Von Norbert Bolz, 11.05.10, 15:06h
Berühmt wird ein Journalist, wenn er sehr gut schreiben kann. Und das bedeutet, dass er über Intelligenz und Stil verfügen muss. Nichts ist seltener. Das sehr gut Geschriebene hat eine Prägnanz, die fasziniert. Nur damit kann sich der Journalist in Zukunft gegen die Blogger durchsetzen, die immer unschlagbar emotional sein werden. Informationen sind ausgewählte und gestaltete Bits. Das heißt in Informationen steckt Arbeit. Wir haben in Demokratien aber das schöne Vorurteil, dass diese Arbeit nicht richtig bezahlt werden muss. Freie Presse ist immer schon als kostenlose Information über die Welt verstanden worden.
Die Fülle erzeugt Knappheit
Dass Information frei fließen will, heißt für uns eben auch: sie ist gratis. Deshalb ist es so schwer, mit Informationen im Internet Geld zu verdienen. Wir haben einfach kein schlechtes Gewissen, wenn wir für Informationen und Nachrichten nichts bezahlen. Geld fließt nur dorthin, wo die Knappheit ist. Aber was ist knappe Information? Es gibt nicht nur eine Bedürfnispyramide, sondern auch eine Informationspyramide.
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Die Fülle der Information erzeugt die neue Knappheit, nämlich die Knappheit von Aufmerksamkeit und Sinn. Macht man sich das klar, löst sich das Paradox der Information auf - dass sie nämlich kostenlos und teuer zugleich ist.
An der Spitze der Informationspyramide steht Orientierung. Bezahlt wird in der digitalen Zukunft wohl überhaupt nur noch für unvergessliche Erlebnisse und sinnstiftende Informationen. Nicht Information ist heute also knapp, sondern Aufmerksamkeit und Urteilskraft. Erfolgreiche Journalisten sind Manager der Aufmerksamkeit. In der Datenflut der Multimedia-Gesellschaft kann „Mehrwert“ nur heißen: weniger Information. Unter dem Druck der neuen Informationstechnologien neigt man ja dazu, alle Probleme als Probleme des Nichtwissens zu deuten. Aber Sinnfragen und Orientierungsprobleme lassen sich nicht mit Informationen beantworten. Konfusion kann man nicht durch Infusion von mehr Information beheben.
Die persönliche Zeitung hilft nicht
Wir haben kein Informationsproblem, sondern ein Orientierungsproblem. Weil Journalisten Aufmerksamkeitsmanager sind, führt auch die Idee einer Daily Me, einer maßgeschneiderten Zeitung in die Sackgasse. Die „persönliche“ Zeitung setzt voraus, dass die Leser nur an den eigenen Interessen interessiert sind und dass sie sie zu benennen wissen. Aber das ist die Ausnahme. Im allgemeinen weiß ich nämlich nicht, was ich wissen will. Und diese Situation wird mit dem Anschwellen der Datenflut immer dramatischer. Die maßgeschneiderte Zeitung ist übrigens auch deshalb problematisch, weil sie den Leser in einen Informationskokon einspinnt, in dem die Erfahrung des Neuen kaum mehr möglich ist. Es war ja immer eine der wesentlichen gesellschaftlichen Funktionen der klassischen Zeitung, den Leser mit abweichenden Meinungen zu konfrontieren, ihm Ideen nahe zu bringen, die er nicht selbst ausgewählt hat. Die Stärke der Massenmedien ist unmittelbar abhängig davon, was sie nicht können. Sie sind vor allem nicht interaktiv.
Diese „Nichtinteraktivität“ der Massenmedien hat den großen Vorteil, dass man dort auf ganz bestimmte Weise Aufmerksamkeit erzwingen kann: Das ist heute Thema! Das ist ein Aufmerksamkeitseffekt, den interaktive Medien niemals erreichen können. Und immer dann, wenn Angebote im Internet tatsächlich ähnlich aufmerksamkeitsstark sind, haben wir es mit der paradoxen Dynamik zu tun, dass ein interaktives Medium in ein Massenmedium umschlägt. Ein Blog, der 50.000 mal besucht wird, ist kein Blog mehr, sondern ein Massenmedium. Interaktivität wird dann fiktiv. In jedem Blogger steckt ein Journalist, der sein Massenmedium sucht.
Ich frage mich,...
16.05.2010 | 18.23 Uhr | schoenaberselten
warum Sie doch wieder einen Kampf zwischen Journalisten und Bloggern heraufbeschwören, indem Sie eine Abgrenzung fordern, die Journalisten mit…
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