Von Willi Germund, 03.05.10, 22:26h
Doch an der Beweislast gegen den 22-jährigen Kasab gab es nie den geringsten Zweifel. Filmaufnahmen zeigten, wie der schwer bewaffnete, schlaksige junge Mann im Hauptbahnhof von Mumbai wild um sich schoss. 66 Menschen starben dort im Kugelhagel. Die Attentäter, die bei Nacht in Schlauchbooten von einem Fischkutter vor der Küste gestartet und unbemerkt gelandet waren, drangen zudem in zwei Luxushotels nahe dem berühmten „Gate of India“ ein. Die Gebäude gingen in Flammen auf und die Sicherheitskräfte benötigten drei Tage, bis sie den Widerstand gebrochen hatten. Außerdem stürmten die Terroristen ein jüdisches Zentrum und massakrierten mehrere Israelis.
Indiens Behörden hatten zuvor Warnungen über einen bevorstehenden Angriff erhalten. Sie versickerten allerdings im bürokratischen Wirrwarr. Anhand von abgefangenem Telefonverkehr zwischen den Attentätern und ihrer Zentrale in der pakistanischen Hafenstadt Karachi wurde bald klar, dass die islamistische Untergrundorganisation “Lashkar-e-Toiba“ für den Terrorangriff verantwortlich war. Sie war vor Jahren von Islamabads Sicherheitskräften für den Einsatz im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs gegründet worden.
Pakistan bestreitet bis heute jede Verwicklung. Aber Experten sind überzeugt, dass der Angriff ohne Unterstützung von Islamabads Geheimdienst Isi unmöglich gewesen wäre - und dass die damalige Führung informiert gewesen sein muss. „Der Isi ist eine streng geführte, straffe Organisation“, sagt ein langjähriger ausländischer Kenner der Organisation. „So etwas kann nicht hinter dem Rücken der Chefs gemacht werden.“ Der Isi versteckte auch die Familie Kasabs, nachdem Journalisten sie nach dem Attentat in dem Dorf Faridkot in der Provinz Punjab aufgetrieben hatten. Von dort war Kasab 2005 in die Provinzhauptstadt Lahore gezogen, bevor er sich „Lashkar-e- Toiba“ anschloss.
Pakistan klagte mittlerweile sechs Bürger seines Landes wegen Beihilfe zu dem Terrorangriff an. Bislang wurde niemand verurteilt. Islamabad beantragte außerdem inzwischen die Auslieferung Kasabs, um - so die Begründung - die eigene Aufklärung vorantreiben zu können.
Kasabs Schicksal liegt nun in der Hand des Obersten Gerichtshofs Indiens in der Hauptstadt Delhi. Nach dem Schuldspruch soll von Dienstag an über das Strafmaß beraten werden. Die Verurteilung zum Tod am Strang wird für Mittwoch erwartet. Danach wird der Fall wie bei allen indischen Todesurteilen zunächst automatisch an eine höhere Instanz weitergeleitet. Zuletzt bleibt Kasab die Möglichkeit, vor dem Obersten Gerichtshof um Begnadigung zu bitten.
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