist weg. Ich habe endlich zu mir gestanden. Damals hatte ich oft Angstzustände.“
Sein ehemaliger Direktor, Bernd Loffing, empfängt Kevin zum Gespräch. Erst jetzt erfährt er, dass sein damaliger Schüler schwul ist. „Ich hätte nicht in deiner Haut stecken wollen, Kevin“, sagt Loffing. Ein Outing wäre wohl sehr schwer gewesen. „Ich hätte aber auch nicht mit diesem Druck leben wollen, der sich innerlich aufbaut. Vielleicht hättest du dich ja zumindest uns Kollegen gegenüber outen können?“ Als Kevin wissen will, ob Lehrer denn auf solche Situationen vorbereitet seien, zögert der Direktor nur kurz. Im Kollegium sei das vermutlich kein Problem gewesen, sagt er: „Schwieriger wäre es sicherlich bei den Schülern. Jugendliche sind heutzutage brutal. Sie nutzen jede vermeintliche Schwäche und das hättest du vermutlich zu spüren bekommen.“
Nach Aussage der Lehrergewerkschaft GEW sind „schwul“ und „Schwuchtel“ heute die häufigsten Schimpfwörter auf dem Schulhof. Almut Dietrich vom Projekt „Schule ohne Homophobie“ fordert deshalb ein engagiertes Eingreifen von Lehrern, auch wenn auf den ersten Blick niemand wirklich gemeint ist: „Sonst entsteht eine Atmosphäre der Intoleranz, in der sich niemand mehr outen wird.“
Alles abgestritten
Doch Kevins Problem waren nicht nur die Jugendlichen. Im Schützenverein hatte er auch Angst vor der Reaktion der Erwachsenen: „Als das Gerücht aufkam, ich könne schwul sein, kam jemand aus dem Dorf auf mich zu und fragte: »Kevin, ich hab da was gehört, bist du schwul?« Ich war total schockiert und habe erst mal alles abgestritten, und er sagte: »Gott sei Dank, sonst hätte ich auch nie wieder ein Wort mit dir geredet.«“
Mit diesen Erinnerungen steht Kevin abends in Winterberg vor der Schützenhalle. Jahreshauptversammlung. In den großen Saal traut sich Kevin nicht, bleibt lieber abseits. Nach seinem Outing hat er die früheren Kumpel nur einmal wiedergetroffen: „Auf dem Schützenfest war ich noch mal hier. Aber wenn ich mich in eine Runde dazu gestellt habe, sprachen die Leute nicht mehr mit mir. Oder es wurde Bier geholt und man bekam selber keins.“
Glaube, Sitte, Heimat steht auf den Fahnen des Schützenvereins. Die Kirche ist hier im Dorf noch wichtig. Auch Kevin war engagierter Messdiener und im Pfarrgemeinderat. Eine seiner Stationen beim Heimatbesuch ist deshalb das Pfarramt. In einer kleinen Bibliothek trifft er seinen ehemaligen Pfarrer und erzählt von seinem öffentlichen Bekenntnis zur Homosexualität. Der ältere Herr mit Brille, Glatze und schwarzem Käppi sagt, er halte ja von „dieser Sache mit dem Outen“ nichts: „Man muss doch da nicht drüber reden. Wenn einer unkeusch in seinem Leben ist und mit Unkeuschheit viel zu tun hat, dann muss er das doch nicht an die große Glocke hängen.“ Als Kevin nachfragt, fügt der Pfarrer hinzu, Gott liebe zwar alle Menschen. Aber eben nicht alle Menschen gleich.
Für Kevin ist spätestens da klar: Die Entscheidung nach Köln zu gehen, war richtig, ein glückliches Leben im Sauerland unmöglich. Trotzdem wünscht er sich, dass es andere Jugendliche in Zukunft leichter haben: „Ich kann nur allen auf dem Land sagen: Outet euch! Zeigt den Leuten im Dorf: Hier gibt es uns auch! Und ich hoffe mal, dass das dann irgendwann auch Normalität werden kann.“
Das schlägt dem Fass den Boden aus
12.04.2010 | 21.15 Uhr | typCGN
Das sich ein Pfarrer zu einer solchen Aussage hinreißen lässt, zeigt nur das geballte Ignorantentum des Klerus, dank auch der Schule des Herrn…
Unfassbar
12.04.2010 | 18.24 Uhr | wernerlaude
Zitat: Gott liebe zwar alle Menschen. Aber eben nicht alle Menschen gleich.
Soviel Dummheit und Arroganz ist einfach umfassbar. Woher will der…
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