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Tango

Ein Tanz wie Sex

Von Alexa Christ, 15.04.10, 21:03h

Den Tango gibt es schon seit über 100 Jahren. Altmodisch ist er deshalb noch lange nicht. Der Tanz erfindet sich immer wieder neu. ksta.de hat einem Kölner Tanzpaar bei den heißen Bewegungen zugeschaut.

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Das Kölner Tango-Tanzpaar Ricardo und Raquel Lang. (Bild: Bause)
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Das Kölner Tango-Tanzpaar Ricardo und Raquel Lang. (Bild: Bause)
er Tango ist längst eine Legende. Der argentinische Tangodichter Enrique Santos Discépolo schrieb einst: „Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann.“ Der irische Schriftsteller George Bernard Shaw erkannte im Tango den „vertikalen Ausdruck eines horizontalen Verlangens“. Und die 72-jährige Tänzerin Maria Dolores sagt: „Tango tanzen ist mit den Füßen träumen.“ Gleichzeitig aber ist der Tango sehr lebendig - seit zwei Jahrzehnten erlebt der Tanz eine beispiellose Renaissance. Auch in Deutschland tummeln sich in den Tangosalons - den sogenannten Milongas - die unterschiedlichsten Menschen auf der Tanzfläche. Dabei sah das zu Beginn ganz anders aus.

Am Anfang verpönt

Der Tango entsteht am Rio de la Plata um das Jahr 1880 in den tristen Vorstädten von Buenos Aires, dem Auffangbecken für Tausende europäischer Einwanderer. Ein Schmelztiegel enttäuschter Hoffnung, verlorener Heimat, unerfüllter Liebe. Aber auch ein Ort der Begegnung. Regionale Musikstile mischen sich mit kubanischer Habanera, europäischen Volkstänzen und afrikanischen Rhythmen - so entsteht der Tango. Im Milieu von Tagelöhnern, Matrosen, Prostituierten und Ganoven. Für die einheimischen Eliten ist der Tango ein „Bordellreptil“, anrüchige Subkultur der Unterschicht. Erst als um die Jahrhundertwende ausgerechnet das elegante Paris völlig begeistert Tango tanzt, wird er auch in der eigenen Heimat salonfähig.

ksta.tv: So heiß ist der Tango

Die goldene Ära

Zwischen 1920 und 1955 erlebt der Tango seine Blütezeit. Der noch immer von zahllosen Fotos herablächelnde Carlos Gardel verleiht ihm seine Stimme. „Mein Buenos Aires, mein liebes, wenn ich dich denn wiederseh', hat aller Kummer ein Ende“, singt er. Gardels tragisch früher Tod durch einen Flugzeugabsturz im Jahr 1935 könnte einem Tango-Chanson entstammen. Happy End? Fehlanzeige. Es sind nicht die Siegertypen, die die Tangotexte bevölkern. Es sind die Gescheiterten, die Enttäuschten, die vom Leben Betrogenen. Vielleicht spricht diese Musik auch deshalb heute noch so viele Menschen an. Die Tangotänzerin Angelika Zeich aus Hamburg sagt: „Der Tango ist eine Chance, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Er liefert mir alle Themen, die mich in meinem Leben beschäftigen.“ Doch das sieht die Jugend der 60er Jahre anders. Die Popmusik bringt ihr Lebensgefühl besser auf den Punkt. Der Tango ist tot.

Erneuerung

Seine Wiedergeburt beginnt erst Anfang der 80er Jahre und geht erneut von Paris aus, wo viele argentinische Musiker im Exil leben. Auch die damit verbundene Tanz-Welle überflutet erst Europa, ehe sie einmal mehr über den Atlantik schwappt. Auslöser ist Astor Piazzolla - für die einen begnadeter Erneuerer des Tango, für die anderen sein Totengräber. Weil er Verbotenes tut: Den Tango dem Jazz öffnet, ihn rhythmischer gestaltet, ihm die E-Gitarre an die Seite stellt. Den Durchbruch erspielt sich Piazzolla erst 1986 beim Jazzfestival in Montreux. Da ist er bereits 64 Jahre alt. Jetzt, knapp 20 Jahre nach seinem Tod, gibt es längst die Post-Piazzollas, die wieder neue Wege gehen. Elektro-Tango heißt das Zauberwort, mit dem Bands wie Tanghetto, Narcotango, Bajo Fondo Club oder Otros Aires die Konzertsäle füllen. Begründer sind jedoch die Musiker des französischen Gotan Project, die mit ihrem 2001 erschienenen Album „La Revancha del Tango“ tatsächlich eine kleine Revolution hinlegten. Tango trifft House, trifft Trip Hop, trifft Drum 'n' Bass. Elektro-Tango begeistert die Fans weltweit - und zwar Tänzer wie Nicht-Tänzer. Und seitdem?

Immer Tango!

Seitdem tanzen die Tango-Süchtigen in alten Fabrikhallen, ehemaligen Industrielofts, ehrwürdigen Ballsälen, Kirchen und Museen, auf Plätzen und an Ufern von Flüssen. Man trifft sich bei Festivals in Barcelona, bei Workshops in New York, beim Vortrag im heimischen VHS-Zentrum und in Buenos Aires sowieso.

Dabei entsteht eine Gemeinschaft, die ihre ganz eigenen Gesetze und Regeln hat. Beim Tango ist Anfassen erlaubt. Schließlich gilt er als die getanzte Erotik. Mancher Mann mag beglückt feststellen, dass er einer Frau sonst nie so nahe kommt, ohne sich eine Ohrfeige einzuhandeln. Die wirklich guten Tänzer muss man sich jedoch mit viel Geduld und noch mehr „Pistenkilometern“ langsam erobern. Tanzt eine sehr gute Tänzerin zuerst mit einem Anfänger, wird sie den ganzen Abend nur noch mit Neulingen übers Parkett schlittern oder gar nicht aufgefordert werden. In Buenos Aires kann frau sich daher sogar „Miet-Tänzer“ buchen. Tanguero für eine Nacht? Kein Problem. Formvollendet führt der kleine Herr im Nadelstreifenanzug gleich vier ältere Damen in den Salon. Das schließt natürlich nicht aus, dass jede auch mit anderen Herren tanzt - als Aufforderung genügt ein Blick. Die nach Buenos Aires ausgewanderte Düsseldorferin Nicole Nau sagt: „Das Faszinierende am Tango ist der Augenkontakt, das kurze Zunicken, das Aufstehen, das Sich-Nähern, das Einander-Spüren, bis man sich umarmt.“

Eine wiegende Umarmung, zu den schluchzenden Klängen des Bandoneons. Sanft, sinnlich, sehnsuchtsvoll und wehmütig. So hat man den Tango schon vor mehr als 100 Jahren getanzt. Er ist ein Greis, der sich doch immer wieder neu erfindet. Im vergangenen Herbst hat die UNESCO ihn in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Aber auch so würde es auf den Tanzflächen weltweit wohl weiterhin heißen: „Siempre Tango!“



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