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Behinderung

Schulpflicht? Erstmal nicht für Amir

Von Helmut Frangenberg, 16.04.10, 18:57h, aktualisiert 16.04.10, 18:58h

Dem Elfjährigen Autisten Amir, der zwei Klassen übersprang, bietet sich in Köln nur die Förderschule. Seine Mutter will das nicht akzeptieren - und so verbringt der Junge seine Zeit nicht in der Schule, sondern bei seinem Opa.

Amir Kiefner
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Amir Kiefner zeigt seine Wahrscheinlichkeitsrechnungen zum Kniffel-Spiel. (Bild: Stefan worring)
Amir Kiefner
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Amir Kiefner zeigt seine Wahrscheinlichkeitsrechnungen zum Kniffel-Spiel. (Bild: Stefan worring)
Köln - Fragen hat Amir nicht so gerne, erst recht nicht zum Thema Schule. Wenn man Pech hat, rennt er aus dem Zimmer. Fragt man ihn nichts, ist sein Redefluss kaum zu bremsen. „Ich will ja keiner werden, der auf der Straße um Geld betteln muss oder Frauen die Handtasche klaut“, sagt der Elfjährige. Was er mal werden will, weiß er noch nicht: „Vielleicht Mathelehrer oder Spieleerfinder - in jedem Fall reich.“

Zurzeit ist unklar, wie der Weg dahin aussehen könnte. Das Kölner Schulangebot hat keinen Platz für ihn, zumindest keinen, der seinen Möglichkeiten und den Vorstellungen seiner Mutter entspräche. Sie will nicht akzeptieren, dass ihr Sohn auf eine Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung gehen muss, nur weil es angeblich keinen anderen Schulplatz für ein Kind geben soll, das zweimal eine Klasse übersprungen hat.

Amir ist Autist - und anstatt in eine Schule zu gehen, um zu lernen, sitzt er bei seinem Opa in Nippes, der ihn beschäftigt. Sie machen Computerspiele oder bauen mit Lego. Manchmal löst der Elfjährige mathematische Fragen, die sich Gleichaltrige nicht stellen. „Hier habe ich mal ausgerechnet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, beim Kniffel mit einem Wurf fünf gleiche Augenzahlen zu werfen“, sagt er und zeigt ein Blatt voller Zahlen. Amir hat Asperger-Autismus. Er braucht weniger eine feste räumliche Ordnung wie andere Asperger-Autisten. Bei ihm sind zeitliche Abfolgen wichtig. Berührungen und Krach kann er schlecht ertragen.

Die Schulkarriere des Jungen ist eine Odyssee: Nach sieben Wochen im ersten Schuljahr schickten ihn seine Lehrer ins zweite, weil er schon rechnen und schreiben konnte. Seine Verhaltensauffälligkeiten, die man zunächst mit Unterforderung erklärte, kamen wieder. Amir sollte in eine Sonderschule geschickt werden. Das Hochbegabtenzentrum in Bochum empfahl dagegen, Amir noch eine Klasse überspringen zu lassen. So landete der Junge als Achtjähriger in einer weiterführenden Schule, was ihn und offensichtlich auch die Schule überforderte.

Zeitgleich rannte seine alleinerziehende Mutter Sabine Kiefner von einem Arzt zum nächsten. Erst nach vier Jahren Rat- und Rastlosigkeit bekam sie im Mai 2008 eine klare Diagnose. Nun, als man wusste, was Amir wirklich behindert, hätte man ihm helfen können. Doch sein bislang letztes Schuljahr endete in einer Katastrophe. Die dritte Privatschule nach der Grundschule, die Claudia-Agrippina-Schule in Braunsfeld, fand aus Sicht der Mutter kein Mittel gegen anhaltendes Mobbing und keinen Umgang mit Amirs Verhaltensauffälligkeiten. Die Schule räumt selbstkritisch ein: „Wir konnten keine Bedingungen schaffen, um Amir bestens zu fördern.“ Das Problem seien seine „Ausbrüche“ gewesen. Die Möglichkeit, einen persönlichen Schulbegleiter für Amir zu beantragen, wurde nicht ausgelotet.

„Es gibt Möglichkeiten, auch in einer Schule, die sich vielleicht überfordert fühlt, Lösungen zu finden“, sagt Ute Gagaridis von der Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern. Sie versuchte erfolglos zu vermitteln. Als sich Amir mit Gewalt gegen Ausgrenzung und Aggressionen wehrte, sollte er die Schule verlassen. Sabine Kiefner meldete ihn ab, weil Amir drohte, sich vor die S-Bahn zu werfen, wenn er noch einmal in die alte Klasse müsste. Nun scheint für ihn die Schulpflicht nicht mehr zu gelten.

Dass es auch anders geht, hat er mittlerweile an einem Gymnasium in Leverkusen erlebt, wo er ein paar Tage hospitieren durfte. Die Schule weiß, wie man mit autistischen Kindern umgeht. Vom „Landrat-Lucas-Gymnasium“ sei er „total glücklich“ nach Hause gekommen, sagt seine Mutter. Nun warten die beiden auf ein positives Signal der Schule. Als zweite Hürde müsste dann die Bewilligung eines Schulbegleiters durch das städtische Jugendamt genommen werden. Was passiert, wenn das nicht klappt, ist offen. Das Kölner Schulangebot lässt wenig Spielraum für behinderte Kinder. „Ganz schön traurig“ sei das für eine Großstadt, die gemeinsamen Unterricht auf ihre Fahnen schreibe, sagt Gagaridis. „Das steht alles nur auf dem Papier“, sagt Kiefner. Sie pocht auf die Umsetzung der UN-Konvention zu den Rechten Behinderter. Ihr Kind habe das Recht auf den Besuch einer normalen Regelschule.



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