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Abschiebung

Roma sollen Deutschland verlassen

Von Norbert Mappes-Niediek, 20.04.10, 14:46h, aktualisiert 20.04.10, 19:46h

11.000 Roma sollen Deutschland verlassen. Das Abkommen zwischen Deutschland und dem Kosovo zur Rückführung der Flüchtlingen stößt auf Kritik. Der Staat sorgt für eine Woche für die Zurückkehrenden, danach ist für viele ein Flüchtlingslager Endstation.

Thomas de Maiziere
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Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) und Kosovos Innenminister Bajram Rexhepi (l.) vergangene Woche bei der Unterzeichnung eines Rückübernahme-und Sicherheitsabkommens in Berlin. (Bild: dpa)
Thomas de Maiziere
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Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) und Kosovos Innenminister Bajram Rexhepi (l.) vergangene Woche bei der Unterzeichnung eines Rückübernahme-und Sicherheitsabkommens in Berlin. (Bild: dpa)
GRAZ – Besuchern im Flüchtlingslager Cesmin Lug pflegt Latif Masurica ein riesiges Gurkenglas voller Visitenkarten zu zeigen: „Die waren alle schon hier“, sagt der Lagersprecher. „Passiert ist nichts.“ Auf den Karten stehen illustre Namen von Politikern, Diplomaten, Journalisten aus aller Welt. Alle haben mit Masurica geredet, sind zwischen den Hütten umhergelaufen, waren bestürzt und haben rasche Abhilfe versprochen. Aber auch in diesem Jahr wieder trägt der Frühjahrswind die Asche von den Abraumhalden und bläst sie zwischen den Unterkünften her. Noch immer leben hier um die 560 Menschen - die Hälfte Kinder, viele in zerlumpten Kleidern. Jetzt droht dem schaurigen Ort Zuwachs: Nach dem Rückführungsabkommen, das beide Staaten unterzeichnet haben, muss der Kosovo seine Staatsbürger aus Deutschland zurücknehmen.

Den großen Teil von ihnen machen geschätzte 11 500 Roma aus. Sie sollen nun zurück, pro Jahr bis zu 2500. Viele von ihnen leben seit 1999, die meisten schon seit Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland, sagt Hil Nrecaj, ein kosovarischer Anwalt. Die Deutschland-Rückkehrer werden, wenn sie am Flughafen Pristina angekommen sind, von der Kosovo-Regierung für eine Woche in einem Hotel untergebracht. „Wo sie dann bleiben, ist aber völlig ungewiss“, sagt Nrecaj. Ein halbes Jahr lang gibt es von Deutschland um die 150 Euro pro Kopf. Er habe aber noch niemanden getroffen, der nach dem halben Jahr einen Arbeitsplatz oder ein Einkommen gehabt hätte, sagt der Anwalt.

Wanda Troszczynska von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vermutet, dass sie in den kleinen Ghettos der Städte landen - vor allem in Prizren. Nrecaj fürchtet, dass für viele eines der Lager die Endstation wird. Die Probleme beginnen rasch. „Die meisten haben kein Haus“, so Troszczynska, „und rufen Verwandte an“ - die alle selbst in Elendsvierteln wohnen. „Die Roma-Gemeinschaften sind jetzt schon um das Zehnfache überlastet“, erzählt Troszczynska, die 80 Roma-Familien im Kosovo besucht hat. Als sie vor bald 20 Jahren flohen, haben die Roma ihre Häuschen meist verkauft. Sozialhilfe gibt es im Kosovo nur für Familien mit einem Kind unter fünf Jahren.

Kinder sind die Hauptbetroffenen. „Sie sind alle in Deutschland geboren“, sagt Nrecaj, „und verstehen in kosovarischen Schulen kein Wort.“ Als besonders tragisch bekannt wurde der Fall von Elvira Gashi, einer 21-jährigen Mutter von zwei kleinen Kindern, die selbst als Einjährige nach Wolfenbüttel gekommen war - und zusammen mit ihrem gewalttätigen Ehemann ins fremde Kosovo abgeschoben wurde.

Roma im Kosovo sind eine verdrängte Minderheit. Vor dem Krieg machten sie mit 120 000 Menschen an die sieben Prozent der Kosovo-Bevölkerung aus. Die Mehrheit spricht serbisch, ein etwas kleinerer Teil, Aschkali genannt, albanisch. Einige Tausend deklarieren sich als „Ägypter“ - der Legende nach sind ihre Vorfahren am Nil einst vor den Arabern geflüchtet und auf dem Balkan gestrandet. Im Kosovo-Krieg gerieten sie zwischen die Fronten: Belgrad brauchte die „kleinen“ Minderheiten, um sie gegen die albanische Mehrheit in Stellung zu bringen. Hass ernteten sie, als sich manche Roma 1999 an den Vertreibungen und Plünderungen der Albaner durch die jugoslawische Armee beteiligten.

Nach dem Nato-Einmarsch zündeten albanische Veteranen in den Städten Mitrovica und Vushtrri die Zigeunerviertel an. Die Roma flohen in den serbisch kontrollierten Norden des Kosovo. Als Unterkunft wurden ihnen zwei Gelände über dem großen Bergwerk von Trepca zugewiesen - mit extrem bleiverseuchtem Boden. Trotzdem blieb das Problem ungelöst: Die UN wollten die Flüchtlinge wieder in ihre alten Häuser im albanisch dominierten Teil des Kosovo bringen. Aus Furcht vor Übergriffen weigerten sich viele, die sichere serbische Umgebung zu verlassen.

Im serbischen Norden aber mochten die Vereinten Nationen nicht mit den von Belgrad bezahlten Parallelbehörden zusammenarbeiten. So fielen die Roma durch den Rost. Volle sieben Jahre vergingen, bis die Flüchtlinge endlich die schlimmsten Giftdeponien räumen konnten. Seither leben sie in drei anderen, ebenso provisorischen Lagern.



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