Erstellt 12.04.10, 11:55h
ALMUT DIETRICH Seit Homosexualität mehr Thema ist, hat auch Homophobie, also die Angst vor Schwulen und Lesben zugenommen. Es ist kein Tabu mehr. Aber es gibt trotzdem nicht mehr Berührungspunkte mit homosexuellen Menschen im Alltag. Auch Schüler haben bloß das Gefühl, aus dem Fernsehen zu wissen, wie „die Schwulen“ so sind. Aber die eigenen Berührungsängste werden dadurch nicht abgebaut.
Viele Lehrer und auch Schüler sagen, Schimpfwörter wie „schwul“ und „Schwuchtel“ seien doch nur Slang und nur selten gegen eine bestimmte Person gerichtet. Warum stimmt das für sie so nicht?
DIETRICH „Schwul und Schwuchtel“ sind deshalb keine Schimpfwörter wie „blöde Kuh“, weil es Schwule und Lesben an jeder Schule gibt. Sie sind häufig versteckt und hören natürlich den negativen Unterton. Und sie hören auch daraus, dass sie und ihre Art zu sein und ihre Identität nicht gewollt, nicht erwünscht ist und dass sie diese Ablehnung auch erfahren würden, wenn sie sich outen.
Was muss sich ändern?
DIETRICH Lehrer müssen Konsequenz zeigen. Sonst lernen Schüler, dass sie so reden dürfen und testen auch weiter Grenzen aus, bis hin zu körperlicher Gewalt. Und das ist auch, was viele homosexuelle Schüler beschreiben. Laut einer Studie gehen Lehrer nur in 28 Prozent der Fälle auf derartige Hänseleien oder Witze ein. Und nur in der Hälfte der Fälle hilft jemand, wenn ein schwuler Schüler verbal oder körperlich angegangen wird.
Und wie kann der Alltag in unseren Schulen Toleranz gegenüber Homosexuellen fördern?
DIETRICH Unser Ziel ist es, dass Toleranz gegenüber Homosexuellen genauso auf dem Lehrplan steht, wie auch Aufklärung zum Umgang mit Behinderten oder Kampagnen gegen Rassismus. Ein wichtiger Schritt wäre für mich, wenn das Schulministerium das Thema in den Lehrplänen verankert. Denn dann bleibt es eben nicht jedem einzelnen Engagierten oder Mutigen vorbehalten, sich zu outen, sondern es entsteht eine Normalität, und Schüler können sagen: „Ach so, ja, in unserer Klasse sind auch drei.“ Das wäre eine große Erleichterung.
Das Gespräch führte Christina Zühlke
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