Von Kea Müttel, 22.04.10, 12:38h, aktualisiert 22.04.10, 16:24h
Dabeisein ist alles
Einer von denen, die zurückbleiben, ist Karl (Name geändert). Er ist 26, Student und seit vielen Jahren FC-Fan. Karl hat zurzeit ein Stadionverbot - ein Hausverbot, das Vereine gegen unerwünschte Fans aussprechen und das dann für einen Zeitraum von ein bis drei Jahren bundesweit in allen Stadien von der Ersten bis zur Dritten Liga gilt. Dennoch fährt er regelmäßig mit zu den Spielen seines Klubs. „Auch wenn ich nicht ins Stadion komme, macht es mir Spaß, mit meinen Freunden gemeinsam Zeit zu verbringen“, sagt der Kölner.
Doch seit Oktober darf Karl zu bestimmten Spielen nicht einmal mehr anreisen. Gegen ihn wird bei so genannten Risikospielen ein Betretungsverbot für die gesamte Stadt ausgesprochen. Damit soll vermieden werden, dass Fans mit Stadionverbot im Umfeld des Stadions oder in Kneipen für Unruhe sorgen. „Viele Leute mit Stadionverboten fahren weiter mit zu den Auswärtsspielen und schauen dort das Spiel in der Kneipe“, erläutert Rainer Mendel, seit 1989 Fanbeauftragter des 1. FC Köln. Grundsätzlich fände er diesen starken Zusammenhalt gerade bei den Ultras bemerkenswert. „Es gibt aber sicherlich insbesondere bei Derbys dann schon so Situationen, da hast du dann 100 Leute, die nicht ins Stadion gehen und im Umfeld für Unruhe sorgen können, und dann ist es für die Polizei noch schwieriger“.
Für Karl sind die Stadtverbote jedoch genau die falsche Reaktion. „Es ist meiner Meinung nach ein Trugschluss der Polizei, dass große Gruppen für die Gewalt verantwortlich sind“, sagt er. „Klar gibt es Leute, die keine Engel sind“, gibt er zu. Die Gefahr sieht er aber darin, dass Fangruppen, in denen man gegenseitig aufeinander aufpasst und deeskalierend aufeinander einwirkt, gezielt aufgelöst werden sollen. „Ohne diesen Zusammenhalt, der durch die Stadtverbote geschwächt werden soll, wird alles unkontrolliert ablaufen und es wird möglicherweise mehr Gewaltdelikte geben“, vermutet Karl.
Protestmarsch der Fans
Ausgesprochen werden diese Verbote von den zuständigen Polizeidirektionen. In Köln gab es für FC-Fans beim Heimspiel gegen Nürnberg das erste Mal Betretungsverbote für die eigene Stadt. Fast der komplette Kölner Westen war am Spieltag Sperrgebiet für die überwiegend jungen Männer, gegen die diese Verbote ausgesprochen wurden. Vor und nach dem Spiel protestierten mehrere hundert FC-Fans mit einem Marsch gegen die Maßnahmen, die als willkürlich und die persönliche Freiheit einschränkend empfundenen werden.
Laut Christoph Gilles, Pressesprecher der Polizei Köln, werden die so genannten Bereichsbetretungsverbote gegen solche Fans ausgesprochen, „die sich bei den letzten Derbys gewalttätig gezeigt haben und bei denen davon auszugehen ist, dass sie wieder gewalttätig werden.“ Für Karl und seine Freunde sind diese Verbote allerdings oft nicht nachvollziehbar. Sie bekämen zwar „Legenden“ zugeschickt, in denen die Polizei die Verbote begründet. „Allerdings finden sich dort dann zum Beispiel offene Verfahren, in denen die Schuld noch gar nicht bewiesen ist oder strafrechtlich völlig unrelevante Dinge wie Personalien-Feststellungen“, sagt Karl. So würden sich ganze Seiten füllen, in denen keine einzige Straftat benannt würde.
Fanbeauftragter Mendel stuft die Verbote hingegen aus polizeitaktischer Sicht als durchaus verständlich ein. Grundsätzlich könnten sie eine sinnvolle Maßnahme sein, um Störungen zu verhindern, auch wenn sehr sensibel und mit Augenmaß vorgegangen werden müsse. Die Gefahr, dass sich Fans zu Unrecht angeprangert und missverstanden fühlten, sieht er nämlich auch: „Schon jetzt ist der Graben zwischen beiden Parteien so groß, dass er gar nicht mehr größer werden kann“, sagt Mendel. „Langfristig hilft da nur ein Dialog zwischen beiden Parteien.“ Vielerorts werden neue Verbote und Strategien gegen gewaltbereite Fußballfans gefordert. Aus Sicht der betroffenen Fans wäre es sinnvoller, die Stadt- und Stadionverbote aufzuheben und stattdessen das Problem im Stadion in den Griff zu bekommen. Die Polizei sieht dies aber gänzlich anders. So wurde auch für das Heimspiel gegen Mönchengladbach für die Kölner Innenstadt, den Stadionbereich und die Bahnhöfe wieder eine dreistellige Anzahl von „Bereichsbetretungsverboten“ ausgesprochen.
Unsichtbare Mauer
Das Spiel ist vorbei, Köln hat einen Punkt geholt. Die Fußballanhänger verlassen in Scharen das Stadion, viele ziehen weiter in Richtung Innenstadt. Am äußersten Ende des „Sperrgebiets“ stehen andere junge Menschen, irgendwo unter ihnen auch Karl. Sie blicken erwartungsfroh auf die ankommenden Fans und suchen gespannt ihre Freunde. Begutachtet werden sie dabei von einigen Polizisten. Beide Parteien schauen sich wachsam an, es scheint eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen zu stehen.
Ob abermals neue Verbote, neue Richtlinien und härtere Sanktionen diese Mauer zum Einbrechen bringen, ist fraglich. Mendel ist sich sicher: „Verbote sind die eine Sache, aber man muss auch mit den Leuten arbeiten und darf sie nicht alleine lassen.“
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@Karon von Jetsam
23.04.2010 | 11.50 Uhr | Hypocrite
Und genau diese fundierte Prüfung findet leider nicht statt. Dass sowas bei Risikospielen gegen Leute ausgesprochen wird, die schon x-mal auffällig…
super...
23.04.2010 | 09.35 Uhr | BigBen
... find ich wieder das hier wieder allgemein verbreitete Halbwissen von Hobbyjuristen.
Als erstes sollte man mal das Stadionverbot, welches von…
@Kalter Kaffee
23.04.2010 | 09.08 Uhr | Hypocrite
Danke, dass du deine erste Aussage noch einmal überdacht hast.
Niemand will hier, dass Leute, die eine Gefahr für andere Mitmenschen darstellen…
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