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Porträt Jürgen Rüttgers

Der Unerschütterliche

Von Tobias Kaufmann, 29.04.10, 21:46h, aktualisiert 30.04.10, 09:11h

Packt er es noch? Jürgen Rüttgers kämpft in NRW um seine zweite Amtszeit. Nicht nur der schlechte Start der Bundesregierung hat dem Ministerpräsidenten den Wahlkampf verhagelt. Im Land kommt Wechselstimmung auf.

Jürgen Rüttgers
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Jürgen Rüttgers, CDU. (Bild: dpa)
Jürgen Rüttgers
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Jürgen Rüttgers, CDU. (Bild: dpa)
Gelassenheit. Wo immer Jürgen Rüttgers derzeit für sich wirbt, versucht er dieses Gefühl zu vermitteln. Ein Politiker, der in sich ruht und der Konkurrenz ironisch begegnen kann. Lange war das auch so. Die Wiederwahl schien sicher. Die SPD war ein Torso, implodiert nach 39 Jahren Herrschaft in NRW. Der Mann, der sie besiegt hatte, sinnierte mitleidig über das Ende der Volkspartei.

Doch dann verpatzt das schwarz-gelbe Projekt in Berlin den Start. Der Triumph der Bundestagswahl fühlt sich wie eine Niederlage an. Die NRW-CDU schlingert, rutscht in eine Sponsoraffäre, über deren Bedeutung sie sich selbst unsicher ist. Rüttgers sitzt zwischen den Stühlen - will die Berliner Stimmung nicht ausbaden, aber der Kanzlerin gegenüber nicht illoyal sein. Plötzlich kommt in NRW so etwas wie Wechselstimmung auf. Rüttgers ist nicht mehr nur Amtsinhaber. Er ist Kandidat.

Sollte ihn das Schwanken der Wähler ärgern, dann lässt Rüttgers es sich nicht anmerken. Stattdessen sagt er: „Die Leute wählen nicht die Partei, die früher gut war, sondern die, von der sie sich die besten Perspektiven versprechen.“ In seinem Fall ist die Partei eher eine Person. Rüttgers ist die NRW-CDU, die NRW-CDU ist Rüttgers. Die Partei hat ein Wahlprogramm beschlossen, das die verbreitete Unsicherheit in einer sich ändernden Welt wahrnimmt, klare Aussagen aber meidet. Die konkreteste Antwort ist - Rüttgers. Manche Plakate zeigen sein Gesicht ohne Parteinamen. Das schmeichelt einem Kandidaten. Aber es verlangt ihm auch viel ab.

Die Rüttgers-Kampagne vibriert geradezu. Die Marktplätze-Reise reicht nicht. Zusätzlich gibt es die „Kennenlern-Tour“: Der 58-Jährige stellt sich allein in einer Arena den Fragen von allen Seiten. Wer den Landesvater noch intimer erleben will, der kann auch das haben.

Privatleben abgeklopft

„Ein Abend mit Jürgen und Angelika Rüttgers“ in der Leverkusener BayArena. Das „Event Center“ ist voll. Die meisten Gäste sind älter als 50, viele Ehepaare sind gekommen. Sie haben sich schick gemacht. Knapp anderthalb Stunden nimmt das erste Ehepaar des Landes sich Zeit. Eine halbe Stunde lang klopft die Moderatorin mit vorbereiteten Fragen das Privatleben ab, danach leitet sie zur Politik über. Von da an redet fast nur noch der Kandidat. Seine Frau lächelt ihn an. Das Publikum kann Fragen auf Karten notieren und einreichen. Die erste, die die Moderatorin vorliest, lautet: „Frau Rüttgers, bei welchen Organisationen engagieren Sie sich ehrenamtlich?“

In diesen Momenten scheint die Arbeit hinter der Fassade durch. Die Spontaneität ist erstrebt. So wie ehrgeizige Stellenbewerber Ungeduld als Schwäche in den Lebenslauf schreiben, so setzt Rüttgers gezielt Schwächen ein. Zu Hause hat seine Frau „die Hosen an“. Angelika, die „Vorstandsvorsitzende eines erfolgreichen Familienbetriebs“, die spontan ist, immer gut gelaunt - und so den nachdenklichen Gatten ergänzt. Er dagegen, so bekennt die ehemalige Kindergärtnerin strahlend, sei großzügig, tolerant, der beste vorstellbare Ehemann und Vater. Wenn der abends nach Hause kommt, liest er noch ein paar Seiten. Immer. Morgens um 6.15 Uhr wird gefrühstückt. Mit Frau und Kindern. Immer. Die Gäste im Raum stellen sich vor, wie der Ministerpräsident im Ferienhaus in Frankreich auf Knien das Bad renoviert, weil er gerne „etwas mit den Händen macht“.

Es gibt Applaus, als Rüttgers erzählt, er stelle sich dazu, wenn die Nachbarn auf dem Bürgersteig schwatzen. Das sei ja viel ergiebiger als jede Umfrage. „Die Leute wollen nicht nur über Politik reden, sie wollen wissen: Was ist das für ein Typ?“, sagt Rüttgers.

Kompetent und glaubwürdig

Der Typ, den der Ministerpräsident darstellt ist kompetent, glaubwürdig und volksnah. Zugleich ist Rüttgers aber ein Aufsteiger, zu dem Krawatten besser passen als Strickjacken. Er kann wütend und bissig werden, wenn es um Politik geht. Aber sonst: Keine Angriffsfläche. Man kann ihm entlocken, dass er Sympathisant des 1. FC Köln ist. Mönchengladbach findet er trotzdem gut.

Wie so viele andere, sieht auch Rüttgers' Tour ein bisschen nach Obama aus. Der US-Präsident konnte am Ende keine Hühnchen-Sandwichs mehr sehen. Rüttgers hat die Frikadellen über. Seit er in einem der unzähligen Wahlkampf-Interviews erzählt hat, gerne Frikadellen zu essen, wird er zu oft damit begrüßt. Zu vermitteln, viel größere Probleme gäbe es auf dem Weg zurück ins Amt nicht, gehört zu Rüttgers politischer Begabung.

Wäre der Ministerpräsident ein bedrängter Präsident in einem Hollywood-Film, dann gäbe es eine Szene, in der er sich abends abgekämpft unter die Dusche kauert. Angezogen. Aber nichts deutet darauf hin, dass Rüttgers so etwas passieren könnte. Er klingt wirklich überzeugt, wenn er sagt, es gebe keinen Plan B. Es werde reichen für Schwarz-Gelb. Anders darf es nicht sein in dieser Einer-für-alle-Kampagne. Denn wenn die CDU in NRW nicht weiter regieren kann - dann ist der Mann, der sie alleine retten sollte, vielleicht auch alleine schuld.



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